Nürtingen Hangsicherung lässt auf sich warten

Von  

In der Panoramastraße in Zizishausen kommen nach dem Hangrutsch die Dränagearbeiten nicht in Gang. Grundstückseigentümer wollen ihre Einwilligung nur dann geben, wenn sie Garagen bauen dürfen. Dem steht jedoch der Naturschutz entgegen.

Eine  ehemalige Streuobstwiese links unterhalb des Neubaus ist zerstört. Die Eigentümer wollen dort jetzt Garagen bauen, dem steht aber der Naturschutz entgegen. Foto: Horst Rudel
Eine ehemalige Streuobstwiese links unterhalb des Neubaus ist zerstört. Die Eigentümer wollen dort jetzt Garagen bauen, dem steht aber der Naturschutz entgegen. Foto: Horst Rudel

Nürtingen - Heftige Gewitter und starke Regenfälle – Maria Kurt schläft in diesen Tagen schlecht. Die Nürtingerin wohnt mit ihrer Familie an dem Hang, der vor zwei Jahren im Teilort Zizishausen ins Rutschen geraten war. Eigentlich hätte der Bauherr des Neubaus oben am Hang, dessen Terrasse abgerutscht war, Mitte April mit der Hangsicherung beginnen sollen. Doch er legte Widerspruch gegen die Verfügung der Stadt ein. Wann mit der Sicherung begonnen wird, ist nun unklar.

Der Bauherr nennt zwei Gründe für die Verzögerung. Zum ist das von der Panoramastraße aus gesehen linke Nachbargrundstück ein Teil eines Naturdenkmals. Von dieser Seite aus müssten die Dränagearbeiten erfolgen, die mit dem Einbau einer Spritzbetonwand den Kern der Hangsicherung bilden. Ein Befahren des Grundstücks beiße sich aber mit dem Naturschutz. Das Rathaus habe ihm mitgeteilt, so der Bauherr, dass „somit der Bebauungsplan, auf dem die Sanierungsplanung betrieben wurde, ungültig sei.“ Eine konkrete Stellungnahme der Stadt stehe noch aus.

Idyllische Streuobstwiese ist zerstört

Die Stadtverwaltung teilt die Darstellung des Bauherrn in puncto Naturschutz nicht: „Die Ausführung der Hangsicherungsmaßnahmen wird in keiner Weise durch den Naturschutz behindert“, teilt die Rathaussprecherin Susanne Weisheit mit.

Der zweite Hinderungsgrund sei privatrechtlicher Natur, so der Bauherr. Das Flurstück gehört Waltraud und Helmut Schweizer. Von der Streuobstwiese, die sich dort einmal befunden hat, ist nichts mehr übrig. Nach dem Hangrutsch nebenan sei „ohne weitere Nachfrage oder Information“ bis zu vier Meter hoch Erdreich und Bauschutt auf ihrem Stückle abgelagert worden, beklagen die Schweizers. Das einstige Idyll ist zerstört – ein „absoluter Totalverlust“, sagt Helmut Schweizer.

Grundstückseigentümer von Naturschutz überrascht

Das Ehepaar will auf ihrem Grundstück nun Garagen erstellen. Der Bebauungsplan schien dies auch zuzulassen. Die Garagen waren schon bestellt, doch Ende Januar 2018 erfuhren die Schweizers, dass inzwischen ihr gesamtes Flurstück unter Naturschutz stehe. Sie fielen aus allen Wolken und pochen nun auf die Wiederherstellung des Bebauungsplans.

Der Bauherr benötigt das Grundstück der Schweizers dringend für die Ableitung des Wassers über Dränagen. Waltraud und Helmut Schweizer wollen aber erst dann eine privatrechtliche Genehmigung für die Ableitung des Wassers erteilen, wenn der Naturschutz aufgehoben wird und sie ihre Garagen errichten dürfen. Das Rathaus dämpft hier jedoch die Erwartungen. Das Landratsamt Esslingen habe für den Fall eines Antrags, den Naturschutz aufzuheben, bereits seine Ablehnung signalisiert.

14 Häuser nach Hangrutsch evakuiert

Nach ähnlich starken Regenfällen wie in diesen Tagen, war der Hang in der Nacht auf den 8. Juni 2016 in Bewegung geraten. Kurz vor 1.30 Uhr hatten die Kurts bemerkt, dass sich auf dem Nachbargrundstück Steine vom Hang lösten. Bäume und Steine rutschten bis auf die Panoramastraße hinunter. 14 Häuser wurden evakuiert. 35 Menschen mussten zu Verwandten oder in eine Notunterkunft.

Seither ist in diesem Abschnitt der Straße nichts mehr wie zuvor. Die Kurts fühlen sich mit ihrem Schaden und ihren Sorgen alleine gelassen. Bei einem Besuch deutet Maria Kurt auf Risse in den Fliesen als unmittelbare Folge des Hangrutschs vor zwei Jahren. Neu sei eine geborstene Fensterscheibe, die bei einer Erdwärmebohrung des Bauherrn im vergangenen Jahr aufgetreten sei. „Der Hang bewegt sich nach wie vor, und es besteht eine prekäre Situation“, sagen Maria Kurt und ihr Mann Ayhan und berufen sich dabei auf ihren Geologen, den sie beauftragt haben.

Geologen wegen Hangstabilität uneins

Was die Stabilität des Hangs angeht, gibt es freilich unterschiedliche Ansichten. Laut dem Bauherrn, der sich wiederum auf seinen eigenen Geologen stützt, ist das Gelände sicher. Auch die Nürtinger Stadtverwaltung verweist auf kontinuierliche Messungen, es seien „lediglich normale Hangbewegungen zu verzeichnen“. Das vom Geologen des Bauherrn entwickelte Sicherungskonzept beurteilt das Rathaus als „ausreichend“.

Glücklich ist mit der Situation indessen niemand. Immerhin gibt es laut dem Bauherrn nun Bemühungen, die Sicherung des Hangs auf dem Grundstück der Familie Kurt vorzuziehen. Geplant sei, dort „die zerstörten Drainagen in den nächsten Wochen wieder instand zu setzen. Wir wollen diesen Albtraum endlich beenden“, versichert der Bauherr. Ob es so rasch geht, ist aber fraglich, es laufen noch die Gespräche mit dem Anwalt und dem Geologen der Kurts. Maria Kurt hofft auf eine baldige Lösung: „Wenn es mal 14 Tage am Stück regnet, müssen wir flüchten“, befürchtet sie.