NSU in der ARD Gänsehaut als Geschichtsunterricht

Von Antje Hildebrandt 

Die ARD hat die Verbrechen des NSU unter dem Titel „Mitten in Deutschland“ als Spielfilme inszeniert. Am Mittwoch wird von den Tätern erzählt, es folgen Filme über die Opfer und über die Ermittler.

Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, in der ARD gespielt von Sebastian Urzendowsky und Anna Maria Mühe. Foto: ARD
Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, in der ARD gespielt von Sebastian Urzendowsky und Anna Maria Mühe. Foto: ARD

Stuttgart - Sie sagt, sie bekomme regelmäßig eine Gänsehaut, wenn sie im Fernsehen Bilder von brennenden Flüchtlingsheimen sehe. Semiya Simsek, 29, lebt heute in der Türkei. Sie hält es nicht mehr in diesem Land aus, in dem ihr Vater Enver im Jahr 2000 mit fünf Kugeln in den Kopf regelrecht hingerichtet wurde, als erstes Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Was der Mord und die Ermittlungen der Polizei mit ihr und ihrer Familie gemacht haben, davon erzählt der Spielfilm „Die Opfer - Vergesst mich nicht“. Er beruht auf dem Buch, das Semyia Simsek über die Ereignisse geschrieben hat: „Schmerzliche Heimat: Deutschland und der Mord an meinem Vater.“

Es ist der zweite Teil einer Trilogie, die die ARD dem NSU-Komplex gewidmet hat. Ein Projekt, für das die Rundfunkanstalten BR, WDR, SWR, MDR und ARD Degeto nicht ohne Grund 8,5 Millionen Euro lockergemacht haben. Man hoffe, damit einen Beitrag zur Aufklärung zu leisten, so hat es ARD-Programmdirektor Volker Herres bei einer Pressekonferenz in Berlin mit Blick auf den NSU-Prozess gesagt. Der läuft seit drei Jahren vor dem Oberlandesgericht München, ist aber immer noch keinen Schritt weitergekommen. „Und das in einem Land, das bei Kapitalverbrechen sonst eine Aufklärungsquote von 95 Prozent hat“, sagt Volker Herres.

Semiya Simsek ist nach Berlin gereist, um diesen Film vorzustellen. Eine Frau, die etwas Melancholisches ausstrahlt. Ihre Stimme zittert, als sie sagt, sie möchte sich beim Regisseur Züli Aladag und allen bedanken, die es ihr ermöglicht haben, ihre Geschichte zu verfilmen. Semiya (Almila Bagriacik) ist vierzehn, als sie erfährt, dass ihr Vater (Orhan Kilic) gestorben ist. Von einem Unfall ist erst die Rede, doch die Tochter will das nicht glauben. Sie sieht das zerschossene Gesicht des Vaters, der auf der Intensivstation mit dem Leben kämpft. Sie erlebt, wie ein völlig überforderter Ermittler (André M. Hennicke) ihre Mutter und ihre Onkel mit immer abstruseren Theorien aus der Reserve zu locken versucht. Elf Jahre lang hält sie an der These fest, Enver Simsek sei in Drogengeschäfte verwickelt gewesen und gewissermaßen selber Schuld an seinem Tod.

Der Reifeprozess wird anrührend gespielt

Seine Frau Adile (Uygar Tamer) wird unter dem Druck der Ermittlungen depressiv. Das Geschäft ihres Mannes geht Pleite, die Familie steht vor dem finanziellen Ruin. Es ist Semiya, die sich um den jüngeren Bruder und den Kleinkrieg mit den Behörden kümmert. Sie muss über Nacht erwachsen werden. Almila Bagriacik spielt diesen Reifeprozess im Zeitraffer anrührend. Als Zuschauer bekommt man zum ersten Mal einen emotionalen Zugang zu jenen Menschen, die bislang nur als gesichtslose Nebenkläger im NSU-Prozess aufgetreten sind. Gänsehaut als Geschichtsunterricht.

Der Film über die Opfer ist das Herzstück einer Trilogie, die vielleicht genau die Lücke in der Rezeption des NSU-Prozesses schließt, die eine journalistische Berichterstattung gar nicht schließen kann. Auch drei Jahre nach dem Prozessauftakt in München stehen die meisten Bürger immer noch fassungslos vor der Frage, wie es möglich war, dass drei verirrte Rechtsextreme jahrelang den ganzen Apparat von Polizei und Verfassungsschutz vorführen konnten.

Spielfilme vermitteln Emotionen, sie wecken Empathie. Und jeder der drei Filme nimmt eine andere Perspektive ein. Christian Schwochow („Novemberkind“) erzählt im ersten Teil davon, wie aus drei Akademiker-Kindern - Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt - Rechtsextremisten wurden. Im dritten Teil beschreibt Florian Cossen die Arbeit der Fahnder als rasant geschnittenen Polizeifilm in der Tradition des film noir.

Themen vom Rand der Gesellschaft

Die Produzentin Gabriela Sperl, 63, hat sich das Projekt ausgedacht. Die promovierte Historikerin ist bekannt für ihren Mut, Themen vom Rand der Gesellschaft durchzuboxen. Ihr preisgekrönter Spielfilm über organisierten Kinderhandel in Deutschland war so ein Projekt. Auch mit dem Projekt über den NSU-Komplex sei sie anfangs in der ARD auf Widerstände gestoßen, sagt sie. Müssten es wirklich drei Teile sein, habe es geheißen.

Diese Frage stellt sich heute nicht mehr. Brennende Flüchtlingsheime, eine AfD, die es bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Rheinland Pfalz in alle drei Parlamente geschafft hat. Die Trilogie kommt da schon beinahe ein bisschen spät.

Der erste Teil ist weit davon entfernt, Schuldzuweisungen zu treffen. Ihm gehe es eher um die Ursachen, sagt der Regisseur Christian Schwochow, 37. Er hat den Film aus der Perspektive eines Angehörigen der Generation Zschäpe gedreht, der ehemalige Klassenkameraden aufsucht, „um herauszufinden, warum sie nach der Wende falsch abgebogen sind“.

Abtauchen in den Untergrund

Sein Film ist ein Coming-Of-Age-Film, und er endet dort, wo die Verbrechen begannen - nämlich damit, dass Beate Zschäpe (Anna-Maria Mühe), Uwe Mundlos (Albrecht Schuch) und Uwe Böhnhardt Sebastian Urzendowsky) in den Untergrund abtauchen. Es ist ein Film, der sonst ohne Filmmusik auskommt. Die, sagt Schwochow, hätte viele Szenen nur banalisiert. „Das Ding ist wuchtig, das tut richtig weh.“ Albrecht Schuch, 30, kann das bestätigen.

Die Rolle als Uwe Mundlos habe ihn so aggressiv gemacht, dass ihn seine Freundin nach Drehschluss kaum ertrage habe, erzählt er. Schuch ist im thüringischen Jena aufgewachsen, der Heimat des mutmaßlichen Mördertrios. Ganz behütet, wie er betont. Von der rechten Szene habe er kaum etwas bemerkt, sagt er.

Es geht ihm da wie vielen Zuschauern. Und doch haben diese Jugendlichen etwas vorweggenommen, was sich heute in wütenden „Wir sind das Volk“-Chören artikuliert. Der Hass auf alles Fremde, von dem Gabriela Sperl sagt, er sei inzwischen allgegenwärtig. Nicht nur in Thüringen, sondern „Mitten in Deutschland.“