Nürtingen Kleingärtner fallen dem Großen Forst zum Opfer

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Die Pächter im Breiten Löhle müssen weichen, um Platz für das geplante Gewerbegebiet Großer Forst zu machen. Ersatz gibt es nicht. Die Schrebergärten waren nach dem Krieg angelegt worden, um die Versorgungslage speziell von Flüchtlingen zu verbessern.

Dies wird die letzte Ernte für die Gärtner, sie müssen ihre Beete aufgeben. Foto: Horst Rudel
Dies wird die letzte Ernte für die Gärtner, sie müssen ihre Beete aufgeben. Foto: Horst Rudel

Nürtingen - Nach fünf Jahrzehnten soll für die Nürtinger Kleingärtner im Breiten Löhle Schluss sein. Die Stadt hat den Pächtern einer Parzelle zum 30. September gekündigt. Das Rathaus fordert sie auf, bis zum 31. Dezember ihre Grundstücke abzuräumen und die Garten- und Gewächshäuser abzubauen. Der Grund für die Kündigung: Die Stadt braucht für die Entwicklung des benachbarten Großen Forstes zu einem Gewerbegebiet Flächen eines Pensionspferdehofs. Dessen Eigentümer tauscht mit der Stadt seine Fläche im Großen Forst gegen die Fläche der Kleingartenanlage im Breiten Löhle.

„Für uns ist durch die Kündigung die Welt zusammengebrochen“, heißt es in einem Brief an den Oberbürgermeister Otmar Heirich und die Fraktionsvorsitzenden im Nürtinger Gemeinderat, der von 24 Familien der Gartenanlage unterschrieben ist. „Die seit 50 Jahren bestehende Gartenanlage ist für uns zur zweiten Heimat geworden. Wir haben die Grundstücke zum Teil von unseren Eltern übernommen und mit großem Einsatz bewirtschaftet“, heißt es in dem Schreiben weiter.

Es gibt eine Warteliste mit 300 Bewerbern

Einige der Kleingärtner hätten inzwischen erfolglos versucht, Ersatzgrundstücke ausfindig zu machen. Die Stadt führe eine Warteliste von 300 Bewerbern. Dies zeige, „dass in Nürtingen ein riesengroßer Bedarf an Kleinparzellen besteht“, schreibt stellvertretend für die Unterzeichner der bisherige Pächter Simon Gabel. „Wir sind sehr ungehalten, dass uns gekündigt wurde, ohne dass uns Ersatzgrundstücke angeboten wurden. Wir haben uns daher zusammengeschlossen und möchten Sie bitten, die Kündigung rückgängig zu machen oder Ersatzgrundstücke ausfindig zu machen“, so die Pächter. Der Nürtinger Rathaussprecher Clint Metzger bestätigt auf Nachfrage, dass es eine Warteliste mit 300 Bewerbern gibt. Ersatz zu finden sei schwierig. Ausweichflächen stünden „keine zur Verfügung“, sagt Metzger lapidar.

Die Kleingartenanlage war nach dem Krieg für Bewohner des Stadtteils Enzenhardt angelegt worden. Sie diente dazu, die Versorgungssituation speziell für Flüchtlinge zu verbessern. Die Bewirtschaftung der Gärten scheint aber bis heute mehr zu sein als nur ein Hobby. „Gerade in der heutigen Zeit sind die Grundstücke für uns unverzichtbar geworden, da wir Gemüse und Obst selbst anbauen. Unsere Renten reichen teilweise nicht aus, um diese Lebensmittel zu kaufen“, schreiben die Pächter.

Auch am Neckar hat die Stadt eine Gartenanlage geräumt

Wie groß die Tauschflächen im Breiten Löhle und im Großen Forst sind, sagen weder die Stadt noch Dirk Schaal, der Betreiber eines Pensionspferdehofs im Breiten Löhle. Die Grundstücksangelegenheit sei allein eine Sache zwischen der Stadt Nürtingen und dem Betrieb, heißt es übereinstimmend. Dirk Schaal wehrt sich indessen dagegen, der Buhmann für die Kleingärtner zu sein. Jahrelang habe er gegen das geplante Gewerbegebiet gekämpft. Nun, da es beschlossen ist, sei er aber zu dem Flächendeal gezwungen. „Uns wäre es am liebsten, wenn alles so bliebe, wie es ist“, betont Dirk Schaal. Die neue Fläche werde er landwirtschaftlich nutzen, kündigt er an ohne dabei Einzelheiten zu nennen.

Die Kleingärtner im Breiten Löhle sind nicht die einzigen, die ihre Stückle verlieren. Auch den Pächtern in Verlängerung des Wörth-Stadions kündigte die Stadt. Offenbar standen die Parzellen, die dem Anbau von Obst und Gemüse für den Eigenbedarf und zur Erholung dienten, dem Hochwasserschutz im Weg. Die Flächen am Neckar sind bereits geräumt. Im Teilort Hardt kündigte die Stadt im Jahr 2011 Kleingärtnern, um die Vergrößerung des Sportvereins zu ermöglichen. Alle Pächter haben laut dem Rathaus wieder Parzellen erhalten. „Großpächter“ gebe es keine mehr, dafür mehr kleinere Pächter als früher.