Nürtingen CDU bläst zum Angriff auf Claudia Grau

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Thaddäus Kunzmann stellt die Kulturbürgermeisterin an den Pranger. Viele Stadträte verurteilen die Kritik als stillos. Der Oberbürgermeister Otmar Heirich indessen stellt sich nicht schützend vor seine Stellvertreterin.

Bei der Wahl Claudia Graus zur Bürgermeisterin scheint die Welt zwischen ihr und Otmar Heirich noch in Ordnung zu sein. Foto: Archiv/Rudel
Bei der Wahl Claudia Graus zur Bürgermeisterin scheint die Welt zwischen ihr und Otmar Heirich noch in Ordnung zu sein. Foto: Archiv/Rudel

Nürtingen - Ungewöhnlich scharf ist der Nürtinger CDU-Fraktionschef Thaddäus Kunzmann im Gemeinderat mit Claudia Grau ins Gericht gegangen. Die Kulturbürgermeisterin zeige Schwächen bei der Organisation und beim Rechnen – darin münden letztlich die Vorwürfe des Landtagsabgeordneten.

Vor allem der aggressive Ton, den Kunzmann dabei angeschlagen hat, ist den Vorsitzenden der anderen Fraktionen gegen den Strich gegangen. Otto Unger (Freie Wähler), Dieter Braunmüller (Nürtinger Liste/Grüne), Hans-Wolfgang Wetzel (SPD) und Hermann Quast (FDP) forderten in seltener Einmütigkeit Kunzmann auf, sich zu mäßigen. Unger wirft ihm vor, die Kandidatin der Freien Wähler für die anstehende Kreistagswahl beschädigen zu wollen.

Stadträte werfen CDU-Chef üblen Stil vor

„Das ist ein ganz übler Stil, Herr Kunzmann verwechselt offenbar den Gemeinderat mit der Bühne des Landtags“, äußert sich Otto Unger auch nach der Sitzung noch erbost. „Das ist eine Vorgehensweise, die ich überhaupt nicht gutheißen kann. Hier muss es um das Wohl Nürtingens gehen und um nichts anderes“, so Unger weiter. „Mit diesem Stil habe ich meine Probleme“, rügt Hermann Quast Kunzmann. Die Empörung gilt auch Matthias Hiller, der gemeinsam mit Kunzmann versuchte, Grau in die Zange zu nehmen. Hiller ist Stadtrat der Jungen Bürger, sitzt aber auch im Vorstand des CDU-Stadtverbands.

„Ich habe nichts gegen Frau Grau persönlich“, erklärt Thaddäus Kunzmann auf Nachfrage. Es gehe ihm lediglich darum, den Weg in die Verschuldung zu stoppen. So erklärt Kunzmann die Heftigkeit seiner Attacken. Bei der Umstrukturierung ihres Dezernats vor anderthalb Jahren habe Claudia Grau „Häuptlingsstellen“ geschaffen und „Indianerstellen“ abgebaut, kritisiert Thaddäus Kunzmann im Gemeinderat. Nun würden Stellen im Gemeindevollzugsdienst wieder aufgebaut. Dadurch entstünden Mehrkosten von jährlich bis zu 250 000 Euro, so seine Kritik.

Zuvor schon hatte Kunzmann Grau wegen ihrer Kalkulation für ein geplantes Kunst- und Kulturzentrum auf dem Melchiorareal schwer attackiert. Wirtschaftsprüfer hatten errechnet, dass durch das Projekt der Stadt jährliche Mehrkosten in Höhe von rund 350 000 Euro entstehen würden. Hingegen war Grau im September von einem Mehrbedarf von lediglich rund 90 000 Euro ausgegangen. Die Bürgermeisterin erklärte die Diskrepanz unter anderem mit abweichenden architektonischen Standards.

Seit der Oberbürgermeisterwahl ist die Atmosphäre vergiftet

Während die Wirtschaftsprüfer einen „mittleren“ Standard anlegen, gehe sie von einer einfacheren Ausstattung aus, die den Anforderungen der Nutzer genügten. Zur Debatte steht inzwischen auch ein Modell, das eine Arbeitsgruppe aus Vertretern mehrerer freier Kultureinrichtungen gemeinsam mit dem Neckartenzlinger Architekturbüro plus+bauplanung erarbeitet hat. Demnach würde ein Kulturzentrum rund fünf Millionen Euro kosten. Die Wirtschaftsprüfer hingegen gehen von Gesamtkosten in rund doppelter Höhe aus. Die Nürtinger Kämmerei geht davon aus, dass die Stadt im nächsten Jahr ohnehin 22 Millionen Euro Schulden hat.

Normalerweise greift Otmar Heirich ein, wenn in Sitzungen die Emotionen zu sehr hochkochen. Bei Thaddäus Kunzmanns und Matthias Hillers Angriffen auf Grau blieb Heirichs Schelle diesmal jedoch stumm. „Im Rathaus hat sich nichts Wesentliches verändert“, kommentiert Otto Unger die nun schon seit Monaten währenden Grabenkämpfe in der Nürtinger Verwaltungsspitze. Vor einem Jahr war der Konflikt eskaliert, nachdem Grau Heirich Mobbing vorgeworfen hatte. In einer Sondersitzung forderten die Gemeinderatsfraktionen beide Seiten auf, zum Wohl der Stadt aufeinander zuzugehen. Nach außen hin herrscht seitdem zwar Ruhe. Doch der Riss geht tief durch das Rathaus, und unter der Oberfläche brodelt es immer noch.




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