OB-Kandidat Lucas Guimaraes Wilde Ideen für mehr Lebensqualität
Lucas Guimaraes de Macedo will als jüngster Kandidat im Rennen um den OB-Posten in Böblingen nicht alles, aber vieles anders machen. Er ist Mitglied der Partei Volt.
Lucas Guimaraes de Macedo will als jüngster Kandidat im Rennen um den OB-Posten in Böblingen nicht alles, aber vieles anders machen. Er ist Mitglied der Partei Volt.
Bei der Frage nach seiner mutmaßlich ersten Amtshandlung als Böblinger Oberbürgermeister muss Lucas Guimaraes de Macedo nicht allzu lange nachdenken: „Ich würde möglichst viele Menschen in der Kongresshalle zusammenholen und ihnen erst einmal zuhören, was in Böblingen besser laufen soll“, sagt er. „Alle Punkte würde ich im Rahmen einer großen Priorisierung abarbeiten.“ Ein kühner Plan, den bisher so wohl noch kein Oberbürgermeister in Böblingen gewagt hat. Und sei er noch so bürgernah.
Guimaraes tritt als einziger im Rennen um den Chefsessel im Rathaus mit einem klaren Partei-Hintergrund an: Volt. Diese paneuropäische, progressive und pragmatische Partei, die neben der europäischen nun auch auf kommunaler Ebene stärker Fuß fassen will. In Böblingen trat sie bis dato allerdings noch kaum in Erscheinung, wenngleich Lucas Guimaraes angibt, zuletzt häufig als Zuschauer bei Sitzungen des Gemeinderats gewesen zu sein.
Derzeit arbeitet er als Assistent der Geschäftsleitung bei einem Recycling-Unternehmen auf der Böblinger Hulb, zuvor beim Reifenmontage-Unternehmen MC Syncro Supply ebendort. Zweitwichtigster Punkt auf Guimaraes’ Agenda: der Verkehr. Sein Vorbild bei der Lenkung der innerstädtischen Verkehrsströme sei Helsinki, „wo die Zahl der Verkehrstoten dank vieler Maßnahmen in kurzer Zeit drastisch gesunken ist“.
In der finnischen Hauptstadt habe man zum Beispiel die Zahl der Kreisverkehre deutlich erhöht, Rad- und Autospuren voneinander getrennt und mehr Tempo-30-Zonen eingerichtet. „Das System hat sich seit Jahrzehnten bewährt“, sagt er. Eine Idee, die nach einer einfachen Lösung klingt für ein Böblinger Problem, das die Stadt nicht nur seit Jahren umtreibt, sondern das außerdem überaus komplex ist. Überhaupt sei Volt eine „Best-Practice-Partei“, sagt Guimaraes. Eine, die pragmatisch nach den besten Lösungen für Probleme suche.
Dieses Prinzip solle für ihn außerdem bei der Arbeit im Gemeinderat gelten, mit dem er ebenfalls gemeinsam Prioritäten erarbeiten wolle. Eine Idee, die an die strategische Ressourcenplanung der Verwaltung erinnert, die diese seit 2023 implementiert hat, um den Strauß der Böblinger Themen zu bändigen. Guimaraes sieht Politik vor allem als Gemeinschaftsprojekt, „ich stehe da ja nicht allein“. Um die Finanzen solide aufzustellen, schwebt ihm eine deutlich reduzierte Abhängigkeit von der Autoindustrie vor – wie kann die verwirklicht werden?
„Wir müssen die Tür für andere Industrien aufstoßen“, sagt er. „In Böblingen könnte sich beispielsweise die Solaranlagen-Industrie ansiedeln, um mehr Parkplätze mit Solarzellen zu überdachen.“ Dass die Solarzellenfertigung schon vor Jahren flächendeckend nach China abgewandert ist, weil die Produktion in Deutschland aus Kostengründen nicht mehr wettbewerbsfähig war, bleibt bei ihm außen vor. Ebenso die Tatsache, dass Böblingen im Vergleich zu Sindelfingen froh darüber ist, eben nicht so stark von einem großen Steuerzahler abhängig zu sein.
