Es war ihr Vermächtnis: Die mutmaßlichen NSU-Mörder bastelten ein Bekennervideo, unterlegt mit Sequenzen einer Comic-Serie. Hatten sie dafür Helfer? Ein BKA-Beamter sagte vor dem Stuttgarter NSU-Ausschuss: Wahrscheinlich bekamen sie das allein hin.

Stuttgart - Das Zerstören lieber Jugenderinnerungen ist sicher noch das Wenigste, was man den Rechtsterroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) vorwerfen kann. Dennoch: Mit Paulchen Panther werden die Abgeordneten des NSU-Untersuchungsausschusses künftig nicht mehr lustige Stunden in frühen Tagen vor dem Fernsehgerät verbinden, sondern die schreckliche Mordserie fanatischer Rechtsextremisten. Am Montag nahmen sie das Bekennervideo des NSU in Augenschein, das im Brandschutt des explodierten Zwickauer Wohnhauses entdeckt worden war. „15 Minuten Sadismus“ nannte der „Spiegel“ treffend dieses zeitgenössische Dokument rassistischer Mordlust.

Menschenverachtender Zynismus

Unterlegt mit Sequenzen aus den Comic-Abenteuern des rosaroten Panthers werden die Morde an acht türkischstämmige und einem griechischen Kleinunternehmer sowie der Heilbronner Anschlag auf die Polizisten Michèle Kiesewetter und Martin Arnold gefeiert. Ein Beamter des Bundeskriminalamts (BKA) berichtete den Landtagsabgeordneten von den Erkenntnissen, welche die Polizei zur Entstehung des Videos und dessen Bestimmung in Erfahrung gewonnen hatte.

Laut Rekonstruktion des BKA wurde das Bekennervideo über einen Zeitraum von mehreren Jahren aus einer sehr großen Zahl von Videodateien zusammengebastelt. Als lenkende Hand des Projekts identifizierten die Ermittler Uwe Mundlos, der ein erstaunliches Geschick im Umgang mit Computern an den Tag gelegt habe. „Es war uns möglich, den Entstehungsprozess dramaturgisch nachzuvollziehen“, sagte der Kriminalhauptkommissar des BKA. Auffällig ist demnach, dass das Video aus Vorgängerversionen entstand, die wesentlich plumper angelegt waren als die Endfassung. Hirnlose Sprüche rechtsextremistischer Provenienz verschwanden in den späteren Versionen, an deren Stelle trat der menschenverachtende Zynismus, mit dem die Morde kommentiert wurden. Auf einer Texttafel präsentiert der NSU sein Selbstverständnis: Es handle sich um ein „Netzwerk von Kameraden mit dem Grundsatz: Taten statt Worte“.

Aber was trieb die Täter, dieses Video herzustellen? Die Ermittler gehen von einer „Mischmotivation“ aus. Möglicherweise habe es der „Selbstbespaßung“ gedient. Es zeige aber auch propagandistische Effekte. Außerdem hätten sich die Täter selbst feiern wollen. Im Ausschuss hob der BKA-Beamte besonders den Vermächtnis-Charakter des Videos hervor. Auf den „Post-Mortem-Charakter“ des Videos deute die Tatsache hin, dass es nach dem Tod von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mutmaßlich von der in München angeklagten Beate Zschäpe verbreitet wurde. Es ging an verschiedene Einrichtungen und Medien. Der BKA interpretierte das Video so: „Es wird Urheberschaft verwirklicht durch jemand, der die Taten tatsächlich begangen hat.“

Keine Hinweise auf ein Netzwerk

Die Abgeordneten des Untersuchungsausschusses zeigten sich schockiert von dem Film, den sie da sahen. „Da friert es einen“, sagte der FDP-Abgeordnete Ulrich Goll. Die Parlamentarier interessierte natürlich, ob das NSU-Trio Unterstützung bei der Herstellung des Videos bekommen hatte . Und ob sich aus dem Video ableiten lasse, dass es tatsächlich ein Netzwerk um den NSU gegeben habe. Die Antwort des BKA-Beamten blieb unbestimmt. Hinweise auf ein Netzwerk ließen sich nicht ableiten, aber es habe Diskussionen über das Video gegeben, dies zeigten die Änderungen während des Entstehungsprozesses.  

Die Abgeordneten des NSU-Ausschusses versuchten am Montag außerdem, mit der Vernehmung von damaligen Polizisten der Böblinger Bereitschaftspolizei das Umfeld Michèle Kiesewetters und Martin Arnolds auszuleuchten. Die Erkenntnisse dieser Zeugenbefragungen blieben aber mager. So ist immer noch unklar, ob und warum schon kurz nach der Tat Beamte eines Mobilen Einsatzkommandos unmittelbar am Tatort auf der Theresienwiese auftauchten. Dazu gab es widersprüchliche Aussagen. Der Umstand findet deshalb ein gewisses Interesse, weil es Vermutungen gibt, dass es am Tattag in Heilbronn noch einen anderen Polizeieinsatz gegeben haben könnte. Am kommenden Freitag will der Ausschuss abklären, wie er seine weitere Arbeit anlegt: ob die Untersuchungen also bis zum Ende der Legislatur abgeschlossen sein sollen – oder ob er davon ausgeht, dass nach der Landtagswahl ein Nachfolgeausschuss eingesetzt wird.

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