OB-Kandidatin Veronika Kienzle Stuttgart-Kennerin mit Machtinstinkt
Veronika Kienzle gilt als Kandidatin der Grünen für die OB-Wahl in Stuttgart. Obwohl sie bisher ehrenamtlich als Bezirksvorsteherin wirkt, ist Kienzle ein Polit-Profi.
Veronika Kienzle gilt als Kandidatin der Grünen für die OB-Wahl in Stuttgart. Obwohl sie bisher ehrenamtlich als Bezirksvorsteherin wirkt, ist Kienzle ein Polit-Profi.
Stuttgart - Manche Leute hören genau hin, wenn sie durch die Stadt streifen. Veronika Kienzle ist dies sehr wichtig. Die 57-Jährige will und kann gut zuhören. Und das, obwohl sie den schwäbischen Dialekt nicht mit der Muttermilch aufgesogen hat. Die Mutter einer erwachsenen Tochter ist im niedersächsischen Worpswede aufgewachsen und hat in Berlin die anthroposophische Bewegungskunst Eurythmie studiert.
Von der ehrenamtlichen Bezirksvorsteherin zur OB der Landeshauptstadt – es ist ein großer Schritt. Nicht wenige haben gestaunt, als klar war, dass die Grünen mit ihr in die Wahl gehen wollen. Kann die das überhaupt? Die Ökopartei hatte erst nach anderen Kandidaten Ausschau gehalten. Hochkaräter wie Landtagspräsidentin Muhterem Aras und Ex-Bundesparteichef Cem Özdemir hatten aber abgesagt. In der Innenstadt hat sich Veronika Kienzle einen Namen gemacht, außerhalb ist sie ein eher unbeschriebenes Blatt. Das kann aber auch ein Vorteil sein. Gespannt darf man sein, wie sie in den zum Teil noch traditionell geprägten Außenstadtbezirken ankommt.
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„Ich glaube an den Reichtum des bürgerschaftlichen Engagements. Diese Stadt hat so viele tolle Leute, die etwas tun wollen in und für diese Stadt“, sagt Kienzle. Dies, so die ehrenamtliche Bezirksvorsteherin, sei ein „unglaubliches Geschenk“. Das ist ihre Vision, die sie seit ihren ersten Ämtern in Stuttgart als Leiterin des Flüchtlingsdorfs Botnang und später als Flüchtlingskoordinatorin der Landeshauptstadt antreibt.
Allerdings: Eine Sache wurmt sie gewaltig. „Diese Stadt ist viel schöner und attraktiver als ihr Ruf“, sagt sie oft und nimmt dies als Auftrag. Seit 2013 ist sie Referentin von Gisela Erler, der Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung. Beteiligungsverfahren gehören zu ihrem Themenschwerpunkt. Im Bezirksbeirat Mitte versucht sie das seit 2004 als Bezirksvorsteherin und Vorsitzende umzusetzen. Aber auch zuvor bei einem kurzen Intermezzo im Gemeinderat (1997 bis 1999), dem auch ihr Mann Michael Kienzle viele Jahre als Stadtrat angehörte. Unterschätzen sollte man Veronika Kienzle keineswegs. Auch wenn das Mitspracherecht eines Bezirksbeirats gering ist, kennt sie die Windungen der Verwaltung. Ihre Sitzungen leitet sie souverän, Vorschläge aus dem Bezirksbeirat lanciert sie geschickt zu Entscheidungen im Gemeinderat.
Es ist nicht das erste Mal, dass die Grünen Veronika Kienzle ein Spitzenamt in Stadt oder Land zutrauen. Aber bisher hatten stets andere den Vorzug erhalten. Vor der OB-Wahl 2012 war sie aussortiert worden. Als jüngst eine neue Sozialbürgermeisterin gesucht wurde, machte schließlich Alexandra Sußmann das Rennen.
Nun also ist Veronika Kienzle Kandidatin für die OB-Wahl. Eine Herkulesaufgabe, die in einer Stadt bei Themen der Mobilität oder der Wohnungsnot größte Integrationskraft verlangt. Nicht zu vergessen: die knapp 15 000 Mitarbeiter, die man angesichts der schweren Zukunftsfragen auf einen gemeinsamen Kurs einschwören muss. Veronika Kienzle wird da im Amt wachsen müssen. Im Kleinen hat sie schon häufiger gezeigt, dass sie vermitteln und unterschiedliche Meinungen zusammenführen kann. Ein gutes Beispiel ist die Namensgebung des Gerberplätzles. Bei einer Ortsbegehung stellte sie sich wütenden Bürgern, ließ Kritik gelten – und verwirklichte ihr politisches Credo: „Mein Ansatz ist immer, unterschiedliche Gruppen zusammenzubringen und zu einer Lösung zu führen.“
Wenn es darauf ankommt, kann Veronika Kienzle auch streiten und sich durchsetzen. Die Grüne versteht sich zwar auf das richtige Verhältnis, Ebenmaß und den Wohlklang, allerdings spielt sie auch virtuos auf der Klaviatur der Macht in einer von Männern dominierten Politik.