NSU-Prozess Der Mord an Michèle Kiesewetter bleibt rätselhaft

Die Ermordung der jungen Polizistin Michèle Kiesewetter durch die NSU hat Bestürzung bei der Polizei ausgelöst. Viele Fragen sind auch heute noch offen. Die wichtigsten Fakten zum NSU-Prozess zeigen wir in der Fotostrecke. Foto: dpa 26 Bilder
Die Ermordung der jungen Polizistin Michèle Kiesewetter durch die NSU hat Bestürzung bei der Polizei ausgelöst. Viele Fragen sind auch heute noch offen. Die wichtigsten Fakten zum NSU-Prozess zeigen wir in der Fotostrecke. Foto: dpa

Die 22-jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter wurde im Jahr 2007 in Heilbronn in ihrem Streifenwagen ermordet. Ihr Tod geht auf das Konto der Rechtsterroristen. Aber warum haben sie geschossen?

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Stuttgart - Die 22-jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter wurde am ­25. April 2007 gegen 14 Uhr in Heilbronn in ihrem Streifenwagen ermordet. Ihr damals 24-jähriger Kollege Martin A. wurde schwer verletzt. Dieses Verbrechen wird von Donnerstag an im Münchner NSU-Prozess verhandelt.

Dass diese Tat von der rechtsextremen Terrorgruppe NSU begangen wurde, ist inzwischen offenkundig. Die Dienstwaffen der beiden Beamten, die auf der Theresienwiese eine Pause gemacht hatten, wurden 2011 in dem ausgebrannten Wohnmobil gefunden, in dem sich die Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos selbst getötet hatten. Die beiden Mordwaffen sowie Handschellen und weitere Gegenstände der Beamten wurden kurz danach in der ebenfalls ausgebrannten Wohnung des NSU-Trios gefunden. Dort wurde auch eine Jogginghose sichergestellt, an der Blutspuren von Kiesewetter nachgewiesen wurden. In einer Hosentasche fand sich ein von Mundlos benutztes Taschentuch.

Waren die erbeutete Dienstwaffen Trophäen?

Schließlich wurde bei der Ringfahndung 40 Minuten nach dem Mord ein Wohn­mobil, das von Böhnhardt angemietet worden war, unweit von Heilbronn registriert. Diese Spur war seinerzeit freilich nicht weiter verfolgt worden. In seinem Selbstbezichtigungsvideo hat sich zudem das Trio seiner Tat gerühmt.

So eindeutig sich das Geschehen also dem NSU zuordnen lässt, so unklar ist das Motiv. Dieses Verbrechen unterscheidet sich grundsätzlich von den neun Morden an türkisch- und griechisch-stämmigen Kleingewerbetreibenden, die offenkundig aus ausländerfeindlichen Motiven begangen worden waren. Dafür, dass die beiden Opfer gezielt ausgesucht worden sind, gibt es keine Hinweise. Vermutungen, dass es familiäre Kontakte zu Rechtsextremisten gegeben haben könnte, konnten ausgeschlossen werden. Die Überlegungen gehen nun dahin, dass es den Terroristen um die Dienstwaffen ging, die sie dann als „Trophäen“ aufbewahrt hätten; und dass sie mit dem Mord den Staat treffen wollten.

Der schwer verletzte Kollege soll als Zeuge gehört werden

Bei den Ermittlungen gab es zahlreiche Pannen. Lange Zeit verfolgte die Polizei die Spur eines „Phantoms“, weil scheinbar die DNA einer Serientäterin sichergestellt worden war. Später stellte sich heraus, dass es sich um eine Trugspur handelte, die durch eine Verunreinigung bei der Produktion der benutzten Wattestäbchen verursacht worden war. Die Daten aus der Ringfahndung wurden erst mit erheblicher Verzögerung ausgewertet, ebenso die Videos aus verschiedenen Überwachungskameras. Gutachten wurden spät erstellt. Die Fahnder verdächtigten zu Unrecht Roma, die in der Nähe des Tatorts campiert hatten. Dass es sich um eine politisch motivierte Tat handeln könnte, wurde bis 2011 für unwahrscheinlich gehalten.

Strittig ist bis heute, ob tatsächlich – wie von der Anklage behauptet – nur die beiden NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt an der Tat beteiligt waren. Mehrere Zeugen wollen nämlich weitere, teilweise blutverschmierte Verdächtige in der Nähe des Tatorts gesehen haben. Diese Zeugenaussagen ließen sich aber nie zu einem stimmigen Bild zusammenfügen. Bis heute ist unklar, ob die Beobachtungen etwas mit dem Mord zu tun hatten.

Im Zusammenhang mit der Tat gab es zahlreiche Spekulationen. Die Ermittler sind sich inzwischen aber sicher, dass Vermutungen, die einen Zusammenhang zu angeblich anwesenden deutschen oder US-amerikanischen Geheimdienstlern herstellen, unzutreffend sind. In München soll auch der seinerzeit ebenfalls niedergeschossene Martin A. als Zeuge vernommen werden, der aber kaum Erinnerungen an die Tat haben soll.




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