InterviewMichael Köllner vom 1. FC Nürnberg „Früher war ich glühender Fan des VfB Stuttgart“

Von Marco Seliger 

Michael Köllner ist der etwas andere Trainertyp in der Fußball-Bundesliga. Das hat viel mit seiner Herkunft und seiner ungewöhnlichen Vita zu tun hat, wie er vor dem Spiel gegen den VfB Stuttgart verrät.

Hat vor dem Duell mit dem VfB Stuttgart gut lachen: Michael Köllner vom 1. FC Nürnberg. Foto: Getty
Hat vor dem Duell mit dem VfB Stuttgart gut lachen: Michael Köllner vom 1. FC Nürnberg. Foto: Getty

Nürnberg - Nürnberg-Trainer Michael Köllner spricht mit unserer Redaktion im Vorfeld der Partie gegen den VfB Stuttgart an diesem Samstag (15.30 Uhr, Liveticker) über das Klosterinternat, Hierachien, Gemeinschaft und Teamgeist.

Herr Köllner, kann es sein, dass Ihre Youngster Alexander Fuchs und Lukas Mühl eine Einsatzgarantie fürs Spiel gegen den VfB Stuttgart am Samstag haben? Fuchs und Mühl ergibt Fuchsmühl – Ihren oberpfälzischen Heimatort im Landkreis Tirschenreuth.

Unser Bürgermeister würde dazu sicher nicht nein sagen – der kommt passenderweise zum Spiel gegen den VfB . Das stand aber schon vor dem vergangenen Wochenende fest, ob Sie es glauben oder nicht (lacht).

Das 2:2 beim FC Augsburg – mit Toren von Fuchs und Mühl. Sie strahlten hinterher und sagten, dass man sich solche Geschichten ja gar nicht zusammenreimen kann. Für Fuchsmühl hätte es wohl kaum bessere Öffentlichkeitswerbung geben können – was bedeutet Heimat allgemein für Sie?

Meine Tante hatte eine Metzgerei mit Gasthof, da habe ich fürs Leben gelernt. Wir wohnten im Haus nebenan, und meine Eltern packten hier auch Tag für Tag mit an. Denn wir haben immer wieder neue Urlaubsgäste beherbergt, da habe ich aus Gesprächen viel aufgesaugt, viele Menschen und Absichten kennengelernt. Zudem hat Fuchsmühl nur 1800 Einwohner, es war das klassische Dorfleben. Schützenverein, Bergwacht, Feuerwehr, Fußball, ich habe alles mitgemacht. Aus dieser Zeit habe ich mitgenommen, dass man nur durch direkten Austausch, durch Gespräche, im Leben weiterkommt, man lernt ständig dazu – da waren Handy und Internet noch weit weg.

Wenn man so will, wollen Sie nun als Trainer, dass Ihre Spieler lernen. Sie haben vor der Saison eine Klosterbesichtigung gemacht, ein Pfarrer hat zum Team gesprochen. Sie verteilen gerne Bücher an Ihre Jungs und sagen, dass sie auch mal das Handy weglegen sollen, um miteinander zu sprechen. Warum?

Weil ich im jungen Alter auch Fragen ans Leben hatte und froh war, wenn sie jemand beantworten konnte. Die Gespräche in der Skihütte mit der Bergwacht, die kann mir keiner mehr nehmen. Es ist wichtig, dass man stets über den Tellerrand hinausschaut. Ich will, dass meine Mannschaft immer wieder mit spannenden Leuten zusammenkommt. Bildung hat noch niemandem geschadet. Das Leben darf nicht nur aus 4-3-3 oder 4-4-2 bestehen.

Von den Ältern in den Papierkorb gesteckt und auf den Schrank gestellt

Sie selbst sind in ganz jungen Jahren, mit zehn, ins Klosterinternat , 30 Kilometer von Fuchsmühl entfernt. Warum eigentlich?

Es gab eine Fußballhalle und ich dachte, ich könnte immer Fußball spielen. Am Wochenende konnte ich heim.

Und was passierte dazwischen?

Es war sehr hart teilweise. Ich hatte 400 Mitschüler unterschiedlichsten Alters und habe mit 20 Jungs in einem Schlafsaal übernachtet. Da hat nachts immer mindestens einer wegen Heimweh geweint.

Wie kamen Sie selbst zurecht?

Manchmal war es schon schwierig. Die Älteren hatten das Sagen, und wenn du ihnen als Junger auch nur im Ansatz widersprochen oder eine Ungerechtigkeit nicht akzeptiert hast, bist du schnell mal im Papierkorb gelandet.

Im Papierkorb?

Ja. Die Älteren haben die Jüngeren dann gerne mal da rein gesteckt. Ich saß auch drin. Und das noch auf einem Schrank

Kann man da überhaupt etwas fürs Leben mitnehmen oder gar lernen?

Definitiv. Man lernt, mit Ungerechtigkeiten besser umzugehen, eine gewisse Toleranz für sie zu entwickeln. Und ich glaube, dass ich heute als Trainer besser hinter die Maske der Spieler schauen kann. Ich merke es, wenn sich einer ein Schutzschild aufsetzt, wenn es ihm vielleicht gerade nicht so gut geht. Das haben viele Klosterschüler auch so gemacht.

