Nutzfahrzeugmesse IAA Zeitenwende in der Lkw-Branche

Der Mercedes-Lkw mit Elektroantrieb fährt lautlos durch die Nacht. Foto: Daimler
Der Mercedes-Lkw mit Elektroantrieb fährt lautlos durch die Nacht. Foto: Daimler

Im Stadtverkehr der Zukunft wird bald auch mit Strom gefahren. Daimler und der VW-Konzern präsentieren auf der Nutzfahrzeugmesse IAA Busse, Transporter und Lkw mit Elektroantrieb.

Wirtschaft: Harry Pretzlaff (hap)
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Hannover - Es war ein drückend heißer Tag im Juli, als Daimlers Truck-Vorstand Wolfgang Bernhard auf einer Teststrecke am ­Rande des Untertürkheimer Werks eine Zeitenwende ankündigte. „Die ersten 120 Jahre der Lkw-Geschichte waren eine reine Diesel-Ära. Mit dem heutigen Tag kommt die Elektromobilität beim Lkw an“, sagte Bernhard bei der Präsentation des Urban E-Truck, einer mit Strom betriebenen Fahrzeugstudie von Mercedes-Benz. „Jetzt ist die Zeit reif für Elektro-Lkw“, sagte der Daimler-Vorstand bei der Vorstellung des Versuchsfahrzeugs, das mit einem Gesamtgewicht von 26 Tonnen und 200 Kilometer Reichweite für den Verteilerverkehr in Städten ausgelegt ist. Als weitere Fahrzeugstudie mit Elektroantrieb zeigte Daimler Anfang September in einer Stuttgarter Messehalle den Vision Van, einen Transporter für Paketdienste, der für die umweltfreundliche Zustellung zusätzlich zwei Drohnen auf dem Dach zu den Kunden fliegen lässt.

Beide Stromer stehen in diesem Jahr neben einem Bus mit Elektroantrieb im Mittelpunkt des Auftritts von Daimler auf der Nutzfahrzeugmesse IAA in Hannover. Passend zum Thema stellten die Stuttgarter den 600 Journalisten aus 36 Nationen ihre wichtigsten Neuheiten vor der Kulisse eines blau angestrahlten Elektrizitäts- und Heizkraftwerks in Hannover vor. „Heute stoßen wir die Türen zum emissionsfreien Transport in Städten ganz weit auf“, schwärmte Truck-Spartenchef Bernhard.

Bisherige Erfahrungen waren nicht gerade vielversprechend

Die bisherigen Erfahrungen mit Elektroantrieben in Nutzfahrzeugen waren bei Daimler indes nicht gerade vielversprechend. Bereits seit den 1970er Jahren ­haben die Stuttgarter immer wieder Transporter und Lkw mit batterieelektrischem Antrieb und mit Hybridantrieb – also einer Kombination aus Elektro- und Verbrennungsmotor – als Prototypen, Versuchsfahrzeuge sowie als Kleinserien hergestellt. Der Durchbruch gelang jedoch bisher nicht – Gewicht und Kosten waren zu hoch, die Reichweite war zu gering.

So brachte Daimler beispielsweise 2011 den Elektrotransporter Mercedes-Benz Vito E-Cell in Serie. „Die Kundennachfrage war aber eher verhalten“, räumt Van-Chef Volker Mornhinweg ein. Die Produktion wurde wieder eingestellt. Dennoch sieht Mornhinweg den Versuch nicht als Fehlschlag. Inzwischen seien 1000 dieser Fahrzeuge im Einsatz. „Wir haben dabei viel gelernt.“ Vor vier Jahren präsentierten die Stuttgarter dann auf der IAA einen Elektro-Sprinter, „um zu zeigen, dass wir auch ­größere Fahrzeuge mit Elektroantrieb anbieten können“, so Mornhinweg. Über den gesamten Lebenszyklus seien die Kosten beim Elektro-Sprinter für bestimmte Einsätze in eine Größenordnung gekommen, die durchaus mit dem Diesel vergleichbar gewesen seien. „Aber die Nachfrage war ­damals nicht nachhaltig. Und der Kunde ist König“, resümiert der Chef der Transportersparte. Der König Kunde vertraut bei alternativen Antrieben bisher lieber auf eine Zusammenarbeit mit Tüftlern und Eigenentwicklungen. So hat die Deutsche Post DHL das Aachener Start-up Streetscooter übernommen, das Elektrotransporter für das Bonner Unternehmen herstellt.

