Nürtingen Ein Praktikant aus Idlib gibt Nachhilfe in Demokratie

Yousef al Daher hat als Praktikant im Wahlkreisbüro des SPD-Bundestagsabgeordneten Nils Schmid Einblicke in den deutschen Politikbetrieb bekommen. Foto: Ines Rudel
Yousef al Daher hat als Praktikant im Wahlkreisbüro des SPD-Bundestagsabgeordneten Nils Schmid Einblicke in den deutschen Politikbetrieb bekommen. Foto: Ines Rudel

Der syrische Flüchtling Yousef al Daher hat einen Studienabschluss in Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen. Jetzt hat er im Büro des SPD-Bundestagsabgeordneten Nils Schmid ein Praktikum gemacht.

Esslingen: Thomas Schorradt (adt)
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Nürtingen - Der unverstellte Blick von außen kann manchmal den eigenen Horizont weiten. Wie Yousef al Daher die demokratischen Parteien in Deutschland beurteilt, sollte den Akteuren hierzulande zu denken geben. Nach seiner persönlichen Präferenz und dem Unterschied von CDU, SPD, Grüne und FDP gefragt, sagt der Flüchtling aus dem syrischen Idlib kurz und knapp. „Alle sind gleich gut. Ich sehe keinen Unterschied.“

Unwissenheit oder politische Naivität kann man dem 25 Jahre alten Asylbewerber dabei gewiss nicht unterstellen. Yousef al Daher hat in seiner Heimat Politikwissenschaften und Internationale Beziehungen studiert und mit dem Bachelor abgeschlossen. Zuletzt hat er drei Wochen lang als Praktikant dem Nürtinger SPD-Bundestagsabgeordneten und früheren baden-württembergischen Finanzminister Nils Schmid über die Schultern geschaut.

„Die deutsche Demokration ist stark genug, um Flüchtlinge aufzunehmen.“

Auch Nils Schmid, dem das Thema als außenpolitischem Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion und Mitglied im Ausschuss für Auswärtiges nicht ganz fremd sein dürfte, hat die Außensicht eines Flüchtlings auf die bundesdeutsche Parteienlandschaft überrascht – und gleichzeitig in seiner eigenen Ansicht bestärkt. „Er kann vor dem Hintergrund seiner in einer Diktatur gemachten Erfahrungen die aufgeregten Diskussionen ganz und gar nicht verstehen. Entscheidend für ihn ist allein, dass die deutsche Demokratie insgesamt so stark und in der Lage ist, die Flüchtlinge aufzunehmen“, sagt Schmid. Andererseits, auch das zeige das Beispiel seines syrischen Praktikanten, hätten auch sehr gut ausgebildete junge Menschen ihrem Land den Rücken kehren müssen.

Die Erfahrungen, die Yousef al Daher in seiner Heimat gemacht hat, dürften aus seiner Sicht in der Tat geeignet sein, die bundesdeutsche Demokratie als das Paradies auf Erden anzusehen – auch wenn deren Protagonisten bisweilen mit dem Messer zwischen den Zähnen über Kleinigkeiten zu streiten scheinen. Streit über den richtigen Weg ist in einer Diktatur nicht vorgesehen. Wer in Syrien Politik studiert und nicht mit dem Regime des Präsidenten Baschar al-Assad zusammenarbeitet, steht mit einem Bein im Gefängnis. Wer Politik studiert, nicht mit dem Assad-Regime zusammenarbeitet und dann noch an einer Demonstration gegen die allgegenwärtige Diktatur teilnimmt, steht mit beiden Beinen im Gefängnis. Diese Zwangsläufigkeit hat der junge Politikwissenschaftler, der wegen seines hohen Haaransatzes älter wirkt, am eigenen Leib erfahren. „Ich habe mich mit viel Geld freigekauft“, sagt al Daher. Mehr Worte will er über seinen Gefängnisaufenthalt in Syrien nicht verlieren.

Ziel: Master-Studium in Deutschland

Seit einem Jahr räumt er nun im Kaufland in Nürtingen Regale ein. Nach einer sechsmonatigen Probezeit hat er einen unbefristeten Arbeitsvertrag bekommen. Was bleibt ist sein Ziel, einen Master-Abschluss in Politik an einer deutschen Universität zu machen. „Mein Bachelor-Abschluss ist anerkannt worden. Ich bin zum Masterstudium zugelassen“, sagt er. In seinem Praktikum im Wahlkreisbüro von Nils Schmid hat Yousef al Daher allerdings nicht nur einen Einblick in den Politikbetrieb vermittelt bekommen, sondern auch die Erkenntnis, wo er noch nachbessern muss.

„Die fachlichen Kenntnisse sind da. Dafür, dass er erst seit zwei Jahren in Deutschland ist, spricht er schon sehr gut. Mit dem Schriftlichen hapert es allerdings noch“, sagt der Büroleiter Michael Wechsler. Sollte es ihm gelingen, den Rückstand wettzumachen, dann hätte der Syrer nach Wechslers Einschätzung alle Chancen, in Deutschland Fuß zu fassen. „Wir werden in Zukunft viele Integrationsmanager brauchen. Dafür bringt Yousef die besten Voraussetzungen mit“, sagt der Büroleiter.

Vor allem Lernfähigkeit: In seiner Freizeit hat Yousef al Daher einen Sprachkurs belegt. Und auch in der Flüchtlingsarbeit hat er schon erste Erfahrungen gesammelt – beim Dienstagstreff der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer in der Nürtinger Seegrasspinnerei.




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