Null-Covid-Strategie in Shanghai Lockdown-Ausfälle kommen näher

Shanghai ist seit Ende März im Ausnahmezustand. Foto: dpa/Ding Ting

Die strikten Coronabeschränkungen in Shanghai dürften sich bald auch in Baden-Württemberg auswirken – einige Zuliefererfirmen befürchten Folgen für die Produktion. Und ab Sommer könnte das deutsche Personal in der Metropole knapp werden.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Der Ausnahmezustand in China will kein Ende nehmen: Seit Ende März ist der Großraum Shanghai im Corona-Lockdown. Und relativ wenige Firmen können wenigstens eine eingeschränkte Produktion aufrechterhalten. Zu ihnen gehört der Automobilzulieferer Marquardt.

 

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An dessen Standort arbeiten und übernachten seither fast 200 Mitarbeiter, um das Werk am Laufen zu halten – ohne es verlassen zu dürfen. Ihnen ergehe es dort besser, als wenn sie in ihrer Wohnung isoliert wären, meint ein Firmensprecher – nicht nur wegen der sozialen Kontakte, sondern auch weil sie dort besser mit Lebensmitteln versorgt würden. „Wir sind einer der wenigen Betriebe in Shanghai, wo überhaupt noch etwas läuft.“ Zuletzt seien rund 70 Mitarbeiter hinzugestoßen, dennoch sei die Produktionskapazität „lediglich knapp zur Hälfte erreicht“.

„Man will Autos bauen, aber Teile fehlen“

Dass bald auch die heimischen Standorte darunter leiden werden, daran besteht kein Zweifel mehr. „Wir gehen davon aus, dass es in den nächsten Wochen sehr spürbar auf die globalen Lieferketten durchschlagen wird“, sagt der Marquardt-Sprecher. Selbst wenn die Auftragslage gut sei, so würden die Aufträge dann nicht abgerufen. „Man will Autos bauen, aber Teile fehlen.“ In Kombination mit der Halbleiterkrise und dem Ukraine-Krieg sei alles „ins Stottern geraten“ und tangiere die gesamte Industrie.

Container sind entweder vor Shanghai oder in Deutschland

Die Häfen von Shanghai sollen weiter geöffnet sein. Doch wenn der Umschlag in den Logistikzentren stockt, kommt kein Nachschub. Zudem liegt rund ein Drittel aller weltweiten Container-Frachtschiffe dort vor der Küste. So ist ein weiteres Problem aufgetaucht: Weil sie nicht entladen werden können, binden sie die zum Versand benötigten Container – von denen viele auch noch in Deutschland lagern. Wer vom normalerweise sechs- bis achtwöchigen Seetransport auf Luftfracht ausweichen will, muss drastisch draufzahlen. „So schießen bereits die Kosten in die Höhe“, heißt es bei Marquardt.

Dürr hat für ein Werk eine Sondergenehmigung

Mehr als zwei Drittel aller in China tätigen deutschen Unternehmen sind in Shanghai vertreten. Der Dürr-Konzern hat dort drei Standorte, von denen zwei in den Bereichen für Holzbearbeitungs- und Auswuchttechnik seit Anfang April nicht produzieren. Der größte Standort Shanghai-Qingpu, an dem vor allem das Geschäft mit Lackieranlagen und Umwelttechnik angesiedelt ist, setzt die Produktion auf Basis einer behördlichen Genehmigung fort. Dafür musste Dürr den Behörden nachweisen, dass man in der Lage ist, die seither dort lebenden gut 200 Beschäftigten im Werk zu beherbergen und zu versorgen, so dass sie nicht zur Arbeit pendeln müssen. Seit Mitte April dürfe mit etwas weniger Auflagen halbwegs normal produziert werden. Im Distrikt Qingpu habe Dürr eine der ersten dieser Genehmigungen erhalten.

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„Die Lockdowns schränken die Geschäftstätigkeit ein“, sagt ein Dürr-Sprecher. „Wir können weniger Umsatz erzielen als geplant, was vor allem im zweiten Quartal sichtbar wird.“ Vieles werde sich aufholen lassen. Denn Dürr geht davon aus, dass der Lockdown in Shanghai zeitnah aufgehoben wird, „da die Infektionszahlen sinken und die Regierung ein Interesse daran hat, die Wirtschaft am Laufen zu halten“.

