Der Heimatverein, links Wolfgang Schütz, hat zwei Jahre intensiv für die neue Schau „UnHeil in Weil – eine Kleinstadt unterm Hakenkreuz“ recherchiert. Foto: Brunhilde Arnold
Zwei Jahre lang recherchierte der Heimatverein in Weil der Stadt die NS-Zeit. Eine neue Ausstellung beleuchtet die Machtergreifung 1933 vor Ort. Auch aus aktuellem Gründen.
Brunhilde Arnold
16.04.2026 - 11:04 Uhr
Zwei Jahre lang beschäftigten sich Mitglieder der Museumsgruppe des Heimatvereins Weil der Stadt mit einem immer noch schwierigen Thema, sie diskutierten und redeten sich die Köpfe heiß. Sie recherchierten in Archiven, auch in denen des Wochenblatts und der lokalen Tageszeitungen.
Jetzt ist das Ergebnis der intensiven Arbeit im ersten Stock des Stadtmuseums am Marktplatz zu sehen. Die Sonderausstellung „UnHeil in Weil – Eine Kleinstadt unterm Hakenkreuz“ zeigt von 19. April an auf 42 großformatigen Plakaten und zahlreichen weiteren Exponaten, wie sich die Ideologie des Nationalsozialismus deutschlandweit sowie ganz konkret vor Ort rasch ausbreitete und die Gesellschaft tiefgreifend veränderte. Ein Film, der mit Unterstützung der Landesmedienstelle zustande kam, ergänzt die Ausstellung.
Was geschah in der NS-Zeit in Weil der Stadt? Eine neue Ausstellung schaut genau hin. Foto: Heimatverein Weil der Stadt
Weil der Stadt war vor 1933 keine NS-Hochburg, sondern ein katholisch geprägtes, 2000 Einwohner zählendes Städtlein mit langer Geschichte. Es hatte, wie alle anderen Kommunen auch, wirtschaftliche Probleme. Die NSDAP hatte vor der schicksalhaften Reichstagswahl am 5. März in der Stadt elf Mitglieder. Nach der Wahl, bei der die Nationalsozialisten im Ort rund 41 Prozent der Stimmen holten, traten weitere 82 in die Partei ein. Im Laufe der nächsten Jahre wurden es dann 350.
Die Gemeinderäte marschierten in SA-Uniformen zur Sitzung ein
Im Gemeinderat der Stadt war die NSDAP vor 1933 nicht vertreten. Das änderte sich schlagartig, als nach der Reichstagswahl und der Machtergreifung Hitlers mit dem „Gesetz zur Gleichschaltung der Länder“ das bisherige, von der Bürgerschaft gewählte Gremium aufgelöst wurde und die Plätze nach dem Ergebnis der Reichstagswahl besetzt wurden. Gleichzeitig wurden Parteien wie die KPD und die SPD verboten. So bestand der neue Gemeinderat Ende März 1933 aus fünf NSDAP-Leuten und drei Zentrums-Mitgliedern. Weil sich die Zentrumspartei in der Folgezeit selbst auflöste, war der Gemeinderat schließlich braun geworden – so wie die SA-Uniformen, mit denen die Stadträte zur Sitzung einmarschierten, wie das lokale Wochenblatt berichtete. Ein Mitglied im Gremium war auch der NSDAP-Ortsgruppenleiter Hermann Hohenstein. Eines der Plakate in der Ausstellung schildert diese Vorgänge mit Texten und Bildern eindrücklich.
„Es geht uns nicht um Schuldzuweisungen oder Kritik an einzelnen Personen“, erklärt Johannes Gienger, einer der Ausstellungsmacher. „Wir wollen vielmehr die Mechanismen aufzeigen, die diese rasche und durchschlagende Machtergreifung möglich machten. Wie kommen harmlose, unbescholtene Bürger in so ein Fahrwasser?“ sagt Gienger, der lange am Johannes-Kepler-Gymnasium als Geschichtslehrer tätig war. Wolfgang Schütz, früher ebenfalls Gymnasiallehrer am Ort und Kenner der Stadtgeschichte, ergänzt, dass man die handelnden Personen aber nicht ganz „rausdividieren“ wollte. Sowohl in der Ausstellung, als auch im Film ist eine Liste zu sehen mit zahlreichen Funktionen und den dazugehörigen Namen. Etwa denen der Ortsgruppenleiter, der Propagandaleiter oder dem Ortsbauernführer.
Es gab schon einmal eine Aufarbeitung – die unbeachtet blieb
Das war vor mehr als 40 Jahren noch nicht möglich. 1982 verfasste Johannes Gienger als junger Historiker zusammen mit Schülern und Kollegen eine Studie zum Thema „Weil der Stadt in der Zeit des Nationalsozialismus“. Obwohl damals alle Namen darin herausgenommen wurden, distanzierte sich der Heimatverein davon, erklärt der Stadtarchivar Mathias Graner. „Man wollte das Thema nicht bearbeiten“, so Gienger. Die stark einhundert Seiten historische Abhandlung blieb weitgehend unbeachtet liegen. Doch jetzt diente sie als Grundlage für die weitere Erforschung des Themas durch die Initiatorin Jutta Klein zusammen mit Johannes Gienger, Wolfgang Schütz, der auch die Plakate grafisch gestaltete, dazu Stadtarchivar Graner sowie weiteren Mitgliedern der Museumsgruppe.
In fünf Blöcken wird in der Schau die Entwicklung in Weil der Stadt in den 1930er Jahren geschildert, von den Krisen in der Weimarer Republik über die Machtergreifung und Gleichschaltung von Staat und Gesellschaft bis hin zur Verbreitung der völkischen und rassistischen NS-Ideologie und wenigen Beispielen von Opposition in Weil der Stadt. Ein Regimekritiker, der Kaufmann Otto Beyerle, wurde 1942 im KZ Dachau vergast.
Warum die Ausstellung gerade jetzt kommt, erklärt Johannes Gienger. Das deutliche Erstarken der neuen Rechten sei mit ein Grund, wieder deutlich zu machen, welche Folgen es haben kann, in Krisensituationen radikale Wege einzuschlagen, sagt er. Die Ausstellung sei zwar nach wissenschaftlichen Kriterien erstellt worden, „doch wir sind nicht objektiv, sondern kommen von einem ganz klar demokratischen Standpunkt“, so der Historiker.
Führungen und Besichtigung
Öffnungszeiten Ab 19. April kann die neue Ausstellung im Heimatmuseum sonntags von 14 bis 17 Uhr kostenfrei besichtigt werden. Für die Eröffnungsveranstaltung am Samstag, 18. April, 11 Uhr, ist eine Anmeldung per Mail an info@heimatverein-weilderstadt.de notwendig.
Schulklassen Unter der gleichen E-Mail-Adresse können auch Führungen für Gruppen oder Schulklassen vereinbart werden.