Grünen-Politiker Matthias Gastel über S 21 Eine Region im Verkehrsschatten

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Stuttgart 21 ist nicht mehr zu stoppen, sagt der Bundestagsabgeordnete der Grünen im Wahlkreis Nürtingen, Matthias Gastel. Allerdings müssten nun die Verantwortlichen auch Farbe bekennen, sowohl was die Finanzierung als auch die Optimierung angeht.

Matthias Gastel ist in allen Sätteln gerecht.  Foto: Horst Rudel Foto:  
Matthias Gastel ist in allen Sätteln gerecht. Foto: Horst Rudel

Nürtingen - Natürlich, so gibt Matthias Gastel, der Grünen-Bundestagsabgeordnete im Wahlkreis Nürtingen, unumwunden zu, seien die Friday-for-Future-Forderungen nach einem pfleglicheren Umgang mit der Umwelt Wasser auf die Mühlen seiner Partei. Aber die wöchentlichen, einer reinen Schülerdemonstration schon lange entwachsenen Kundgebungen haben in seinen Augen noch einen zweiten über die Parteigrenzen hinaus wichtigen Nutzwert. „Die Bewegung trägt zu einer Politisierung der Gesellschaft bei“, sagt der Abgeordnete im Rahmen eines Pressegesprächs zur Halbzeit der Legislaturperiode im Bundestag.

Es fänden wieder Debatten statt – in der Gesellschaft, in den Schulen, im Familienkreis, bis hin zu der persönlichen Frage, die sich jeder vor dem Spiegel stellen sollte: Was tue ich für eine intakte Umwelt? Kämen je die Akteure der Bundesregierung in die Verlegenheit, sich diese Frage zu stellen, dann wüsste der Grünen-Politiker schon die treffende Antwort: weniger als nichts!

Bahn-Finanzierung weiter gekürzt

„Die Bahn ist seit Jahrzehnten das am meisten vernachlässigte Verkehrsmittel in Deutschland – und was macht die Bundesregierung im Haushalt 2020? Sie fährt den Mittelansatz für den Schienenneu- und -ausbau sogar noch weiter runter“. Das sei schier nicht zu fassen, klagt Gastel, der bahnpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion ist. Dass der Kohlendioxidausstoß im Verkehrssektor im Gegensatz zu allen anderen Bereichen gestiegen sei, liege daran, dass das steigende Lkw-Aufkommen über die Straße und nicht über die Schiene abgewickelt werde.

Führe die große politische Linie schon aufs Abstellgleis, so gelte das auch für Stuttgart 21 im regionalen Kontext. „Es wird immer deutlicher, dass mit den acht Gleisen im neuen Tiefbahnhof die Einhaltung des Deutschlandtakts nicht möglich ist“, sagt der Politiker. Um zu verhindern, dass der gesamte Raum Stuttgart in den Verkehrsschatten gerät, müsse dringend nachgebessert werden. „Diejenigen, die das Projekt durchgedrückt haben, sollen endlich Verantwortung übernehmen und Stuttgart 21 zu einem Zukunftsprojekt machen“, sagt Gastel. Verantwortung übernehmen heiße auch, für die noch immer ungeklärte Finanzierung des Milliardenprojekts geradezustehen. „Von den zuletzt im Raum stehenden Kosten in Höhe von 8,2 Milliarden Euro sind erst 4,5 Milliarden Euro finanziert“, rechnet Gastel vor.

Die CDU und die SPD schlagen sich in die Büsche

Die CDU und die SPD, die dem Projekt die politischen Mehrheiten verschafft hätten, würden sich auch bei dieser Frage in die Büsche schlagen. „Dabei ist höchste Eisenbahn“, sagt der Bahnexperte, der einräumt, dass der Zug für einen Stopp des Gesamtprojekts Stuttgart 21 aus seiner Sicht schon lange abgefahren ist. Anstatt die Schlachten der Vergangenheit zu schlagen, sollte man lieber die Kräfte bündeln und einem Ringschluss der S-Bahn ins Neckartal den Boden bereiten. „Der Filderraum mit seinen großen Verkehrsproblemen braucht diese Bahn“, sagt Gastel, der die Erschließungsachse vom Raum Böblingen und Sindelfingen bis nach Kirchheim führen will.

Und möglicherweise auch darüber hinaus. „Das Projekt Teckbahn, die Verbindung von Kirchheim über Weilheim und Bad Boll nach Göppingen ist noch nicht tot“, sagt er. Weil die Fahrgastzahlen in der Region enorm steigen würden, könnte sich Matthias Gastel vorstellen, dass mit einer Neuberechnung der Kosten-Nutzen-Relation die Chancen steigen könnten, diese Lücke im S-Bahnnetz zu schließen.