NSU-Untersuchungsausschuss Unter Blutverschmierten

Von Reiner Ruf 

In Heilbronn überprüft der Untersuchungsausschuss des Landtags Zeugenaussagen zum Polizistenmord auf ihren Wahrheitsgehalt. Doch die Skepsis überwiegt. Waren am Ende doch allein Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt die Mörder?

Die Abgeordneten und deren Tross lassen sich  die Hotspots der Zeugenbeobachtungen zeigen und gedenken der Opfer. Der Ausschussvorsitzende Wolfgang Drexler (SPD) richtet eine Schleife am Gedenkstein am Rand der Theresienwiese. Foto: dpa
Die Abgeordneten und deren Tross lassen sich die Hotspots der Zeugenbeobachtungen zeigen und gedenken der Opfer. Der Ausschussvorsitzende Wolfgang Drexler (SPD) richtet eine Schleife am Gedenkstein am Rand der Theresienwiese. Foto: dpa

Heilbronn - Sie sind ganz nah dran, aber kommen sie deshalb der Wahrheit näher? Wieder steht ein BMW der Bereitschaftspolizei vor der Pump- und Trafostation auf der Heilbronner Theresienwiese. Wieder wird das Frühlingsfest aufgebaut. Die Sonne scheint, Vögel zwitschern, gerade so wie an jenem 25. April 2007, an dem die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und deren Streifenpartner Martin Arnold schwer verletzt wurde. Beide erlitten Kopfschüsse, während sie Mittagspause machten. Sie saßen bei geöffneter Tür in ihrem Dienstwagen und rauchten, als sich die Täter von hinten näherten.

Für den Ortstermin des NSU-Untersuchungsausschusses des Landtags hat die Polizei eigens den Tatort rekonstruiert, auf dass sich die Abgeordneten ein authentisches Bild davon machen können. Ehe die dreistündige Tour über die Theresienwiese und dann weiter zum Wertwiesenpark beginnt, bittet der Ausschussvorsitzende Wolfgang Drexler (SPD) um eine Gedenkminute zur Erinnerung an Michèle Kiesewetter und die neun weiteren Menschen, die von den Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kaltblütig ermordet wurden. So sieht es jedenfalls der Generalbundesanwalt: dass Mundlos und Böhnhardt allein die Täter waren, auch im Fall Kiesewetter/Arnold, wenngleich gegen die Polizisten andere Pistolen zum Einsatz kamen als in der „Ceská“-Serie.

Blutige Hände im Neckar gewaschen

Und darum geht es ja im wesentlichen bei dem Abstecher der Abgeordneten neckarabwärts nach Heilbronn: ob nicht doch weitere Täter beteiligt waren, gar andere Täter ihren Finger am Abzug hatten. In der Berichterstattung über den Heilbronner Polizistenmord wurde zuletzt immer dringender die Frage gestellt, ob die Fixierung auf die Rechtsterroristen vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) nicht dazu führte, eine Beteiligung der regionalen Rechtsextremistenszene von vornherein auszuschließen. Schließlich gibt es diverse Zeugenaussagen, die auf blutverschmierte, flüchtende oder irgendwie verdächtig erscheinende Menschen hinweisen.

Unter Führung von Kriminaloberrat Axel Mögelin, dem dritten Leiter der Sonderkommission „Parkplatz“, gehen die Abgeordneten in Heilbronn 15 Beobachtungspunkte von insgesamt 13 Zeugen ab, darunter jene inzwischen vielfach berichtete Szene, in der ein Fahrradfahrer am Neckarufer drei Personen beobachtet, eine Frau und zwei Männer, von denen einer hinunter an den Fluss geht, um seine blutigen Hände abzuwischen. Das berichtete der Zeuge Anton M. der Polizei (Spur 3710). Dann ist da noch Lieselotte W. (Spur 231), die von ihrem Auto aus einen Mann mit blutverschmiertem Arm gesehen haben will, der im Begriff ist in ein dunkles Auto zu steigen. Oder ein „vertraulicher Zeuge“ – warum er vertraulich ist, darauf weiß Mögelin keine Antwort –, der in ziemlicher Entfernung vom Tatort einen Mann wahrnimmt, der in einen dunklen Audi mit Mosbacher Kennzeichen hechtet, dessen Fahrer wendet und hektisch losfährt. „Dawai, dawai“ wird gerufen (Spur 22).

Widersprüchliche Aussagen

Kriminaloberrat Mögelin bewertet die Zeugenaussagen kritisch: Sie ließen sich zu keinem stimmigen Gesamtbild fügen, keine passe zur anderen. Einige Zeugen hätten sich erst zwei, drei Jahre nach der Tat gemeldet oder seien in ihrer Glaubwürdigkeit angreifbar. „Es gibt nie zwei Zeugen zum selben Sachverhalt“, sagte Mögelin. Der SPD-Abgeordnete Nikolaos Sakellariou greift den Vorhalt auf, wie wahrscheinlich es denn sei, dass am helllichten Tag mehrere blutbespritzte Menschen gesehen werden, diese aber mit dem Mord nichts zu tun haben sollen. Der Ermittler Mögelin versetzt, es sei ja keineswegs gesichert, dass die Beobachtungen korrekt seien.

Außerdem könnten Menschen aus vielerlei Gründen bluten. Bei zwei der offenbar zahlreichen blutverschmierten Parkgänger in Heilbronn war die Polizei erfolgreich bei der Ursachenfeststellung: Einer litt unter Nasenbluten, ein anderer hatte sich bei der Oma verletzt.

Am Ende sagt Ulrich Goll (FDP): „Die Zeugenaussagen sind total widersprüchlich.“ Sein SPD-Kollege Sakellariou befindet: „Die Mehrtätertheorie hat an Gewicht verloren.“ Vor Ort ergebe sich doch ein anderes Bild als aus den Akten.