NS-Verbrecher Sigfried Uiberreither Sindelfinger wollen Geheimnis lüften

Sigfried Uiberreither (linker Bildrand) war als Gauleiter dem Führer Adolf Hitler unterstellt. Foto: Archiv

39 Jahre lang lebte der ranghohe NS-Funktionär Sigfried Uiberreither alias Friedrich Schönharting in Sindelfingen. Der Historiker Stefan Karner forscht zum Untertauchen des Naziverbrechers – und sammelt Hinweise von Zeitzeugen.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Wie konnte Sigfried Uiberreither mit seiner Familie unter dem Namen Friedrich Schönharting fast 40 Jahre unbehelligt in Sindelfingen leben? Wer wusste von der wahren Identität des Mannes, der in der Steiermark und in Slowenien als NS-Gauleiter für barbarische Verbrechen verantwortlich ist und dem als Kriegsverbrecher die Todesstrafe drohte? Wer verhalf Uiberreither nach dem Erscheinen vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal zur Flucht?

 

Fragen über Fragen, die sich seit einigen Jahren nicht nur der Historiker Stefan Karner stellt, sondern auch die Sindelfinger Stadtverwaltung und die Bürgerschaft. Der Aufklärungsprozess des Nazifunktionärs, der von 1947 bis 1984 in Sindelfingen lebte, gestaltet sich schwierig. Die Quellenlage ist äußerst dünn, die Bereitschaft vieler Menschen, Stellen oder Unternehmen, bei denen Uiberreither beschäftigt war, Licht ins Dunkel zu bringen, nicht überbordend. Das bemerkte auch der Redakteur unserer Zeitung, der 2017 den Fall in Sindelfingen durch seine Recherchen ins Rollen brachte.

Uiberreither war kein Mitläufer,sondern Täter an der Regimespitze.

Wohl auch deshalb verstärkt Karner mit seinem Besuch in Sindelfingen seine Bemühungen. Dabei hat der Grazer Professor – passend zu einem ungelösten Kriminalfall – am Dienstagabend in der Musikschule Zeitzeugen um Mithilfe gebeten. Im Mittelpunkt zunächst: Die Vita des gebürtigen Salzburgers Uiberreither, der über die SA Karriere machte und ab 1938 als NSDAP-Gauleiter und später Reichsstatthalter der Steiermark fungierte. In dieser Funktion zeichnete Uiberreither, der laut Karner keine Mitläufer-, sondern eine Führungsrolle innerhalb des Dritten Reiches einnahm, verantwortlich für massenhafte Vertreibungen, Verhaftungen, Deportationen und Ermordungen.

Die historischen Fakten über die Verbrechen als NS-Funktionär sind hinlänglich bekannt, ein großes Geheimnis bleibt der zweite Teil seines Lebens als Privatmann. „Sigfried Uiberreither hatte zwei Leben, zwei Gesichter, zwei Identitäten. Er lebte 37 Jahre in Österreich und 39 Jahre in Sindelfingen. Ich kann Ihnen die ‚steirische’ Seite des Sigfried Uiberreither zeigen. Nun hoffe ich auf Hinweise über die ‚Sindelfinger’ Seite des Mannes, den Sie hierzulande als Friedrich Schönharting kennen“, erklärt Stefan Karner vor rund 100 interessierten Zuhörern.

Ein mutmaßlicher Kriegsverbrecher auf der Flucht

Obwohl die großen Fragen weiterhin ungeklärt sind, sind ein paar wenige Puzzleteile bekannt. „Wir wissen, dass Uiberreither im November 1947 nach Sindelfingen kam. Zuerst hatte er mit seiner Familie auf dem Areal seines Arbeitgebers gewohnt, dann sind die Schönhartings mehrmals umgezogen“, erläutert Horst Zecha, der sich um die Stadtgeschichte kümmert.

Bis etwa 1970 arbeitete Sigfried Uiberreither bei Bitzer, später noch ein paar Jahre bei einer für die Bundesbahn tätigen Firma in Stuttgart. 1984 starb er nach einer Alzheimererkrankung. Seine Frau, die als Geigenlehrerin an der Musikschule arbeitete, lebte weiter unerkannt in Sindelfingen. Das Urnengrab der beiden auf dem Burghaldenfriedhof besteht bis heute. Von den vier Söhnen ist keiner mehr in der alten Heimat wohnhaft. Zwar haben sowohl Stefan Karner als auch Horst Zecha Kontakt zu den Nachkommen Sigfried Uiberreithers, welchen Beitrag sie zur Aufklärung leisten können, ist ungewiss. „Wir hoffen auf die Söhne“, sagt Zecha. Inwieweit diese überhaupt von der dunklen Vergangenheit Kenntnis hatten, ist unklar.

