Nürtingen 14,7 Millionen Euro für den Großen Forst

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Um das geplante Gewerbegebiet zu entwickeln, sollen die beteiligten Kommunen finanziell in Vorleistung treten. Für den Kauf und die Erschließung der ersten 15 Hektar Flächen übernimmt der Gewerbezweckverband eine Ausfallbürgschaft.

Das geplante Gewerbegebiet  Großer Forst gliedert sich in zwei Bauabschnitte. Der Abschnitt 1 umfasst 15 Hektar. Rechts im Bild ist die Enzenhardtsiedlung zu sehen. Foto: Landesamt für Geoinformation
Das geplante Gewerbegebiet Großer Forst gliedert sich in zwei Bauabschnitte. Der Abschnitt 1 umfasst 15 Hektar. Rechts im Bild ist die Enzenhardtsiedlung zu sehen. Foto: Landesamt für Geoinformation

Nürtingen - Der Gewerbezweckverband (GZV) Wirtschaftsraum Nürtingen führt derzeit konkrete Verhandlungen mit Investoren, die im geplanten Gewerbegebiet Großer Forst in Nürtingen Flächen erwerben wollen. Damit der GZV diese Flächen verkaufen kann, muss er sie jedoch selbst erst einmal kaufen. Die Verbandsversammlung hat deshalb jetzt in nichtöffentlicher Sitzung einer Ausfallbürgschaft in Höhe von 14,7 Millionen Euro zugestimmt. Die Abstimmung in der Verbandsversammlung erfolgte nicht öffentlich. Die Gemeinde Oberboihingen hatte die GZV-Anträge im Vorfeld jedoch veröffentlicht.

Die Hälfte der Ausfallbürgschaft übernimmt die Stadt Nürtingen. Die knapp 15 Millionen Euro dienen dem Kauf und der Erschließung von 15 Hektar. So groß ist die Fläche des ersten Bauabschnitts im Großen Forst. Besorgen will sich der Verband das Geld auf dem Kreditmarkt.

Da die Lagen im Großen Forst nach Einschätzung des GZV unterschiedlich wertvoll sind, hat der Verband drei Preiszonen gebildet. In der günstigsten Zone drei können interessierte Firmen Flächen mit einer Preisspanne zwischen 135 und 145 Euro pro Quadratmeter erwerben. In der Zone zwei kostet der Quadratmeter 145 bis 160 Euro. Wen es in die Zone eins zieht, muss bereit sein, 160 Euro und mehr für den Quadratmeter hinzulegen. Die Unterteilung soll der GZV-Geschäftsstelle gegenüber Investoren mehr Verhandlungsspielraum geben.

Regionale Wirtschaftsförderung sieht gute Vermarktungschance

Mit diesem Preisgefüge glaubt der Verband wettbewerbsfähig zu sein. Die regionale Wirtschaftsförderung stützt diese Annahme. In der Region gebe es „ein breites Mittelfeld, in dem sich auch der Große Forst ansiedelt“, erklärt Walter Rogg, der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart, auf Nachfrage. „Für den Großen Forst sehen wir gute Vermarktungschancen“, so Rogg weiter.

Aus der Sicht des stellvertretenden Verbandsvorsitzenden, Sieghart Friz, sollte angesichts der bereits geführten Gespräche mit interessierten Firmen nun keine Zeit mehr verloren gehen. „Die Investoren dürfen nicht das Gefühl haben, dass man sie an der langen Leine verhungern lässt“, warnt der Unterensinger Bürgermeister vor einem zu langsamen Tempo bei der Entwicklung des Großen Forsts. Dank der guten Konjunktur herrscht in der Wirtschaft ein investitionsfreundliches Klima, doch niemand wisse, wie es in zwei Jahren aussehe, so Sieghart Friz.

Das gemeinsame Ziel des Zweckverbands und der LBBW Immobilien Kommunalentwicklung ist es, dass im Großen Forst im nächsten Jahr die Bagger anrücken. Friz zufolge ist dies zwar ein „ambitionierter“ Fahrplan, der jedoch möglichst eingehalten werden sollte. Die Gespräche zum Grundstückserwerb führt Siegbert Koegst von der LBBW Kommunalentwicklung. Im Großen Forst stellen sich dem Dienstleistungsunternehmen Hindernisse in den Weg. So hatte ein Landwirt, über dessen Gebiet Versorgungsleitungen geführt werden sollen, bereits mit einer Klage gedroht. Dem Vernehmen nach möchte zudem ein Bauer im Projektgebiet einen Schweinestall bauen.

Grundstücksverhandlungen noch nicht abgeschlossen

Zum Stand des Grundstückserwerbs äußert sich Koegst mit dem Hinweis auf die noch „offenen Verhandlungen“ nicht. Es sei jedoch „noch nicht alles in trockenen Tüchern“. An dem ehrgeizigen Ziel, dass im Großen Forst im nächsten Jahr die Bagger anrücken, halte man aber fest.

