Es ist gespenstisch. Besonders für jene, die am 5. Januar 2013 beim Abschied für Wolfgang Schuster (CDU) dabei waren. Damals feierten rund 1400 Ehrengäste in der Liederhalle den scheidenden OB. Nur draußen protestierten etwa 200 Stuttgart-21-Gegner. Drinnen zog Schuster mit Ehefrau Stefanie vom Foyer fast wie ein gekröntes Haupt in den Beethovensaal ein. Die Stuttgarter Philharmoniker sorgten, manchen Dissonanzen draußen und in der 16-jährigen Schuster-Amtszeit zum Trotz, für Harmonien. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) lobte – und verlieh einen Ehrenprofessor-Titel. Später ging es zum Büffet.
Alles ist anders als bei der Feier für Wolfgang Schuster
Diesmal ist es so: Kretschmann und der OB-Stellvertreter Fabian Mayer (CDU), Kuhn und seine Frau Waltraud Ulshöfer sind Redner und Präsenzzuhörer in einem. Daneben sind noch das Gee Hye Lee-Musiktrio, Moderator Jens Zimmermann, wenige Mitarbeiter und Technik-Dienstleister der Stadt zugegen. Ein neuer Ehrenprofessor wird nicht gekürt. Kretschmann schenkt eine Hegel-Erstausgabe aus dem Jahr 1833. Und die Ehrenbürgerwürde? Auf sie haben sich die Ratsfraktionen vor dieser Verabschiedung nicht einigen können, anders als bei Schuster und zuvor bei Manfred Rommel (CDU). Mayer übergibt eine Arbeit des Fotokünstlers Claus Rudolph.
Kretschmann spart nicht an Lob. Das gilt einem Vollblutpolitiker, der auch in Bund und Land tiefe Spuren hinterlassen habe. Dem grünen Mitstreiter bescheinigt Kretschmann, er habe seine Partei in den 1980er Jahren entscheidend nach vorne gebracht und das Kapitel der grünen Wirtschafts- und Technologiepolitik aufgeschlagen. Er habe die Grünen als Vordenker gelenkt und die Partei für andere Regierungskonstellationen außer jener mit der SPD geöffnet. Mehr noch: „Ohne deine Begleitung wäre ich nicht das, was ich heute bin“, sagt Kretschmann.
Kretschmann meint, dass Kuhns Entscheidung richtig war
Dass sich Kuhn entschied, OB von Stuttgart zu werden, sei „gut und richtig“ gewesen – auch im Lichte der Ergebnisse. Es seien acht erfolgreiche Jahre. Klar, kritische Unkenrufe seien unüberhörbar gewesen, die Erwartungen an einen grünen OB aber „vielleicht auch ein bisschen überhöht“. Kretschmann benennt als Erfolge etwa die Schuldenfreiheit der Stadt Ende 2017 und „kluge Investitionen“. Im Klimaschutz habe Kuhn eine Vorreiterrolle unter den Großstädten eingenommen und ein 200-Millionen-Euro-Aktionsprogramm auf den Weg gebracht. Unter ihm habe sich Stuttgart von der reinen Autostadt zu einer Stadt der nachhaltigen Mobilität entwickelt, ohne Absage an den Automobil- und Wirtschaftsstandort, aber mit besserer Luft. Dieses Versprechen habe Kuhn trotz schwierigster Voraussetzungen eingehalten – „nur interessiert das jetzt keine Sau mehr“. Auch die Kultur sei Kuhn Herzensanliegen gewesen.
In der Corona- und in der „Flüchtlingskrise“ habe er sich als souveräner „Manager“ erwiesen, urteilt Kretschmann ähnlich wie Fabian Mayer. Kretschmann bescheinigt Kuhn und sich auch einen „Dienst an der Demokratie“, weil sie, vorher erbitterte Stuttgart-21-Gegner, den Schalter umgelegt und sich „bedingungslos hinter das Ergebnis des Volksentscheids“ gestellt hätten. Kuhn habe die Spaltung in Stuttgart wegbekommen. Dem neu gewählten OB Frank Nopper (CDU) bot der Ministerpräsident eine gute Partnerschaft an.
Auch die Ehefrau redet über Fritz Kuhn
Waltraud Ulshöfer begründet einige Erfolge mit dem Wesen ihres Mannes, als sie, ungewöhnlicherweise für eine First Lady der Stadt, einen „persönlichen Rückblick“ unternimmt. Ihr Fritz sei still und stark besonders in schwierigen Situationen, habe starken Realitätssinn und feste Überzeugungen. „Er ist kein Traumtänzer, er steckt seine Fantasie in Strategien“, sagt sie. Und er sei sprachmächtig.
Kuhn dankt Mitarbeitern, Bürgermeistern „und vor allem den Stuttgartern“. Es sei ihm eine Ehre gewesen, Stuttgart acht Jahre dienen zu dürfen. Er mahnt zu Vorsicht, da die Corona-Lage in die schwierigste Phase trete. Hinter dieser Herausforderung lauere, aber sichtbar für die, die es sehen wollten, die noch größere politische Aufgabe des Klimaschutzes. Seine größte Sorge gilt jedoch der Demokratie. „Ich wünsche mir, dass wir wehrhaft sind gegen ihre Feinde.“
Nach zwei Stunden endet der Livestream. Die Pandemie hat diese Abschiedsfeier klein gemacht, freilich auch die Kosten. Der 5. Januar 2013 hatte die Stadt 110 000 Euro gekostet. Jetzt werden es 100 000 Euro weniger sein. Wurde aber auch Kuhn kleiner gemacht als er war? Grünen-Fraktionschefin Gabriele Nuber-Schöllhammer ist „etwas betroffen“, sagt sie auf Nachfrage. Vor allem wegen der mehrheitlichen Weichenstellung des Rates, Kuhn nicht die Ehrenbürgerwürde anzutragen. Ihre Fraktion werde sich weiter darum kümmern, dass Kuhns Verdienste angemessen gewürdigt würden. So halte es die Fraktion nicht nur bei grünen OBs.
Initiative Hotel Silber verwendet sich für Kuhn
Am Nachmittag hatte auch die Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber Flagge gezeigt: Kuhn sei verlässlich für den Erinnerungsort und gegen Nationalismus und Rassismus aufgetreten. Leider gebe es im Gemeinderat eine „schäbige Diskussion“ um die Ehrenbürgerwürde, heißt es in einem Offenen Brief. „Wir müssten bei dieser Ehrung nicht lange überlegen.“