ZF erwartet Lieferprobleme ab Ende Mai oder Anfang Juni

Der Automobilzulieferer ZF hat in China 15 000 Mitarbeiter, viele davon im Großraum Shanghai, wo man rund ein Dutzend Werke betreibt. „Das Ziel unserer chinesischen Kollegen ist es, in Übereinstimmung mit den behördlichen Vorgaben die Produktion bestmöglich zu sichern“, sagt ein Firmensprecher. Dazu sei viel Flexibilität nötig. Beispielsweise hätten ZF-Ingenieure in Absprache mit dem Kunden Testfahrzeuge auf eine nahe gelegene Insel gebracht, um den Entwicklungsprozess nicht zu verzögern.

Zu den Auswirkungen des Lockdowns heißt es eher allgemein bei ZF: Aufgrund der mehrwöchigen Lieferzeiten von Seefracht werden die Störungen mit einer Zeitverzögerung ab Ende Mai oder Anfang Juni global erwartet. Spekuliert wird in China, dass Anfang Juni wieder generell gearbeitet werden darf – erst in staatlichen, dann in privaten Firmen. Doch darauf ist kein Verlass. Südwestmetall-Geschäftsführer Tim Wenniges hat ein genaues Auge darauf, wann der Lockdown Baden-Württemberg erreicht. „Alle wissen wegen der Probleme in den chinesischen Werken: Da kommt was auf sie zu“, schildert er die allgemeine Unsicherheit. „Aber keiner weiß genau, was es sein wird.“ Die Logistikexperten des Verbands hätten schon Alarm geschlagen. Was passiert, wenn die Container etwa im Automobilwerk ausbleiben? „So konkret hat das keiner auf dem Zettel.“

„Riesenimageverlust“ für den Standort Shanghai

Betroffen sind auch rund 164 000 Ausländer, die offiziell in Shanghai leben. Bei denen zeigt sich ein Aderlass: Jörg Wuttke, Präsident der Europäischen Handelskammer in China, schätzt, dass das Land seit Pandemiebeginn die Hälfte der europäischen Fachkräfte (Expats) verloren hat. Im Sommer, wenn das Schuljahr endet, könnte ein „Exodus“ von einem weiteren Viertel folgen.

Die rigide Null-Covid-Strategie bringe Shanghai einen „Riesenimageverlust“, sagt Tim Wenniges, der selbst einige Jahre in Shanghai gelebt hat. Die Attraktivität des Standorts für ausländische Mitarbeiter sei dort ein „großes Thema“. Es sei in den vergangenen Jahren schon schwierig gewesen, „jetzt wird es richtig schwierig“, ahnt er.

Unterschiedliche Erfahrungen mit chinesischen Managern

Auch der Trend, die Verantwortung vor Ort von Chinesen tragen zu lassen, werde sich fortsetzen, sagt er, „weil man kaum noch Leute bekommt, die das machen wollen“. Andererseits seien auch die Unternehmensvorstände seit dem Corona-Ausbruch nicht mehr drüben gewesen. Die wüssten gar nicht mehr so recht, was los sei, wenn sie nicht einen deutschen Manager eingesetzt hätten.

Auch Marquardt hat seit Ende vorigen Jahres einen chinesischen Geschäftsführer, sieht in dessen Kenntnissen um die örtlichen Verhältnisse aber deutliche Vorteile. Auch an Probleme beim Rekrutieren von Expats glaubt man in Rietheim nicht, wenngleich dies in China kein Selbstläufer sei.

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Chemische Industrie erwartet logistische Probleme

Lieferprobleme
 Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) erwartet, dass sich die logistischen Probleme im Außenhandel mit China in den kommenden Monaten in der Branchenstatistik auswirken werden. Einer Umfrage bei Mitgliedsfirmen zufolge hätten die Störungen der Lieferketten zugenommen – die Belieferung mit Vorprodukten sei problematischer geworden. Der Einfluss der Null-Covid-Strategie in China sei noch offen.

Abhängigkeit
Zur Diskussion um eine Entkopplung von deutscher und chinesischer Wirtschaft sagte ein Verbandssprecher: Die Branche sei „davon überzeugt, dass viele globale Herausforderungen nur mit China bewältigt werden können“. Infolge des gewachsenen Potenzials für politische Spannungen, die die Wirtschaftsbeziehungen beeinträchtigen, sei aus Sicht der Chemie „ein ausbalancierter Ansatz der EU erforderlich, der den bilateralen Austausch ermöglicht und Konflikte entschärft, zugleich aber einseitige Abhängigkeiten in Hinblick auf Rohstoffe, chemische Erzeugnisse, Märkte und Technologien verringert“. Daher sollte die EU ihre Wirtschaftsbeziehungen durch Handelsabkommen differenzieren. 

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