Nürtingen Strümpfe gestrickt bis zum Gang in die Gaskammer

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Die Gedenkinitiative erinnert an Ernestine S., die von den Nazis 1940 in Grafeneck ermordet wurde. An einem Denk Ort sollen die Opfer des NS-Regimes aus der Vergessenheit geholt werden.

Das Schicksal von Ernestine S. ist nicht länger im Verborgenen. Foto: Michael Steinert
Das Schicksal von Ernestine S. ist nicht länger im Verborgenen. Foto: Michael Steinert

Nürtingen - Ob die beiden Söhne von Ernestine S. eine Urne tatsächlich mit der Asche ihrer Mutter bekommen haben? Anne Schaude von der Gedenkinitiative für die Opfer und Leidtragenden des Nationalsozialismus in Nürtingen, die Einzelschicksale recherchiert hat und jetzt am „Denk Ort“ bei der Kreuzkirche an jenes von Ernestine S. erinnert, zweifelt daran.

In der Urne an die Söhne war wohl nicht die Asche der Mutter

Es sei davon auszugehen, dass sich in der Urne nicht die Asche der am 1. August in Grafeneck von den Nazis ermordeten Mutter befand, sondern die sterblichen Überreste eines anderen Menschen. Denn dies, so erklärt Anne Schaude, sei im Dritten Reich gängige Praxis gewesen. „Der Name des einzelnen Patienten, wie auch seine Asche, hatte für die Täter des NS-Regimes jede Bedeutung verloren“, schreibt die Autorin im Zuge ihrer Recherchen zu Ernestine S.’ Schicksal.

Die 1873 in Markgröningen geborene Frau hatte 1905 einen Oberensinger Steinhauer geheiratet und war so nach Nürtingen gekommen. Zwei ihrer insgesamt vier Kinder starben bereits im ersten Lebensjahr. Nachdem ihr Mann im Jahr 1932 starb, wurde die Frau psychisch schwer krank. Nach einer ersten Behandlung in der Nervenklinik der Universität Tübingen kam sie nach zwei Jahren in die Heilanstalt Weißenau bei Ravensburg. „Dort soll sie sich gut eingelebt und unermüdlich Strümpfe gestrickt haben.“ Ernestine S. sei eine ruhige, stille Kranke gewesen, die mit jedermann gut auskomme und friedlich ihrer Arbeit nachgegangen sei, hat Anne Schaude herausgefunden.

Am ersten Tag in Grafeneck wartete der Tod

Am 1. August 1940 jedoch wurde Ernestine S. von Weißenau in die Landes-Pflegeanstalt Grafeneck gebracht, wo bereits im Januar die Euthanasie-Morde begonnen hatten. Es sei davon auszugehen, dass Ernestine noch am Tag ihrer Ankunft in der Gaskammer ermordet wurde, so Schaude.

Ernestine S. ist das fünfte Opfer, an das die Gedenkinitiative und die Stadt Nürtingen am Denk Ort erinnern. Seit rund einem halben Jahr gibt es diese Stätte an der Kreuzkirche. Die Initiative hatte zuvor darauf gedrungen, dass die Opfer des Nationalsozialismus sieben Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg endlich ein Gesicht bekommen. Der Gemeinderat stellte sich dann hinter diese Idee.