Nürtingen Nürtingen kämpft um eine attraktive Innenstadt

An Markttagen herrscht in der frisch gepflasterten Nürtinger Fußgängerzone ein buntes Treiben. Foto: Horst Rudel

Die Einzelhändler und Gastronomen in Nürtingen kämpfen um eine attraktive Innenstadt – auch die Kommune investiert.

Region: Corinna Meinke (com)

Nürtingen - Als „offene Wunde“ bezeichnet der Nürtinger Oberbürgermeister Johannes Fridrich das brachliegende NC-Gebäude, das gegenüber dem Bahnhof steht. Als dort der Mediamarkt vor einem Jahr seine Tore schloss, traf das den Nürtinger Einzelhandel ins Mark. Seither fehlt ein starker Frequenzbringer in der Innenstadt. Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der Onlinehandel und die Coronapandemie den stationären Einzelhandel und die Gastronomie beuteln.

 

Doch die Händler wollen den Kopf nicht hängen lassen. „Wir haben kein Ladensterben und kaum Leerstände“, erklärt Frank Schweizer vom Werbering Nürtingen tapfer. Er sehe die Entwicklungen in der Stadt durchaus positiv. Der Geschäftsmann erinnert an die Aufwertung der Fußgängerzone rund um den Schillerplatz mit der Kreuzkirche und dem Ochsenbrunnen. Rund 3,6 Millionen Euro hat die Kommune dort in die Versorgungsleitungen, neue Beläge und eine barrierefreie Modellierung des Platzes investiert. Auch der benachbarte Jorderyplatz mit seinen prächtigen Kastanien, dem erneuerten Spiel- und dem Bouleplatz lädt nach der Sanierung wieder zum Verweilen nahe der modernisierten Stadthalle ein.

Belebte Innenstadt

Wer an einem der Markttage hier flaniert, erlebt eine belebte Innenstadt. Das emsigste Treiben herrscht erwartungsgemäß dabei rund um die Marktstände. Je weiter sich Passanten und Passantinnen in Richtung Stadtkirche bewegen, umso weniger Menschen tummeln sich in der Kirchstraße. Dabei bietet gerade der Schlossberg, auf dem St. Laurentius thront, einige lohnenswerte Ziele. Ob mit einer Erfrischung aus der trendigen Eisdiele Amore et Gelati oder einem Stück Kuchen vom Platzhirsch, dem Café Schümli – solche Leckererein schmecken, wenn das Wetter es zulässt, corona-konform auch auf einer der Bänke in der Altstadt. Und frisch gestärkt lassen sich, momentan halt abhängig vom Corona-Inzidenzwert, kleine und feine Läden voller Spielwaren, Wein, Blumen, handgenähter Kleidung und maßgeschneiderter Dessous, Keramik und Wohnaccessoires erkunden.

Als in der Nachbarschaft vom Café Schümli vor Monaten nacheinander mehrere Läden leer standen, setzte der Oberbürgermeister alle Hebel ein und seine sozialen Netzwerke mächtig unter Dampf, um Nachmieter zu finden, denn wie alle guten Lagen funktioniert auch die Altstadt am Schlossberg nur als Ensemble: Der Bummel gelingt, wenn die Perlenschnur nicht reißt.

„Perle am Neckar“

Als „Perle am Neckar“ beschreibt Fridrich gern seine Vision von Nürtingen als pulsierende und facettenreiche Stadt. Aufenthaltsqualität ist dabei der Code, der die Menschen in die Stadt locken soll. Und gleichzeitig das Stichwort, das kaum genannt, den Nürtinger Oberbürgermeister nur so sprudeln lässt. Fridrich hat die Belebung der Innenstadt zur Chefsache erklärt und das schon kurz nach seiner Amtseinsetzung im Sommer 2019. Schon im Wahlkampf hatte der Jurist die Nürtinger Defizite benannt. Bis heute stehen heruntergekommene Gebäude an der Neckarsteige und Spelunken am Neckar im krassen Gegensatz zum Bild von der Perle, das Fridrich gern mithilfe einer Landesgartenschau aufpoliert hätte.

Nach der Absage muss die Kommune aus eigener Kraft und Zuschüssen für ihr Sanierungsgebiet Schlossberg II die Aufwertung vorantreiben. Die Idee vom verkehrsberuhigten Stadtbalkon am Neckar wird modellhaft von Juni an inszeniert. Standortflyer, Einzelhandelskonzept, die Arbeitsgruppe Altstadt und die geplante Verschmelzung der Händlerinitiativen Werbering und Citymarketing sollen zusätzliche Dynamik entfalten.

Und für die Aufwertung des Stadtentrées am Bahnhof hofft Fridrich auf die Finanzstärke privater Investoren. Wer endlich Ankermieter im NC-Gebäude wird, soll der Gemeinderat in Kürze erfahren.

Nürtingen belegt Rang drei im Kreisvergleich

Kaufkraft: Betrachtet man das Verhältnis von Kaufkraft und Umsatz im Einzelhandel, ist von der Zentralitätskennziffer die Rede. In Nürtingen ist diese Zentralitätskennziffer 2019 leicht gesunken auf 96,2 (2018: 97,3). Im Kreisvergleich landet Nürtingen immerhin auf Platz drei hinter Kirchheim (121,0) und Esslingen (100). Den leichten Rückgang erklärt Christian Franz, der das städtische Amt für Liegenschaften, Wirtschaftsförderung und Bürgerbeteiligung leitet, dadurch, dass die Einzelhandelskaufkraft pro Kopf in Nürtingen von 7324 Euro (2018) auf 7473 Euro (2019) angestiegen ist, während der Einzelhandelsumsatz pro Kopf von 6296 Euro (2018) auf 6290 Euro (2019) zurückging.

Erklärung: Zwei Deutungen sind möglich, so könnte die Nürtinger Kaufkraftbindung nachlassen, aber auch von außen weniger Kaufkraft nach Nürtingen einfließen.

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