Juden verloren 1939 den Mietschutz
Der pensionierte Geschichtslehrer, der in Weißenstein aufgewachsen ist, hat sich über Jahre hinweg mit den Ereignissen und Menschen befasst. Er hat in einer Reihe von Aufsätzen im Mitteilungsblatt von Lauterstein einzelne Aspekte der menschenverachtenden Ereignisse beleuchtet – auch die Hintergründe. „Seit April 1939 hatten die Juden keinen Mietschutz mehr und wurden nach und nach in ‚Judenhäuser’ als Sammelunterkünfte eingewiesen.“ Jüdische Hausbesitzer mussten verkaufen.
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Im September 1941 wurde die Stadt Weißenstein vom Gauleiter beauftragt, einen Vertrag mit der Gräflich von Rechberg’schen Zentralkanzlei in Donzdorf wegen der Einrichtung eines sogenannten Zwangsaltenheimes zu verhandeln. Klaus Maier-Rubner von der Stolperstein-Initiative Göppingen, der die Recherche ebenso unterstützt wie der frühere Göppinger Stadtarchivar Karl-Heinz Rueß, möchte von einem „Zwangswohnheim“ sprechen. „Der Altersdurchschnitt lag bei 60 Jahren.“ Für die Anmietung des Südostflügels des Schlosses sollte die gräfliche Verwaltung jährlich 600 Reichsmark erhalten. „Die Zwangsumsiedlung von Stuttgart ins Schloss wurde ab dem 24. Oktober beziehungsweise dem 1. November durchgeführt. Einzelheiten sind nicht überliefert“, so weiß Sickert.
Von Weißenstein wurden Menschen nach Theresienstadt deportiert
Eine der damaligen Bewohnerinnen war Rosa Lindauer. Sie kam am 1. November 1941 ins Zwangswohnheim Schloss Weißenstein. Am 22. August 1942 wurde sie von Stuttgart aus ins KZ Theresienstadt gebracht, wo sie schon am 31. August desselben Jahres mit 76 Jahren an den mörderischen Lebensumständen starb.
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Der Heimatforscher wirft auch einen Blick auf die Bedingungen im Schloss. Die Räume waren provisorisch hergerichtet, wohl auch von örtlichen Handwerkern. Es herrschte drangvolle Enge. Zum Vergleich: Nach dem Krieg lebten in den Räumen etwa halb so viele Heimatvertriebene sehr beengt.
Vom Stuttgarter Killesberg in den Tod
Die Deportierten hatten einen Teil ihres mobilen Besitzes mitgenommen – und mussten ihn zurücklassen, als sie zur Ermordung abtransportiert wurden. Am 27. November gehörte eine Gruppe zum ersten Transport, der über den Killesberg und den Stuttgarter Nordbahnhof in den Tod führte.
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Zuvor mussten sich die Frauen einer Leibesvisitation durch die Hebamme Maria Hänle, die Männer durch den Polizisten Michael Frank unterziehen. Genau war aufgelistet, was sie mitnehmen durften. Auch Göppinger und Süßener waren in den einfachen Waggons. Der damals 14-jährige Richard Fleischer, einziger Überlebender der Göppinger Juden dieses Transports, hat die Deportation nach Riga in aufwühlenden Worten beschrieben. Und auch, dass die Meisten unter elenden Umständen ihr Leben verloren.
Bürgermeister kaufte angeblich heimlich Kartoffeln
In Weißenstein blieben 27 Bewohner zurück. Sie froren in einem strengen Winter. „Der damalige Bürgermeister und Ortsgruppenleiter August Wahl, ein begeistertes NSDAP-Mitglied seit 1930, setzte sich dennoch für die Juden ein, indem er 150 Zentner Kohlen und zusätzliches Brennholz beschaffte. „Außerdem mietete er einen Brauereikeller an, um die heimlich von ihm gekaufte Menge an Kartoffeln für die Juden lagern zu können“, hat Sickert recherchiert. Die Umstände waren dennoch katastrophal – es gab nur eine einzige Toilette. Essen war knapp. In welcher psychischen Verfassung sie sich befanden, lässt sich nicht einmal erahnen. Denn der Besitz der bereits Deportierten war versteigert worden. Den Verbliebenen war spätestens jetzt klar, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie deportiert werden würden.
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In seinen weiteren Veröffentlichungen wird Franz Sickert auch ihr Schicksal beleuchten. Es kamen noch weitere Juden nach Weißenstein. Er wird sich der Zeit in Nenningen und Weißenstein bis 1956 widmen. Er will auch die Ergebnisse seiner Forschung in einem Buch veröffentlichen. Der Band mit dem Titel „Von heute auf morgen, Nenningen und Weißenstein von 1939 bis 1956“ soll noch dieses Jahr erscheinen.
Gemeinde stellt sich der Geschichte
Außerdem soll eine Gedenktafel an die Ereignisse erinnern. Bereits im Herbst hatten die Kirchen und die bürgerliche Gemeinde zu Veranstaltungen zu den Ereignissen vor 80 Jahren eingeladen. Bürgermeister Michael Lenz freut sich, dass „alle Beteiligten in gutem und engem Austausch sind“. Die Gemeinde werde wohl als Herausgeberin der Publikation fungieren, die über die Kommunale Stiftung und Sponsoren finanziert werden soll.
Ein Schloss gab es schon im Mittelalter
Geschichte
Ein Vorgängerbau des Weißensteiner Schlosses ist bereits im 13. Jahrhundert urkundlich erwähnt. Sein heutiges Aussehen erhielt das Schloss im 18. und 19. Jahrhundert.
Mikrofotografie
Seit 1971 ist das Schloss im Besitz der Familie Kage, die sich als Spezialist der Mikrofotografie einen Namen gemacht hat. „Wir stehen der Erforschung der Geschichte des Schlosses sehr offen gegenüber und sind an ihrer Aufarbeitung interessiert“, sagt Oliver Kage. Seit Jahren forsche die Familie selbst und plane eine Publikation.