In diesem Jahr soll noch entschieden werden, ob auch andere Kunden beliefert werden. „Wir hatten vor der Entwicklung des Streetscooters bei den etablierten Autoherstellern wegen eines entsprechenden Elektrofahrzeugs für die Brief- und Paketzustellung angefragt. Es gab aber seinerzeit keine Angebote“, berichtet ein DHL-Sprecher. Der US-Riese UPS wiederum lässt Transporter mit Dieselmotor nach acht Jahren im Einsatz von dem Unternehmen Elektro-Fahrzeuge Schwaben (EFA-S) in Stromer umrüsten.

Enttäuschende Tests entmutigen nicht

Daimlers Transporterchef Mornhinweg lässt sich von den bislang enttäuschenden Tests nicht entmutigen. In zwei Jahren will Daimler den nächsten Anlauf nehmen und erneut einen Transporter mit Elektro­antrieb in Serie produzieren. „Für den ­innerstädtischen Bereich sehe ich den Elektroantrieb in der Zukunft als erste Wahl“, sagt der Daimler-Manager. Stromer seien geradezu prädestiniert für die City, wo es viel Stop-and-go-Verkehr gebe.

Auch ein Elektrobus von Mercedes-Benz für den Stadtverkehr soll 2018 in Serie gehen. In Hannover wird zudem ein leichter Lastwagen der japanischen Konzernmarke Fuso mit E-Antrieb gezeigt, von dem 2017 eine Kleinserie hergestellt werden soll. Der Elektrolastwagen dagegen braucht noch einen längeren Anlauf. Die Markteinführung des Urban E-Truck von Mercedes-Benz mit einem Gesamtgewicht von 26 Tonnen für den Verteilerverkehr in den Städten sei Anfang des nächsten Jahrzehnts denkbar, sagt Daimler-Vorstand Bernhard etwas vage.

Bernhard setzt auf eine rasche Weiterentwicklung der Batterietechnik. „Kosten, Leistung und Ladedauer entwickeln sich so rasant weiter, dass wir für den Verteiler­verkehr jetzt eine Trendwende sehen“, sagt der Chef der Trucksparte. Daimler erwartet, dass die Kosten für die Batterien eines vollelektrischen Lastwagens von 1997 bis 2025 um den Faktor 2,5 sinken werden – von 500 auf 200 Euro je Kilowattstunde. Gleichzeitig soll die Leistung um den ­gleichen Faktor steigen. Nutzfahrzeug-Experten teilen diese Zuversicht. „Bei der Batterietechnik zeichnen sich große Fortschritte ab. Zudem sinken die Produktionskosten, wenn immer mehr Hersteller Batterien kaufen“, sagt Roman Mathyssek von der Strategie- und Innovationsberatung Arthur D. Little. Hinzu komme, dass der Dieselpreis weiter steigen werde und die Rahmenbedingungen in den Städten eher dieselfeindlich werden. In vielen Großstädten wird über ein Einfahrverbot von Dieselfahrzeugen diskutiert. „Damit wird der Elektroantrieb zunehmend attraktiver“, sagt Mathyssek voraus.

Einfahrverbote in Städten könnten Schub für Elektro-Lkw bringen

Auch Boris Zimmermann, Professor für Logistik an der Hochschule Fulda, meint, dass Einfahrverbote in deutschen Städten „einen riesigen Schub für den Elektro-Lkw bringen könnten“. Zimmermann arbeitet an einem Forschungsprojekt, mit dem untersucht wird, unter welchen Bedingungen E-Lkw sich für die Speditionen rentieren könnten. Viele Speditionen hätten sich für eine Zusammenarbeit bei diesem Projekt interessiert, berichtet Zimmermann. Daimlers Pläne für die Markteinführung eines solchen Trucks bis 2020 hält er für „herausfordernd, aber möglich“.

Neben Daimler haben auch andere Nutzfahrzeughersteller wie Iveco, Renault, MAN oder Scania bereits Transporter, Lkw und Busse mit Elektroantrieb im Angebot oder als Versuchsfahrzeuge auf der Piste. Der ehemalige Daimler- und heutige VW-Nutzfahrzeugchef Andreas Renschler zeigte in Hannover, dass die Wolfsburger den Stuttgartern bei der E-Mobilität Paroli bieten wollen. ­Renschler präsentierte wie Daimler einen Bus, einen Transporter und einen Lastwagen mit Elektroantrieb. Der Bus kommt „noch vor 2020“ in Serie, der Truck 2021, die Elektrovariante des VW-Transporters Crafter jedoch schon im nächsten Jahr – damit haben die Wolfsburger zumindest bei den Transportern im Wettbewerb mit Mercedes die Nase vorn.

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