Er strebt eine zweite Amtszeit an. Am 25. Januar stellt sich Stefan Belz zur Wahl des Böblinger Oberbürgermeisters. Foto: Stefanie Schlecht
Technologiecampus und Hochschule, IBM-Gelände und Klinik-Areal – die Projekte für die Stadt der Zukunft sind bekannt. Aber Stefan Belz hat auch so etwas wie eine „Mission Mensch“.
Was würde Ihre erste Amtshandlung sein, wenn Sie am 25. Januar gewählt würden? Stefan Belz zögert kurz und sagt dann im Konferenzzimmer unserer Redaktion: „Das wird die Entscheidung über das IBM-Areal sein.“ Sein Zögern entschuldigt er damit, dass er als amtierender Oberbürgermeister immer im Korridor der Böblinger Projekte und Entwicklungen stecke. Vor acht Jahren ist Stefan Belz als grüner Stadtrat gegen den amtierenden Oberbürgermeister Wolfgang Lützner angetreten und hat im ersten Wahlgang mit 51 Prozent die Wahl entschieden – eine Sensation damals, mit der keiner gerechnet hätte.
Jetzt, acht Jahre später, ist die Stadt weiter vorangekommen: Die Schule am Stockbrünnele wurde gebaut, eine Mensa errichtet, das Hospiz fertiggestellt, das Flugfeld weiter entwickelt mitsamt einer neuen Grundschule, 400 Kitaplätze wurden eingerichtet, das Fernwärmenetz ausgebaut und das Radwegenetz deutlich vergrößert nach dem Motto: „Verkehr fair gestalten.“
„Wir wollen die Stärken unserer Stadt weiter ausbauen, also Raum schaffen für Automotive, für Messtechnik, für künstliche Intelligenz und für Regeltechnik.“
Stefan Belz, Oberbürgermeister
Darüber hinaus musste Böblingen mit der Corona-Pandemie klar kommen, der Flüchtlingskrise und den vielen Baustellen durch die Autobahn-Verbreiterung.
Ein Ingenieur und Verwaltungsmann
Vermisst er nicht die vergleichbar klaren Aufgaben in den Laboren der Universität, die er als promovierter Luft- und Raumfahrttechniker zuvor hatte? „Nein, überhaupt nicht“ antwortet er, und außerdem sei das Vorgehen eines Ingenieurs und eines Verwaltungsfachmann gar nicht so sehr verschieden: Das Problem analysieren, Lösungen finden, Lösungen umsetzen.
Stefan Belz sieht es heute als die Hauptaufgabe eines Oberbürgermeisters an, Menschen zueinander zu bringen, Kompromisse aufzuzeigen und ein Ohr in der Bürgerschaft haben. In solche Dialoge tritt er bei den Stadtteilgesprächen, bei den Jubilaren und Ehrenamtlichen, bei den Hauptversammlungen der großen Vereine, bei der Bürgerfragestunde und auch bei allen anderen Gelegenheiten, wo er von Amts wegen öffentlich auftritt. Angsträume sieht Belz nirgends in Böblingen, aber weil er weiß, dass der Böblinger Bahnhof verrufen ist, leistet die Stadt dort mit Streetworkern und Polizei Präventionsarbeit.
Verbunden mit der Alma Mater
Seiner Alma Mater in Stuttgart ist er immer noch verbunden, und er versucht, diese Beziehung auch für Böblingen fruchtbar zu machen. Nachdem die Stadt das Klinikgelände erworben hat, soll hier ein Technologie-Campus entstehen. „Wir wollen die Stärken unserer Stadt weiter ausbauen, also Raum schaffen für Automotive, für Messtechnik, für künstliche Intelligenz und für Regeltechnik.“ Hier soll es auch einmal Ausweichquartiere für die Uni Stuttgart geben, wenn sie ihren Campus in Vaihingen modernisieren will. Und auch das Herman-Hollerith-Zentrum, die Böblinger Außenstelle der Reutlinger Hochschule könnte dorthin siedeln, um die Forschung und die Industrie zusammenzuführen.
Stefan Belz wurde 2014 Gemeinderat und 2018 Oberbürgermeister. Foto: Stefanie Schlecht Denn mit dem Wegzug der IBM ist ein Protagonist der Hightech weniger in Böblingen am Start. Eine Entscheidung, die in den USA getroffen worden sei, und die mit seinem Amtsantritt 2018 zusammengefallen sei, sagt Belz. Aber Ehningen sei vor der Haustür und die Netzwerke zur IBM blieben für Böblingen bestehen. Noch dazu biete das IBM-Areal eine gute Entwicklungsfläche für Wohnbebauung, die in der Industriestadt Böblingen ebenfalls gebraucht werde.
