„Nussknacker“ in Karlsruhe Bridget Breiner eint Mutter und Tochter im Tanz
Am Badischen Staatstheater in Karlsruhe verwandelt Bridget Breiner den „Nussknacker“-Stoff in ein Ballett über die Beziehung von Müttern und Töchtern.
Am Badischen Staatstheater in Karlsruhe verwandelt Bridget Breiner den „Nussknacker“-Stoff in ein Ballett über die Beziehung von Müttern und Töchtern.
In den siebten Himmel? Wer würde bei der Lage der Welt nicht gern an einen Ort fliehen, wo sich Wolf und Schaf herzen. Bridget Breiner gönnt den Helden ihres neuen Balletts ein solches Paradies. Wer im Großen Haus der Badischen Staatstheater am Samstag die Premiere von „Das Mädchen und der Nussknacker“ erlebte, der konnte auch verstehen, warum dieser Klassiker so gefragt ist. Das liegt nicht nur an der Musik Tschaikowskys, der auch die Badische Staatskapelle schöne Akzente erspielt. Vielmehr scheint die Flucht in Märchenstoffe angesagt, die Kraft der Fantasie macht selbst Kriege lösbar.
Auf der Stuttgarter Ballettbühne entführt der „Nussknacker“ von Edward Clug und Jürgen Rose demnächst wieder in eine Wunderwelt wie aus einem alten Bilderbuch. Bridget Breiner entstaubt ihn dagegen mit ihrem langjährigen Ausstatter Jürgen Franz Kirner ordentlich. Nationaltänze? Will heute niemand mehr. Für ihren letzten großen Streich vor dem Abschied aus Karlsruhe rückt Breiner jugendliche Konflikte in den Fokus.
Nicht nur ein Coming-of-Age-Ballett geht über die Bühne, sondern ein sehenswertes Stück über die Beziehung von Müttern und Töchtern. Projizierte Art-Deco-Ranken verorten es zeitlich. Die Karlsruher Stahlbaums machen es ihren Kindern leicht, sich an ihnen zu reiben: Der Vater hat sich verspekuliert und trinkt, die Mutter ist überfordert; Lucia Solari scheint als Mrs. Stahlbaum mit schmalen Pirouetten einen Kokon um sich zu spinnen.
Dabei war im Prolog vor üppigem Weihnachtsbaum die Welt noch in Ordnung. Clara Marie (Sara Zinna) war begeistert von einem blauen Pferd mit Flügeln und spielt noch damit, während die Weltwirtschaftskrise sich im Schnelldurchlauf anbahnt. Ein Jahr später leert an Weihnachten der Gerichtsvollzieher das Heim der Stahlbaums und macht sogar vor den Spielsachen nicht halt. Wenn die Tochter nach einem Streit mit der Mutter allein auf dem Sofa ins Reich der Träume sinkt, entfaltet der Raum einen bedrückenden Sog. Halb skelettierte Mäuse, Soldatinnen auf Spitze machen Eindruck. Erwartungen an weiße Akte löst Bridget Breiner mit genderfluiden Schneeflocken ebenso turbulent in Tanz auf wie die schrägen Wände.
Schon nach dem ersten Akt ist das Nussknacker-Feuerwerk gezündet, das Kinder begeistert. Dazu zählt die Figur des Drosselmeiers. Ledian Soto ist, mal kantig, mal geschmeidig tanzend, ein netter, aber geheimnisvoller Onkel, der lebensgroße Wolf- und Schafpuppen verblüffend manipuliert. Auch sein letztes Geschenk, der Nussknacker, ist wachgeküsst und entpuppt sich als der charmante Nachbarsjunge. Der erste Flirt lässt Daniel Rittoles und Sara Zinna auf Hochtouren drehen.
Der zweite Akt gehört dem Fest im Himmel, wo sich der Familienkonflikt löst. Vor festlicher Tafel die Spannung zu halten, ist auch deshalb nicht leicht, weil Personen schwer zuzuordnen sind. Tanzt da die Mutter ein feuriges Solo? Nein, es ist die Haushälterin; die Mutter hat der Streit gebannt. Wie sich Erstarrung löst und Mutter und Tochter sich im Tanz spiegeln, rührt an. Auch wenn manches emotional überladen ist, die Männer fast zu viril ranklotzen, geht Breiners Konzept auf und bietet viele Hingucker. Sehr junge Zuschauer wird sie allerdings überfordern; acht plus lautet die Altersempfehlung.
Termin
„Das Mädchen und der Nussknacker“ ist in dieser Spielzeit bis zum 28. Januar am Badischen Staatstheater zu sehen.