Entsprechend positiv sieht er den von Stefan Belz vorgezeichneten Weg, das Krankenhaus-Areal in einen Technologiecampus aufzubauen. „Hier könnte Forschung stattfinden, beispielsweise im Bereich der Medizintechnik, am besten intersektoral. Wir brauchen in der Wirtschaft eine Diversifikation.“ Positiv sieht er dabei die Bemühungen um das Gründerzentrum Ai xpress im ehemaligen Eisenmann-Schulungszentrum, auch wenn das Zentrum derzeit von Finanzproblemen geplagt ist.
Städtebaulich steht Guimaraes den Mercaden kritisch gegenüber, sieht dort „viel tote Fläche“. Wie das Problem mit städtischen Mitteln zu beheben sei, bleibt unklar. Klar Stellung bezieht er hingegen zur Schlossberg-Bebauung: „Für solch ein Prestigeprojekt fehlt derzeit klar das Geld“, sagt er. Stattdessen sollten dort Bänke und Sitzgelegenheiten entstehen. Ein Lob findet er allerdings für die archäologischen Grabungen, die dort für knapp 1,3 Millionen Euro angestellt wurden.
Kritisch sieht er außerdem die Bemühungen, wieder ein funktionierendes Parkleitsystem zu installieren, nachdem das alte seit Jahren brach liegt: „Derzeit kann Böblingen sich das nicht leisten, hier würden doch Schilder ausreichen.“ Das Dauerthema Marktplatz treibt ihn – wie viele Böblinger – ebenfalls um. „Hier müsste wieder viel mehr Leben einkehren. Zuvor würde ich abfragen, ob die Anwohner dort damit einverstanden sind.“ Und wenn nicht? „Dann bräuchten wir eben einen guten Kompromiss.“
An Brachflächen mangelt es in Böblingen ja ohnehin nicht, siehe Seestudio. Nachdem die Stadt die ehemalige Diskothek überraschend im September 2024 erworben hat, läuft derzeit die Ausschreibung für einen neuen Pachtvertrag. Was schwebt dem Volt-Politiker dort vor? „Für mich stellt sich die Frage: Was passiert in Diskotheken tagsüber? Da kann man sich viel vorstellen, von Proberäumen bis Trainingsmöglichkeiten für junge Menschen. Wir müssen wilde Ideen herbringen, es hilft nicht, Dienst nach Vorschrift zu machen.“
Überhaupt sieht er einen ungestillten Bedarf nach öffentlichen Räumen für junge Menschen – „viele von ihnen treffen sich einfach auf dem Marktkauf-Parkplatz, da sitzen sie direkt an der Quelle“, sagt er. Das könne aber nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Dass viele Menschen am Böblinger Bahnhof ein Unsicherheitsgefühl beschleicht, sei zwar nachvollziehbar. Eine Videoüberwachung dort aber keine Lösung, „es ist ein Unding, die Menschen unter Generalverdacht zu stellen“.
Die OB-Wahl in Böblingen steht am Sonntag, 25. Januar, an. Neben Fridi Miller kandidieren fünf Männer für den Posten des Oberbürgermeisters: Amtsinhaber Stefan Belz, Aleksandar Blazevski, Stefan Thien, Lucas Guimaraes de Macedo und Werner Schneider. Die Kandidierenden präsentieren sich an zwei offiziellen Terminen der Öffentlichkeit: In Böblingen am Montag, 19. Januar, in der Kongresshalle und in Dagersheim am Dienstag, 20. Januar, in der Festhalle vorgesehen. Beginn jeweils um 19 Uhr.
Geboren
ist Lucas Guimaraes 1995 in Brasilien, mit neun Jahren kam er nach Deutschland.
Aufgewachsen
ist er in Holzgerlingen und Sindelfingen, machte sein Abitur auf dem Stiftsgymnasium.
Studiert
hat er in einem dualen Studium bei Hewlett-Packard im Fach Wirtschaftsinformatik.
Berufliche Stationen
waren Anstellungen im Bereich IT, Personalwesen und Management.
Privat
geht Lucas Guimaraes dem Hobby des japanischen Schwertkampfs Kendo nach.