Die männliche Zahnarzthelferin

Die Jungen müssen spuren, die Alten haben das Sagen, komme, was wolle – diese Maxime gilt vor dem Hintergrund Ihrer Geschichte wahrscheinlich nicht unter dem Fußballtrainer Michael Köllner.

Richtig, so läuft das heutzutage nicht mehr. Wir sind eine Gemeinschaft, in der jeder dem anderen helfen und ihn respektieren sollte – unabhängig vom Alter.

Acht Jahre waren Sie im Klosterinternat – danach sind Sie zur Bundeswehr, auch für acht Jahre. Sie haben das im Vergleich zum Internat mal als Ferienlager bezeichnet – und haben eine Ausbildung zum Zahnarzthelfer gemacht. Wie kamen Sie dazu?

Ein Bundeswehr-Zahnarzt fragte, ob ich bei ihm arbeiten wolle, und dazu musste ich mich eben länger verpflichten. Ich habe die Ausbildung gemacht und die Abschlussprüfung gemeinsam mit 300 Mädchen geschrieben. Ich war der einzige Mann.

Und wurden so der erste Zahnarzthelfer Bayerns – die Geschichte ist legendär: das „in“ beim Wort „Zahnarzthelferin“ auf Ihrer Abschlussurkunde wurde mit einem Filzstift durchgestrichen, weil es für die männliche Variante eben noch keinen Vordruck gab.

Ja, und es ging verrückt weiter. Damit mein Abschluss auch im normalen Leben anerkannt wird, habe ich mich anschließend noch ein Jahr in die Berufsschule gesetzt. Da waren auch nur Mädchen, alle so 16, 17 Jahre alt. Ich war zehn Jahre älter, und vor der allerersten Stunde dachten alle, ich sei der Lehrer. Als dann ein paar Minuten später ein anderer die Klassenzimmertür aufgesperrt und mich als Mitschüler vorgestellt hat, hatten einige eine Erleuchtung (lacht).

Köllner will Fußballspielen statt Fußballkämpfen

Erleuchtet haben Sie den 1. FC Nürnberg, den Sie im Sommer zurück in die erste Liga geführt haben. Es ist Ihre erste Tätigkeit als Trainer im Rampenlicht. Wie nähert man sich einer solchen Aufgabe an?

Ich kenne den Club ja von klein auf, und vor meinem Amtsantritt als Trainer habe ich das Nachwuchsleistungszentrum geleitet und die U21 trainiert. Ich will das auf den Platz bringen, was der Verein mit seiner Tradition verkörpert. Und davon musste ich mir vorher ein Bild machen.

Sie haben deshalb unter anderem den Stammtisch der Nürnberger 68er-Meisterelf besucht.

Richtig. Es gehört doch in jedem Beruf dazu, sich vor Dienstbeginn ein Gesamtbild zu machen, ob ich nun als Dachdecker arbeite oder als Fußballtrainer: Wer ist der Chef, wie sind die Strukturen – und vor allem: Wie ist die Geschichte. Wenn ich das erfasst habe, versuche ich, all diese Aspekte in meine Arbeit einfließen zu lassen.

Was heißt das für Ihren Job beim Club?

Der 1. FC Nürnberg steht neben seiner großen Tradition auch für Volksnähe und Teamgeist – und dafür, dass man jungen Spielern eine Chance gibt. Wir wollen nahbar und erlebbar sein, das fängt bei jedem einzelnen Spieler an, von dem ich verlange, dass er auf die Fans zugeht. Und wir wollen Fußball spielen. Es heißt nicht umsonst „Fußballspielen“ anstatt „Fußballkämpfen“.

Allgöwer, Roleder, Sigurvinsson waren seine Helden

Ihr nächster Gegner, der VfB Stuttgart, hat gerade ordentlich zu kämpfen und durchlebt eine sportliche Talsohle – haben Sie eine Verbindung zum VfB?

Jetzt werden Sie staunen – als Jugendlicher war ich glühender VfB-Fan. Karl Allgöwer, Asgeir Sigurvinsson, Karlheinz Förster, Helmut Roleder, Trainer Helmut Benthaus, das waren meine Helden. Auch da habe ich etwas Spezielles erkannt, wofür dieses Team stand. Es gab eine tolle Spielkultur, gepaart mit Mentalität. Die haben immer an den Erfolg geglaubt und viele Spiele noch umgebogen. Das hat mir imponiert.

Gab es auch VfB-Fans unter den Urlaubern damals im elterlichen Gasthof in Fuchsmühl?

Ja! Ein Ehepaar aus Esslingen. Die waren verantwortlich, dass ich damals eine Liebe zum VfB hatte. Der Kontakt besteht bis heute – den Gasthof gibt es nicht mehr, aber wenn Familienfeiern von uns in Fuchsmühl anstehen, sind sie ab und an dabei. Eine andere Familie habe ich mal in einem Urlaub kennengelernt, in dem ich zufällig auch Thomas Schneider getroffen hatte (Ex-VfB-Trainer, d. Red.). Der war gerade recht frisch in Stuttgart entlassen, und die Familie wollte ihn trösten. Es hat sich dann schnell herausgestellt, dass es Logenbesitzer beim VfB waren. Die Familie führt heute noch ein Maschinenbauunternehmen in der Stuttgarter Region – auch da ist der Kontakt nicht abgerissen. Sie kommen jetzt am Samstag ebenfalls nach Nürnberg.