Zumal es dort eine reine Holzarchitektur geben soll, und damit einen klimaneutralen Höchststandard, der aber durch städtische Förderung auch für Menschen mit wenig Einkommen erschwinglich bleiben soll. 1000 Wohnungen sind in Böblingen in den letzten acht Jahren entstanden und 1800 Wohnungen sind in Planung.
Auch wenn der Landkreis Böblingen insgesamt zu den innovativsten Landkreisen in Deutschland zählt, bedeutet Stillstand einen Rückschritt und den will sich Belz nicht leisten. Bleibt die Frage, warum viele Projekte so lange dauern: Die Pläne am Schlossberg hätten die archäologischen Grabungen ins Stocken gebracht, sodass die Frage, ob die Musikschule am Schlossberg oder an alternativen Standorten gebaut wird, immer noch nicht entschieden ist.
Sonderfall Marktplatz
In das Gebäude der BG-Bau bei der Mineraltherme konnten noch keine Mieter einziehen, weil Asbest und Formaldehyd gefunden wurde, und die Entwicklung des Marktplatzes sei und bleibe ein Sonderfall weil „er nicht an eine Verkehrsachse angebunden ist wie der Elbenplatz“, den die Leute automatisch frequentierten.
Unweit vom Elbenplatz hat die Stadt das Seestudio gekauft, wo demnächst wieder ein Mieter einziehen soll, der die historische Musik-Location weiter nutzt.
Zum Tempo der Bauvorhaben sagt Belz das, was viele sagen: Die Entwicklungen müssten in Deutschland schneller gehen durch weniger Bürokratie und mehr Bereitschaft von Entscheidungsträgern die Verantwortung zu übernehmen. Doch da liege viel außerhalb der kommunalen Kompetenz.
Die Anzahl der migrantischen Einwohner ist mehr als 50 Prozent
Böblingen ist nach wie vor eine Stadt, die wächst und mittlerweile beträgt die Zahl der migrantischen Einwohner weit über 50 Prozent. Hier ein Oberbürgermeister für alle zu sein, bedeutet für Belz, vor allem Anlaufstellen zu schaffen. Sei es bei den Bürgerämtern, sei es bei den Vereinen oder in den Stadtteilen, wo sich die Zuzügler in die Stadt integrieren und so selbst zu Gestaltern der Stadt werden können.
Über all dem steht ein Grundanspruch, den sich Belz für seine alte und möglicherweise neue Amtszeit gegeben hat. Er will Böblingen, die Stadt, in der er geboren wurde, zu einer Stadt weiter entwickeln, „in der es Spaß macht, die Vielfalt zu erleben und zu entdecken“.
Die OB-Wahl in Böblingen steht am Sonntag, 25. Januar, an. Neben Stefan Belz kandidieren fünf weitere Personen für den Posten des Oberbürgermeisters: Aleksandar Blazevski, Stefan Thien, Lucas Guimaraes de Macedo, Fridi Miller und Werner Schneider. Die Kandidierenden können sich an zwei offiziellen Terminen der Öffentlichkeit präsentieren. In Böblingen findet die Kandidatenvorstellung am Montag, 19. Januar, in der Kongresshalle statt. In Dagersheim ist sie für Dienstag, 20. Januar, in der Festhalle vorgesehen. Beginn jeweils um 19 Uhr.
Zur Person
Jugend 1980 in Böblingen geboren, in Sindelfingen aufgewachsen, lebt er seit 26 Jahren wieder in meiner Heimatstadt und ist mit Manuel Zimmerer verheiratet.
Ausbildung Nach Abitur und Zivildienst beim Roten Kreuz studierte Belz Luft- und Raumfahrttechnik an der Uni Stuttgart und promovierte. Als Dozent, Projekt- & Abteilungsleiter führte er Teams und verwaltete Budgets. Ehrenamtlich war er aktiv als Aikido-Trainer (SVB) und Trompeter.
Politik 2014 zog Belz in den Gemeinderat ein und 2018 ersten Wahlgang zum Oberbürgermeister gewählt. Als Vorsitzender in Aufsichtsräten, und als Kreis- und Regionalrat ist er zusätzlich für Böblingen aktiv.