NS-Gedenken Wernauer gestaltet Gegendenkmal zur „Judensau“
Der Wernauer Künstler Hans-Joachim Prager hat mit seiner Stele „Reflexion“ einen Widerpart zu der Schmähskulptur „Judensau“ in Zerbst (Sachsen-Anhalt) erschaffen. Was hat ihn angetrieben?
Der Wernauer Künstler Hans-Joachim Prager hat mit seiner Stele „Reflexion“ einen Widerpart zu der Schmähskulptur „Judensau“ in Zerbst (Sachsen-Anhalt) erschaffen. Was hat ihn angetrieben?
In den vergangenen Jahren ist die Schmähskulptur „Judensau“ an der Kirchenruine St. Nikolai im sachsen-anhaltinischen Zerbst – ähnlich der im nahe gelegenen Wittenberg – immer wieder in der Diskussion gewesen. Die mittelalterliche Plastik zu entfernen, wäre sicherlich das Einfachste gewesen. Allerdings sprach sich nicht nur der Denkmalschutz gegen diese Variante aus. Entschieden wurde letztlich, in unmittelbarer Nachbarschaft ein sogenanntes Gegendenkmal zu errichten.
Dieses hat der Wernauer Künstler Hans-Joachim Prager nicht nur entworfen und gestaltet, sondern dieser Tage auch zusammen mit dem Zerbster Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD) sowie dem Pfarrer Lutz-Michael Sylvester vor Ort enthüllt und der Öffentlichkeit übergeben. Mit der 1,25 Meter hohen und 60 auf 60 Zentimeter breiten Stele, die den Titel „Reflexion“ trägt, will aber nicht nur die Kirchengemeinde St. Nicolai und St. Trinitatis der judenfeindlichen Hassbotschaft ein Zeichen der Toleranz und der Versöhnung entgegensetzen.
„Die im Jahr 1450 entstandene Schmähskulptur und ihre Bedeutung sind ein verabscheuungswürdiges und nicht tolerierbares Zeugnis des Hasses. Dies soll nicht länger unkommentiert bleiben“, erklärte Sylvester bei der Präsentation. Und Rathauschef Dittmann ergänzte: „Wir können den Antisemitismus der vergangenen Jahrhunderte nicht ungeschehen machen, sondern müssen uns damit auseinandersetzen.“ Die Stele von Hans-Joachim Prager stelle sich deshalb der Hassbotschaft des Reliefs an St. Nicolai im tatsächlichen ebenso wie im übertragenen Sinne direkt entgegen.
Für den Wernauer Künstler wiederum, der sich mit seinem Entwurf in einem ausgelobten Gestaltungswettbewerb durchsetzen konnte, an dem zehn Künstlerinnen und Künstler teilgenommen hatten, war die Teilnahme an der Konkurrenz eine Herzensangelegenheit: „Um sich persönlich zum geschichtlichen und zukünftigen Zeitgeschehen in Beziehung zu setzen und sich zu reflektieren, wäre es erstrebenswert, im ,Wir‘ eine gemeinsame Basis zu finden. Eine Basis, auf der wir die Welt ein bisschen menschlicher machen können.“
Der 70-Jährige, dessen Atelier in Wernau unter dem Namen „Artefakts“ firmiert, will mit seinem Exponat dazu beitragen, „dass dies hier ein Ort der Begegnung und der Verständigung wird“. Eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung des Mahnmals habe für ihn die Überlegung gespielt, dass jeder Mensch, ungeachtet seiner Weltanschauung und Religion, an dieser Stelle spüre, dass er in seiner Individualität angenommen werde. Seinen Ansatz hat er künstlerisch umgesetzt.
Pragers Stele besteht aus zwei Teilen, einem Granitsockel und einer aufgesetzten Bronzehaube. Auf der Deckplatte sind die Worte zu lesen: „Wir – die wir hier stehen/Wir sind/ Wir denken/Wir wirken/zusammen wir gehen.“ An der Stirnseite mahnt der 1. Artikel des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Darunter sind die Namen jüdischer Familien aufgeführt, die in Zerbst Opfer des Nationalsozialismus’ geworden sind. Auf dem Granitsockel des Mahnmals setzt der Satz „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde“ aus dem ersten Buch Mose die biblische Grundlage.