Nürtingen Pferde sind ihr Metier – „eine Paddockbox ist nur ein Zimmer mit Balkon“
Konstanze Krüger-Farrouj hat in Nürtingen die einzige Professur für Pferdehaltung im Land inne. Sie macht sich für die Gruppenhaltung von Pferden stark.
Konstanze Krüger-Farrouj hat in Nürtingen die einzige Professur für Pferdehaltung im Land inne. Sie macht sich für die Gruppenhaltung von Pferden stark.
Beim Thema Pferde gilt Konstanze Krüger-Farrouj als führende Kapazität der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. Seit 2012 ist sie dort Professorin für Pferdehaltung – und damit die erste und bisher einzige Professorin auf diesem Gebiet. Und um es gleich vorweg zu sagen: Tierwohl liegt Krüger-Farrouj besonders am Herzen – nicht nur bei Pferden.
„Eine Paddock-Box vermietet sich gut, aber das ist nur ein Zimmer mit Balkon. Etwas besser als eine Box, weil mit Sonne und Luft, aber kein Ersatz für den Kontakt mit Artgenossen“, stellt Krüger-Farrouj klar, die sich angesichts der Studienlage für eine Gruppenhaltung bei Pferden stark macht. Seit 2024 tut sie das auch auf EU-Ebene, wo sie einen Ruf als wissenschaftliche Expertin in das Expertengremium der EFSA (European Food Safety Authority) angenommen hat, um sich für das Wohl von Pferden, Eseln, Mulies und Maultieren einzusetzen
Das Thema Platzangebot spielt laut Krüger-Farrouj eine große Rolle beim Tierwohl dieser Rassen. Derzeit arbeite sie an neuen Leitlinien, die bisherigen sähen 150 Quadratmeter Fläche für zwei Pferde und weitere 40 Quadratmeter für jedes weitere Tier vor. „Wir diskutieren momentan über viermal so viel Platz und ich weiß, dass viele Betriebe das nicht umsetzen können“, sagt die Fachfrau mit Blick auf ihre Erfahrungen in der Praxis.
„Pferde brauchen aber keine Box, also kein Zimmer“ und bei manchen Tieren führe der Staub im Stall sogar zu Lungenentzündungen oder zu Asthma. Und Platzmangel verursache Stress bei rangniederen Tieren, die sich dann nicht zum Schlafen niederlegen könnten. Außerdem seien Pferde dafür gemacht, sich ihr Futter selbst zu suchen und sich viel zu bewegen.
Nicht nur das Thema Pferdehaltung möchte Krüger-Farrouj modernisieren, auch der Herdenschutz beschäftigt sie seit Jahren, lange bevor das Thema in Deutschland die Betroffenen bewegte, wie sie lächelnd erwähnt. Aber man sollte vorbereitet sein, ergänzt die Fachfrau, die seit vielen Jahren mit Studierenden in die italienischen Abruzzen reist, um dort von den Viehhaltern zu lernen.
Dort leben laut der Wissenschaftlerin rund 300 Wölfe. Die Tiere seien dort im Gegensatz zu Deutschland trotz der Bejagung nie ganz ausgerottet worden. „Meine Studierenden sind alle kleine Experten im Herdenschutz“ lobt Krüger-Farrouj und verweist auf die vier Podcasts, die die Studierenden auf Basis ihrer Recherchen dazu veröffentlicht haben.
Da ist zum Beispiel zu erfahren, dass eine der italienischen Pferdehalterfamilien, die ihre Gruppe immer wieder besucht, zehn bis 15 Fohlenrisse ihrer halbwild auf Hochalmen lebenden Pferde pro Jahr zu beklagen hat. Im Umgang mit der Gefahr wirke es sich positiv aus, wenn die Herde stabil zusammenhalte, sie genügend Platz für die Flucht habe oder Schutzhunde zum Einsatz kommen und Jungtiere am Hof gehalten und geschützt würden.
Bei diesen Exkursionen, bei denen die Studierenden in den Bergen campieren, „nehmen sie etwas fürs Leben mit“ und auch Krüger-Farroujs Sohn, der momentan in Quanteninformatik promoviere, sei gerne mit von der Partie. Auch das Thema Herdenschutzhunde beschäftigt die Forscherin, die mit zwei Studierendengruppen auf deutschen Höfen erste Erfahrungen abgefragt hat. Dieser praxisnahe Unterricht und die Verknüpfung zahlreicher Themen hat Krüger-Farrouj nun den diesjährigen Lehrpreis der HfWU eingebracht.
„Es macht mir unglaublich viel Spaß mit jungen und innovativen Menschen zu arbeiten“, erklärt sie und erwähnt im nächsten Atemzug den Equine Science Talk, den sie gemeinsam mit ehemaligen Doktorandinnen auf Youtube anbietet. Solche Plattformen böten eine interessante Möglichkeit, wissenschaftliche Informationen verständlich wiederzugeben, denn Forschung arbeite immer im Auftrag der Gesellschaft, die deshalb das Recht auf Informationen habe.
Aber auch Stallluft schnuppert die Wissenschaftlerin auf dem Nürtinger Hofgut Jungborn, einem Lehr- und Versuchsbetrieb der Hochschule, regelmäßig, wo Krüger-Farrouj „gerne als Bodenpersonal“ für die Pferde ihrer Studierenden im Einsatz ist. Denn auch nach dem Tod ihrer letzten eigenen Pferdes kürzlich kann sie von dieser Spezies nicht lassen.
Begonnen habe diese Faszination als Kind. „Es war im Urlaub in den Niederlanden und es hat mich nie wieder losgelassen“, sagt Konstanze Krüger-Farrouj auf die Frage, wann sie mit dem Pferde-Virus angesteckt wurde. Das war mit fünf oder sechs Jahren und ab acht erhielt sie regelmäßig Voltigier-, dann Reitunterricht und trat später als Leistungssportlerin bei Vielseitigkeitsturnieren an.
„Der Stall war für mich immer ein Fluchtpunkt“, erinnert sich die Wissenschaftlerin, die Tiermedizin studierte und jahrelang eine eigene Reitschule bei Regensburg leitete, bevor es sie als Zoologin 2004 an den Lehrstuhl für Biologie der Universität Regensburg zog, wo sie sich für das Forschungsgebiet „Soziales Lernen und soziale Kognition der Pferde“ engagierte und sich später darin habilitierte.