Die Stadt Stuttgart will in der künftigen NS-Gedenkstätte keine Fläche für Wechselausstellungen. Die Eröffnung wird nicht vor Ende 2016 sein.

Politik/ Baden-Württemberg: Thomas Faltin (fal)

Stuttgart - Der Bürgerverein zum Hotel Silber will sich nicht geschlagen geben: Am Donnerstagabend will die Initiative erörtern, wie sie auf die Kürzung der Mittel für die künftige NS-Gedenkstätte reagiert. Staatssekretär Jürgen Walter (Grüne), Ministerialdirigent Wolfgang Leidig (SPD) und Stuttgarts Bürgermeisterin Susanne Eisenmann (CDU) hatten Ende Juli entschieden, dass der Jahresetat um fast 40 Prozent auf 500 000 Euro (plus Miete) beschnitten wird; die Fläche wurde um ein Stockwerk verringert und umfasst noch 1000 Quadratmeter.

Eine Antwort der Stadtverwaltung auf eine Anfrage der CDU-Ratsfraktion hat jetzt zusätzliches Öl ins Feuer gegossen. Denn darin teilt OB Fritz Kuhn (Grüne) mit, dass es im Hotel Silber keine Fläche für Wechselausstellungen geben werde, was zuletzt zugesagt war. Es sei, so die Begründung, „finanziell unverantwortlich“, wenn man im Hotel Silber und im nahe gelegenen künftigen Stadtmuseum solche Flächen vorhalte. Anja Dauschek vom Planungsstab für das Stadtmuseum bot an, dass das Hotel Silber ihre Flächen mit nutzen könne. Geplant war aber, dass die rund 60 Gedenkstätten im Land im Hotel Silber ihre kleinen Ausstellungen zeigen könnten. „Was hätte eine Schau über die Rexinger Juden im Stuttgarter Stadtmuseum verloren?“, fragt Harald Stingele, der Sprecher des Vereins.

Daneben ärgert man sich im Verein darüber, dass die Stadtverwaltung in ihrer 22-seitigen Antwort zwar den gewünschten Vergleich zu anderen NS-Dokumentationszentren in Deutschland angestellt hat – dieser Vergleich sei aber so unvollständig, dass man fast den Eindruck gewinne, wichtige Daten seien mit Absicht weggelassen worden. Gerade bei der ähnlichen Einrichtung in Köln sei weder angegeben, dass es sich um ein rein städtisches Zentrum handele noch dass die Stadt Köln jährlich 1,8 Millionen Euro dafür aufwendet.

Eröffnung des Dokumentationszentrums frühestens 2016

Die Stadt Stuttgart müsste nach derzeitigem Stand etwa 300 000 Euro jährlich investieren. Im direkten Vergleich zu den großen Zentren nimmt sich das Hotel Silber bescheiden aus. Allerdings wird das Hotel Silber an das Haus der Geschichte angedockt und braucht keine eigene Leitung, was die Gedenkstätte günstiger macht.

Die Kürzung zurücknehmen könnten jetzt nur noch der Landtag und der Stuttgarter Gemeinderat. Ob sich dafür im Gemeinderat eine Mehrheit findet, ist ungewiss. Die Grünen würden damit ihren OB düpieren. Fraktionschef Peter Pätzold sagte, man könne sich eine Option für eine spätere Erweiterung vorstellen. Alexander Kotz, Chef der CDU, ist mit der jetzigen Lösung zufrieden. SPD-Fraktionsvorsitzende Roswitha Blind zeigte sich hin- und hergerissen. In seiner Antwort hat OB Fritz Kuhn übrigens erstmals einen Eröffnungstermin genannt: Frühestens Ende 2016, vielleicht erst 2017 könne das Dokumentationszentrum eingeweiht werden.

In anderen Städten wird mehr Geld investiert

Köln Das Elde-Haus in Köln ist am ehesten mit dem Hotel Silber vergleichbar – auch im dortigen NS-Dokumentationszentrum saß früher die Gestapo. Die Stadt Köln finanziert den Jahresetat von 1,8 Millionen Euro allein. Derzeit arbeiten 21 Angestellte in der Einrichtung, die gesamte Nutzfläche beträgt 2900 Quadratmeter. Zuletzt kamen 56 000 Besucher im Jahr.

München Im kommenden Jahr soll das Dokumentationszentrum eröffnen, das an der Stelle des früheren „Braunen Hauses“, der NSDAP-Parteizentrale, errichtet wird. Die Stadt München betreibt die Einrichtung. Etat und Mitarbeiterzahl stehen noch nicht fest; gerüchteweise hört man den Betrag von zwei Millionen Euro. Die Nutzfläche umfasst 3200 Quadratmeter. Man hofft auf 200 000 Besucher im Jahr.

Nürnberg Trotz der bundesweiten Bedeutung des früheren Reichsparteitagsgeländes betreibt die Stadt Nürnberg das dortige Dokumentationszentrum allein. Jährlich stehen 1,3 Millionen Euro zur Verfügung, neun Mitarbeiter sind beschäftigt, 3600 Quadratmeter umfasst die Nutzfläche. Die Zahl der Besucher liegt bei mehr als 200 000 im Jahr.

Berlin „Topographie des Terrors“ heißt das Gelände, wo früher die Zentralen der Reichsführung-SS und anderer hoher NS-Behörden standen. Bund und Land Berlin finanzieren das Zentrum gemeinsam, der Etat hat eine Höhe von 2,8 Millionen Euro im Jahr. 16 Vollzeitstellen und 25 Honorarkräfte sind vorhanden, die Nutzfläche beträgt 3500 Quadratmeter. Im Jahr 2012 kamen 950 000 Besucher.