Wenn in einer Großen Kreisstadt im Stuttgarter Speckgürtel ein Chefsessel der Verwaltung zu besetzen ist, dürfte es einige Aspiranten geben – sollte man meinen. In Fellbach mit seinen gut 46 000 Einwohnern allerdings steht für die OB-Wahl am Sonntag, 15. September, als einziger Name auf dem Wahlzettel der von Amtsinhaberin Gabriele Zull. Sie kann sich offenbar der Unterstützung der Bürgerschaft wie der Lokalpolitik sicher sein: Die Fraktionen machten sich nicht auf die Suche nach einer Alternative, kein einziger kompetenter Gegner oder gar einer der sonst öfter auftretenden „Spaßkandidaten“ ist in den Ring getreten.
Solo vor rund 170 Bürgerinnen und Bürgern
Am Montagabend präsentierte sich Gabriele Zull im gut gefüllten Hesse-Saal der Schwabenlandhalle bei der offiziellen Kandidatenvorstellung somit in einer Soloshow den rund 170 Bürgerinnen und Bürgern, darunter einige Stadträtinnen und Stadträte und Vereinsvertreter. In ihrer knapp 20-minütigen Rede betonte sie: „Nun hat sich kein Gegenkandidat und keine Gegenkandidatin gemeldet, weshalb es in Fellbach vor der Wahl keinen echten ,Kampf’ gibt.“ Gabriele Zull ging auch darauf ein, dass sie sich wegen der schweren Erkrankung ihres Mannes in den vergangenen Wochen mit öffentlichen Auftritten zurückgehalten hat, und dankte für das Verständnis und die Solidarität.
Als Leitsatz ihres Wahlkampfs benannte sie: „Dranbleiben für Fellbach.“ Dies seien „nicht nur drei Worte, dies ist mein ehrliches Bekenntnis“. Sie wolle gerne „dranbleiben für Fellbach“, weil „diese Stadt ein großes Potenzial und Herz hat und vor allem, weil ich die Menschen hier mag und schätze“. Sie wolle, dass „Fellbach eine lebens- und liebenswerte Stadt bleibt, die sich Stück für Stück auf der Basis ihrer Tradition positiv weiterentwickelt und die sich den kommenden Herausforderungen stellt“.
Jahrhundertelange Weinbautradition
Zull: „Unser Fellbach ist zwar sehr urban, aber zugleich eine historisch gewachsene Gärtnerstadt und eine Stadt mit jahrhundertelanger Weinbautradition – mit Spitzenweingütern und einer starken Genossenschaft.“ Schon die landwirtschaftliche Tradition in Fellbach „verpflichtet uns, dem Thema Umwelt und Klimaschutz noch mehr Gewicht zukommen zu lassen“, betonte sie und verweis auf das beschlossene Integrierte Klimaschutzkonzept, den Kommunalen Wärmeplan und die schon 2019 verabschiedete Grünstrategie. „Ziel ist eine klimaresiliente Stadt, Klimaneutralität und letztlich noch mehr Grün in der Stadt, um den klimatischen Veränderungen gerecht zu werden und die Lebensqualität für Alt und Jung zu erhöhen.“
Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Kita- und Schulentwicklung: „In den vergangenen fünf Jahren haben wir sieben Kindergärten neu gebaut, erneuert oder erweitert und damit in enger Kooperation mit den externen Trägern kontinuierlich die Plätze ausgebaut.“ Zu einer attraktiven Stadt gehörten auch attraktive erlebbare Ortsmitten mit Geschäften, Gastronomie, Kulturevents verschiedenster Art und Veranstaltungen und Festen.
„Einzelhandel, Gastronomie und Grundversorgungen wie Post oder Arztpraxen zu erhalten oder bestenfalls sogar auszubauen, das wird aus meiner Sicht eine der herausfordernsten Aufgaben der nächsten Jahre sein“, so Zull. Deshalb widme sich die Stadt intensiv den Ortsmitten in Fellbach, Schmiden und Oeffingen.
Das grünste Gewerbegebiet im Rems-Murr-Kreis
Weitere Themen waren der Wohnungsbau, die städtischen Finanzen, die Infrastruktur mit Sporthallen und Feuerwehrhäusern, die Landwirtschaft, die Seniorenarbeit oder „das grünste Gewerbegebiet im Rems-Murr-Kreis“ an der Siemensstraße.
In der gut eineinhalbstündigen Debatte kamen zahlreiche, auch kritische Fragen. Dabei ging es etwa um die Landeserstaufnahmestelle für Geflüchtete (Lea), kostenfreie Kitaplätze, Gleichstellungsthemen, Hundewiesen, das Anwohnerparken wie generell die Verkehrslage mit der Konkurrenz von Auto, Radfahrern und Fußgängern.
Ihr Credo beschrieb Zull so: „Ich stehe nun acht Jahre in der Verantwortung für die Stadt Fellbach und möchte von Herzen auch noch weitere acht Jahre für diese besondere Stadt alles geben, was mir möglich ist.“
„Geduldig, souverän, empathisch“
Der zustimmende Beifall der Mehrzahl war ihr am Ende sicher, und der Erste Bürgermeister Johannes Berner konstatierte in seinem Schlussstatement, die Kandidatin habe „geduldig, souverän und empathisch Rede und Antwort gestanden“.
Von Göppingen auf den Fellbacher Chefsessel
Herkunft
Gabriele Zull wird, laut Wikipedia-Eintrag, als Katja Gabriele Karrer am 23. Februar 1967 in Tübingen geboren. Sie wächst in Reutlingen auf und studiert Jura in Tübingen. Von 2011 an ist sie Erste Bürgermeisterin in Göppingen.
Wahlsieg
Bei der OB-Wahl in Fellbach kommt die von CDU und Freien Wählern unterstützte, aber parteilose Zull im September 2016 gleich im ersten Wahlgang auf 61,2 Prozent. Ihr Widerpart, der von der SPD unterstützte Carsten Hansen, muss sich mit 34,2 Prozent begnügen. Gabriele Zull tritt damit die Nachfolge von OB Christoph Palm (CDU) an.
Privates
Die Familie – Gabriele Zull, Ehemann Martin und Sohn Paul – lebt im Stadtteil Oeffingen.