NS-Opfer in Stuttgart Akustischer Stolperstein für ein ermordetes Kind

Wer an der Kurbel dreht, erfährt vom Schicksal der Opfer. Foto: Lg/Piechowski
Wer an der Kurbel dreht, erfährt vom Schicksal der Opfer. Foto: Lg/Piechowski

Ein Denkmal am Stadtmuseum erinnert an die 5000 umgebrachten jungen Leute in der NS-Zeit. Es ist ein ganz besonderer Stolperstein.

Stuttgart - Auf großes Publikumsinteresse war der akustische Stolperstein für Klara Leucht bereits vor seiner Wiederaufstellung am Montag gestoßen. Nach seiner Einweihung im vergangenen Juli stand der zunächst nur als temporäre Installation geplante Kasten mit der Handkurbel zunächst im Eingangsbereich des Stadtpalais, befestigt an einer niedrigen Stele. Nun ist das Denkmal noch exponierter als vorher. Als permanente Installation steht es direkt an der Urbanstraße. Kasten und Handkurbel sind nun an einem hohen Pfeiler angebracht, außerdem prangt ein Schriftzug aus Messing mit dem Namen Klara Leucht an ihm.

Vier Tonspuren stehen zur Verfügung

Von einer „thematischen und methodischen Erweiterung des Prinzips Stolperstein in den öffentlichen Raum“ sprach Stadtpalais-Direktor Torben Giese in diesem Zusammenhang. Bei der Einweihung am neuen Standort waren auch Jürgen Czwienk, der Künstler und Erfinder des akustischen Stolpersteins, und Waltraud Leucht, die Nichte Klara Leuchts, zugegen. Passanten, die an der Kurbel drehen, erzeugen Strom und aktivieren je nach Wunsch eine von vier Tonspuren, die an das kurze Leben Klara Leuchts erinnern und über die Hintergründe der Stuttgarter Kindermorde informieren.

Neue Wege

Die 1924 geborene Leucht gehörte zu den mindestens 5000 körperlich oder geistig behinderten jungen Menschen, die Opfer des sogenannten „Runderlasses“ des NS-Regimes wurden. Der Erlass trat am 1. Juli 1940 in Kraft und verfügte, dass jungen Menschen in sogenannten Kinderfachabteilungen von Nervenheilanstalten ermordet wurden. In der Stuttgarter Kinderfachabteilung kamen weit mehr als 50 Kinder und Jugendliche zu Tode. Klara Leucht wurde von Stuttgart aus in die Anstalt Eichberg/Eltville verschleppt und dort 1941 im Alter von 17 Jahren umgebracht. Wer an der Kurbel dreht und akustisch am Schicksal des Mädchens teilnimmt, erregt unweigerlich Aufmerksamkeit, denn die Tonspuren sind auf der Straße gut zu hören. Das ist Absicht.

„Es ist laut genug, damit die Leute herkommen und fragen: ,Was ist da?’“, so Torben Giese. Es gelte eine Balance zu halten zwischen der reinen faktischen Information und „Unterhaltung“, sagte Jürgen Czwienk. „Die Frage ist: wie macht man darauf aufmerksam, ohne sich moralisch zu verfangen?“, ergänzte Torben Giese. Mit dem Stolperstein gehe man neue Wege und trage der Tatsache Rechnung, dass Erinnerungskultur nichts Feststehendes ist. „Ob das der richtige Weg war, wird die Retrospektive zeigen“, so Giese.




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