OB-Kandidaten im Straßenkampf Kommunalpolitik und Kohlrabi

Härtetest Wochenmarkt – und die Kandidaten lächeln: Alle 14 OB-Kandidaten in Kurzporträts sehen Sie in der folgenden Bilderstrecke. Foto: dpa 15 Bilder
Härtetest Wochenmarkt – und die Kandidaten lächeln: Alle 14 OB-Kandidaten in Kurzporträts sehen Sie in der folgenden Bilderstrecke. Foto: dpa

Eine Woche vor der Wahl beginnt für die Kandidaten um den Chefsessel im Stuttgarter Rathaus der Endspurt. Wer hat das Zeug, die nach dem Bahnhofsstreit gespaltene Stadt zu versöhnen? Beobachtungen vom Wahlkampf auf den Wochenmärkten.

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Stuttgart - Der Brezelmann kommt. Er hat das Laugengebäck als Plastikschild in XXL-Größe unter den Arm geklemmt und steuert den Stehtisch an, wo seine Unterstützer auf ihn warten. Sebastian Turner läuft an den Ständen von „Eyer-Bleyer“ und „Wurst Wahl“ vorbei, seine schwarzen Lederschuhe glänzen. Der Kandidat trägt eine randlose Brille, eine dunkle Anzughose und ein blaues Hemd. So würde er auf einer Veranstaltung mittelständischer Unternehmer niemals auffallen. Aber an diesem Morgen trifft sich Sebastian Turner nicht zum Business-Lunch, er muss sich dort behaupten, wo das Volk sein Gemüse einkauft. Und auf dem Wochenmarkt in Bad Cannstatt fällt der 46-Jährige aus dem Rahmen. Eine ältere Dame schiebt sich mit ihrem Rollator näher, blickt auf das Foto auf einem Plakat, schaut Turner ins Gesicht und lächelt: „I wollt bloß schaue, ob Sie’s wirklich send.“

Endspurt im Wahlkampf. Die Stuttgarter machen sich ein Bild von den Kandidaten, die nach 16 Amtsjahren von Wolfgang Schuster im Rathaus auf dem Chefsessel Platz nehmen wollen. Wie ticken die Politiker, die seit Wochen auf zahllosen Plakaten in der Stadt zu sehen sind? Welche Menschen verbergen sich hinter den Floskeln? Stuttgart, heißt es oft, brauche einen Versöhner. Einen Oberbürgermeister, der mit den Menschen kann, der „Bahnhof“ sagt, ohne einen Sturm der Empörung zu ernten. Auch eine mögliche Chefin befindet sich im Rennen.

Die Themen reichen vom Irak bis zur Stadtbahn

Sebastian Turner redet über den Irak. Eine Frau hat ihn angesprochen, sie sei 41 Jahre alt, sie komme aus dem Irak und sei mit einem Deutschen verheiratet. In ihrem Heimatland habe sie an der Universität unterrichtet, aber in Stuttgart werde ihr der Abschluss nicht anerkannt. Was er darüber denke? Erst kürzlich sei er auf dem Meldeamt gewesen, erzählt der unter anderem von der CDU nominierte Turner, „ein Problem sei die Verlässlichkeit der Dokumente“. Im Übrigen sei es ihm ein Anliegen, dass qualifizierte Zuwanderer schnell Arbeit fänden. Der kleine Sohn der Irakerin zappelt an ihrer Hand, Turner lächelt. „Die Luftballons kommen gleich.“ 

Im Gespräch ist der Unternehmer wendig. Zwischen Spitzkraut und Kohlrabi redet er mit einer jungen Mutter über die Stadtbahn, mit einem älteren Mann über vermeintliche Defizite, „Herr Turner, Sie müsset forscher sein“, und beruhigt einen Sympathisanten: „Ich habe schon anstrengendere Jobs gehabt – das findet hier ja alles in einer Zeitzone statt.“ Es ist einer der wenigen Momente, in denen Turner ein Bezug zu seiner Vergangenheit als Chef der Werbeagentur Scholz & Friends entschlüpft. Sebastian Turner, ein Weltbürger als Oberbürgermeister? Miles and more.

Die Händebrezel ist allgegenwärtig

Das „Miteinander“ hat er zum Schlagwort seiner Kampagne gemacht. Die Brezel mit den sich umschlingenden Händen ist sein Markenzeichen. Turner bedient damit eine Sehnsucht in der Stadt. Er selbst hat seit seiner Plakataffäre bis jetzt jedoch am meisten an der Brezel zu knabbern. Im Vorübergehen raunzt ihn eine Dame an: „Hauet bloß ab, ihr Ausbeuter!“ Beim Kandidaten bewegen sich die Mundwinkel keinen Millimeter. Stuttgart 21, die Eurokrise oder die Kitas – Sebastian Turner redet immer in ein und demselben ruhigen Tonfall. Sein Signal: ist alles nicht so schlimm, habe alles im Griff, „ich erkläre es Ihnen gern“.

„Guten Morgen!“ Ihre Stimme ist wie ein Weckruf. Bettina Wilhelm schüttelt am Ostendplatz viele Hände. Nebenan löffelt ein Mann am Marktstand „Akropolis“ Auberginensalat in ein Plastikschälchen, Knoblauchduft liegt in der Luft. Am Stehtisch in SPD-Rot pumpen Mitarbeiter des Wahlkampfteams Luftballons auf. Bettina Wilhelm trägt einen beigefarbenen Hosenanzug, ihre gute Laune steckt ihre Begleiter an. Schon verteilt sie auf dem Wochenmarkt Prospekte, „bitteschön, gern!“ und spricht einen Herrn mit Schiebermütze an: „Haben Sie sich ein bisschen mit der Wahl beschäftigt?“ Hat er nicht. Wie die Kugel in einem Flipper pendelt Bettina Wilhelm auf dem Markt von links nach rechts und zurück. Sie redet darüber, ob Sie noch Schwäbisch könne, „aber grottabroit!“ Beim nächsten Gespräch zeigt sie Verständnis für eine Frau, die sich über überquellende Mülltonnen ärgert, „schlimm, ganz schlimm!“ Dann bleibt sie länger stehen und erklärt ihre Ziele: „Das Thema Wohnen ist für mich ganz wichtig und die Nahversorgung beim Einzelhandel auch.“

 



 

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