Kontakt zu den Söhnen besteht: Doch wussten sie überhaupt etwas?

Eine Zuhörerin, die noch immer im Austausch mit einem der vier Söhne steht, vermutet, dass auch die Schönharting-Jungs im Unklaren über das Familiengeheimnis gelassen wurden: „Sie haben es wohl auch später erst erfahren. Immer wieder haben sich die Jungs gewundert, warum sie keine Verwandten haben, woher sie kommen. Ich bin mir aber sicher, das war auch für sie nicht leicht.“ Dieser Ansicht schließt sich auch Professor Karner an: „Wir gehen davon aus, dass die Söhne erst spät im Bilde waren. Da waren sie schon keine Kinder mehr. Sie konnten ja nichts dafür.“

Unzählige Erinnerungen zu den Schönhartings

Während sich die meisten Zeitzeugen anekdotisch an eine teils zurückgezogene, teils aber auch aktive, vor allem gebildete Familie Schönharting erinnert („Käthe Schönharting war eine nette und fürsorgliche Frau und die Söhne unscheinbare Mitschüler“), verbindet einer der Zuhörer Sigfried Uiberreither mit Schrecken: „Mein Vater war evangelischer Pfarrer in der Nähe von Graz. Er wurde Opfer der grausamen Politik Uiberreithers, denn er landete im Konzentrationslager Mauthausen. Er hatte zwei Familien in der Schweiz vor den Nazis versteckt und wurde von einem Gemeindemitglied verpfiffen. Zum Glück überlebte er Mauthausen.“

Trotz aller Fragezeichen – die engen Verbindungen zu Firmengründer Martin Bitzer und Oberbürgermeister Arthur Gruber halfen Uiberreither, für fast vier Jahrzehnte Unterschlupf zu finden. Eine Großnichte Bitzers erinnert sich: „Die Schönhartings waren bekannt. Was sich genau hinter ihnen verbarg, war ein Tabuthema. Im Nachhinein wurde mir klar, warum wir die Schönhartings nie persönlich in dem Ferienhaus Bitzer am Bodensee trafen, sondern immer gezielt nach ihnen anreisen mussten.“

Unbestritten ist: Jemand musste Sigfried Uiberreither vor der Auslieferung und der Hinrichtung bewahrt und falsche Identitäten verschafft haben. Ob bahnbrechende Forschungsergebnisse seines Schwiegervaters, des Polarwissenschaftlers Alfred Wegener, für die Alliierten als Faustpfand für seine Freilassung eingetauscht wurden? „Das wissen wir noch nicht. Wir werden die nun erhaltenen Hinweise nacharbeiten. Nächstes Jahr soll ein Buch darüber mehr Aufschluss geben“, kündigt Stefan Karner an, der in diesem Fall mehr wie ein Kriminalermittler als ein Historiker nach Spuren sucht.

Karriere erst in der SA, dann bei der NSDAP

Herkunft
 Sigfried Uiberreither wird 1908 in Salzburg in eine großdeutsch eingestellte Familie geboren.

Studium
 Sein Rechtswissenschaftsstudium absolviert Uiberreither in Graz in der Steiermark.

Gesinnung
 Seine faschistische Einstellung zeigt sich spätestens, als er um 1936 in die zu dieser Zeit noch verbotene SA eintritt. Dort macht er Karriere. 1938 tritt er der NSDAP bei.

Heirat
 Uiberreither heiratet Käte Wegener, die Tochter des bekannten Polarwissenschaftlers Alfred Wegener. Diese Verbindung könnte später möglicherweise hilfreich gewesen sein. 

Machtmensch
 1938 wird Uiberreither Gauleiter der Steiermark, 1940 Reichsstatthalter und damit Chef der steirischen Zivilverwaltung.

Verbrechen
 Unter seiner Ägide werden Tausende Menschen deportiert, vertrieben und ermordet. Dennoch wird er in Nürnberg erst als Zeuge vorgeladen.

Flucht
 Uiberreither gelingt die Flucht vor der Auslieferung nach Jugoslawien, wie, ist ungewiss. Er findet ab 1947 in Sindelfingen Unterschlupf. Die Enttarnung kommt auch durch einen Bericht unserer Zeitung ins Rollen.

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