Die Bürgermeister der im GZV zusammengeschlossenen Städte und Gemeinden halten die gewerbliche Entwicklung des Großen Forsts als unverzichtbar. Zusätzliche Flächen für die Gewerbenutzung seien im Verbandsgebiet längst Mangelware. Komme der Große Forst nicht, bestehe die Gefahr, dass ansässige Betriebe abwandern. Auch interessierte Unternehmen von auswärts sähen dann keine Perspektive im Verbandsgebiet. Welche Firmen sich im Großen Forst ansiedeln möchten, ist bis auf eine Ausnahme nicht bekannt. Geoutet hat sich bisher lediglich die Nürtinger Firma Bäder-Birk, die hier dringend eine Erweiterungsfläche sucht.

Bebauungsgegner kämpfen für die Landwirtschaft

Die vor allem in der Schutzgemeinschaft Großer Forst zusammengeschlossenen Bebauungsgegner wollen das Gebiet als landwirtschaftliche Fläche erhalten. Sie bezweifeln, dass es den vom GZV behaupteten Flächenmangel gibt. Der Nürtinger Stadtrat Peter Rauscher (Nürtinger Liste/Grüne) etwa verweist auf knapp drei Hektar Gewerbefläche, welche die Stadt Neuffen auf ihrer Markung entwickle und auf eine mögliche gewerbliche Nutzung des Frickenhäuser Ziegeleigeländes. „All diese Gewerbeflächen, die in den Auflistungen beim Bürgergespräch Großer Forst nicht auftauchen, kommen so langsam ans Licht der Öffentlichkeit“, schreibt Rauscher auf der Internetseite der Schutzgemeinschaft.

Nach dem Debakel mit dem geplanten Großlager der Firma Hugo Boss im Jahr 2009 unternahm der GZV vor zwei Jahren einen neuen Anlauf zur Entwicklung des Großen Forsts. Als Lehre aus der Vergangenheit setzte der Verband nun auf eine groß angelegte Beteiligung der Bevölkerung. Zu drei Informationsabenden in der Nürtinger Stadthalle kamen allerdings viel weniger Menschen als gedacht.

Kritiker eines neuen Gewerbegebiets fordern seit langem eine Gewinn-und-Verlustrechnung, aus der die Kosten-Nutzen-Relation des Gewerbezweckverbands ersichtlich wird. Laut Sieghart Friz muss beim Großen Forst unter dem Strich „mindestens die schwarze Null“ stehen. Für ihn ist vor allem auch die Erhaltung vorhandener und die Schaffung neuer Arbeitsplätze wichtig. Für den Großen Forst ist ein Mix aus bereits hier ansässigen Betrieben und auswärtigen Firmen angestrebt. Wichtig sei auch die Vorratshaltung von Flächen für heimische Unternehmen. Dass sich auch eine Logistikfirma im Großen Forst ansiedeln könnte, will Bürgermeister Sieghart Friz zumindest nicht ausschließen.

Hugo Boss ist auf Filderstadt ausgewichen

Seit dem 1. April 2000 gibt es den Gewerbezweckverband Wirtschaftsraum Nürtingen mit neun Mitgliedskommunen: Nürtingen, Beuren, Frickenhausen, Großbettlingen, Kohlberg, Oberboihingen, Unterensingen, Wolfschlugen und Neuffen. Während der Große Forst für großflächiges Gewerbe bestimmt war, sollte sich in der Bachhalde ein Dienstleistungs- und Hightech-Schwerpunkt entwickeln. Die Krise der New Economy im Jahr 2000 bremste die Bachhalde aus. Inzwischen ist der Großteil der Flächen aber verkauft oder Firmen haben Optionen darauf.

Im Februar 2008 wird bekannt, dass der Modekonzern Hugo Boss im Großen Forst ein Logistikzentrum plant. Gegen erhebliche Widerstände in der Stadt – das Lager wird als Klotz in der Landschaft abgelehnt – treiben das Nürtinger Rathaus und die Mehrheit des Gemeinderats das Projekt voran. Am 26. März 2009 springt Boss ab. Am 14. September 2010 kippt der Verwaltungsgerichtshof den Bebauungsplan wegen Verfahrensfehlern. Inzwischen baut Boss das Lager in Filderstadt.

„Der zweite Aufschlag muss sitzen“, forderte der Vizeverbandsvorsitzende Sieghart Friz im Jahr 2012. Damit der neue Anlauf zur Entwicklung des Großen Forsts nicht wieder scheitert, stieß der Verband eine aufwendige Bürgerbeteiligung an. Das Interesse an den Bürgergesprächen war aber gering. Vom Widerstand der Jahre 2008 und 2009 ist im Jahr 2013 nur noch wenig zu spüren.