NSU-Prozess zum Heilbronner Anschlag Der Tod der Kollegin treibt Martin A. um

Walter Martineck, der Anwalt des Zeugen Martin A., der aus Sicherheitsgründen nicht fotografiert werden durfte, beantwortet nach dessen Aussage Fragen der Medien. Foto: dpa
Walter Martineck, der Anwalt des Zeugen Martin A., der aus Sicherheitsgründen nicht fotografiert werden durfte, beantwortet nach dessen Aussage Fragen der Medien. Foto: dpa

Martin A., der bei dem NSU-Mordanschlag schwerverletzte Polizist, hat keinerlei Erinnerung mehr an die Tat im Jahr 2007 auf der Heilbronner Theresienwiese. „Das ist ein riesiges schwarzes Loch“ sagte er vor dem Münchner Oberlandesgericht.

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München - Martin A., der bei dem NSU-Mordanschlag schwerstverletzte Polizist, hat keinerlei Erinnerung mehr an die Tat am 25. April 2007 auf der Heilbronner Theresienwiese. „Das ist ein riesiges schwarzes Loch“ sagte er am Donnerstag vor dem Münchner Oberlandesgericht. Angaben mit Hinweisen zu angeblichen Tätern, die er bei der Polizei unter Hypnose gemacht hatte, erklärte Martin A. damit, dass er sich damals zusammengereimt habe, wie es gewesen sein müsste.

Flüssig und klar berichtete Martin A. dagegen den Ablauf des Tages bis unmittelbar vor dem Mord. Er sei mit Kollegen nach Heilbronn gefahren, um die Polizei dort zu unterstützen, die Probleme mit Drogentätern gehabt habe. Am Vormittag habe man zwei Kontrollen vorgenommen. Dabei habe es keinerlei Auffälligkeiten gegeben. Gemeinsam mit seiner später bei dem Anschlag getöteten Kollegin Michèle Kiesewetter habe er beim Bäcker einen Imbiss gekauft. Bereits am Vormittag hätten beide auf der Theresienwiese auch eine kurze Rauchpause eingelegt. Er erinnere sich noch daran, dass man sich zur Mittagszeit erneut auf den Weg dorthin begeben habe. Aber an die Anfahrt auf dem Platz selbst habe er keine Erinnerung mehr.

Der Zeuge hat noch immer Schlafstörungen

Seine Erinnerung setzte erst wieder ein, als er nach Wochen im Krankenhaus aus dem Koma erwachte. Er habe sich die ­Infusionsschläuche herausgerissen, weil er glaubte, es handele sich um eine praxisnahe Polizeiausbildung. Danach sei er erneut ohnmächtig geworden. In seinem Krankenzimmer seien die Spiegel abmontiert gewesen. Er habe keinerlei Kontakt zur Außenwelt gehabt, kein Radio, kein Fernsehen, keine Zeitung. Nur die Eltern und nächsten Angehörigen seien bei ihm gewesen, die aber zunächst auch nicht über die Tat hätten reden dürfen, sondern von einem Unfall gesprochen hätten. Als er dann in den ersten Vernehmungen vom Tod seiner Kollegin Kiesewetter gehört habe, habe er zunächst gedacht: „Schon wieder werde ich auf den Arm genommen.“

Seitdem treibe ihn der Gedanke um, dass seine Kollegin tot sei. Er könne noch immer schlecht schlafen. Nach mehrfachen Krankenhaus- und Reha-Aufenthalten, habe er seine Ausbildung für den höheren Polizeidienst fortgesetzt. Dies habe seine Gedanken gebunden. In den Wochen nach dem Abschluss dieser Ausbildung seien aber all die traumatischen Erinnerungen wieder zurückgekehrt. Er sei bis heute in traumatherapeutischer Behandlung. Er arbeite heute im Innendienst.

Sein Wunsch, als Polizeibeamter draußen tätig sein zu dürfen, sei auf Dauer zerstört. Er dürfe keine Waffe mehr tragen, und er wolle das auch nicht. „Mir geht es so weit wieder gut“, erklärte er abschließend. Er sei  bis heute „unzufrieden“ damit, dass all die Ermittlungen im Ergebnis kein Motiv für die Tat hätten erarbeiten können. „Da ist schon eine Welt für mich zusammen­gebrochen. Aber ich habe mich damit ­abgefunden.“

Eine Maschinenpistole haben die Täter übersehen

Zuvor war bekannt geworden, dass sich in dem Streifenwagen von Michèle Kiesewetter und Martin A. auch eine Maschinenpistole samt Munition befunden hatte. Diese Waffe wurde aber von den Mördern, die beiden Polizisten ihre Dienstwaffen wegnahmen, nicht entdeckt. Die Maschinenpistole befand sich in einer „Amokbox“ im Kofferraum des Fahrzeugs. Dies berichtete ein Polizeibeamter als Zeuge. Die Ermittlungen ergaben, dass die Mörder zumindest Michèle Kiesewetter teilweise aus ihrem Sitz zerren mussten, um an deren am Körper getragene Dienstwaffe zu gelangen. Die Anklage geht davon aus, dass die Tat von den beiden NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt begangen worden ist, die die Waffen ihrer Opfer danach als „Trophäen“ aufbewahrt hätten.

Polizeibeamte bestätigten, dass der unwirtliche Tatort hinter einem mit Graffiti beschmierten Trafohäuschen am Rande der Heilbronner Theresienwiese von Polizeibeamten häufig als Rastplatz benutzt wurde, weil sie hier abseits der Öffentlichkeit waren. Auch weitere Einzelheiten zum Einsatzplan von Michèle Kiesewetter wurden bekannt. Sie hätte am Tattag eigentlich dienstfrei gehabt, aber darum gebeten, an dem Einsatz in Heilbronn teilnehmen zu dürfen, um nicht nur in ihrer Polizeiunterkunft herumzusitzen.




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