OB-Wahl in Ludwigsburg Ein denkwürdiger Tag, der Ludwigsburg verändert

Wie konnte das passieren? Der Amtsinhaber Werner Spec abgestraft, ein Politikneuling holt bei der Oberbürgermeisterwahl in Ludwigsburg auf Anhieb 58 Prozent der Stimmen. Eine Stadt sucht nach Erklärungen.

Der Amtsinhaber Werner Spec erklärt die Gründe für seine Niederlage. Foto: factum/ 20 Bilder
Der Amtsinhaber Werner Spec erklärt die Gründe für seine Niederlage. Foto: factum/

Ludwigsburg - Was ist da passiert? Der Moment des Machtwechsels, am Sonntag um 19.10 Uhr ist er gekommen, und die Anspannung im Ludwigsburger Kulturzentrum ist mit Händen zu greifen. Früh am Abend hatte sich die Sensation angedeutet, schon nach Auszählung der ersten 25 Wahlbezirke lag Matthias Knecht, der Herausforderer, bei 58 Prozent der Stimmen, absolute Mehrheit. Der Wert bleibt stabil, bis um kurz nach sieben die Ergebnisse aus allen 71 Bezirken vorliegen.

Als Knecht dann in den Saal tritt, um sich der Öffentlichkeit zu zeigen, entlädt sich die Spannung in rhythmischem Klatschen. „Ein unglaublicher Moment“, sagt der 43-jährige Rechtsprofessor, neben ihm steht seine Frau Ulrike mit dem fünfjährigen Sohn Jakob auf dem Arm. Blitzlichtgewitter, die Menschen jubeln. Dem Kleinen ist das zu viel Trubel. „So viel Medienerfahrung hat er noch nicht“, sagt Knecht, der sich ebenfalls erst noch wird daran gewöhnen müssen, als Oberbürgermeister künftig stets im Mittelpunkt zu stehen. Er schüttelt Hände; man sieht ihm an, dass er es selbst nicht fassen kann.

Spec lacht trotzdem – und genießt noch einmal den Applaus

Plötzlich erneut Applaus. Werner Spec kommt. Getreue wie der Stadtwerke-Chef Bodo Skaletz können ihre Betroffenheit kaum verbergen, doch Spec lacht und genießt das Bad in der Menge, umarmt jeden innig, der ihm die Hand schütteln will. „Er hat viel für die Stadt getan“, sagt ein Mitarbeiter der Verwaltung. „Das bleibt sein Vermächtnis.“

Dann begegnen sich der alte und der zukünftige OB. Ein kräftiger Händedruck, der Vorgänger wünscht seinem Nachfolger viel Glück. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht Spec allerdings nur kurz – daran wiederum wird er sich erst noch gewöhnen müssen: Ein anderer ist jetzt wichtiger als er. Die Amtsleiter stehen Spalier bei Knecht und wollen ihm unbedingt die Hand schütteln. Der Politik-Neuling geht auf die Bühne, wieder Jubel. Noch im Moment des Erfolgs reicht er seinen Gegnern die Hand und will das umsetzen, was er im Wahlkampf versprochen hat: ein neues Klima. Miteinander, Versöhnung, Respekt statt Revierkämpfe. Das hat ihm als Wahlkampfbotschaft gereicht.

Und Werner Spec? Wirkt in diesem Moment mit sich im Reinen. „Es waren 16 glückliche Jahre in Ludwigsburg“, sagt er fast leise. Nur eine kleine Spitze gönnt er sich: „Ich werde mit Sicherheit eine Arbeit finden, in der meine Leistungen mehr anerkannt werden.“ Der 61-Jährige bliebt sich treu und beharrt darauf, seine erneute Kandidatur sei richtig gewesen: „Ich wollte meine Kraft und Fähigkeiten noch einmal anbieten.“

Warum hat der Amtsinhaber so viel Unterstützung verloren?

Wohl jeder, der die Stadtpolitik verfolgt, stellt sich die Frage: Wie konnte es so weit kommen? Warum hat Spec die breite Unterstützung, die er 2003 und 2011 für sich reklamieren konnte, verspielt? Warum hat er das bürgerliche Lager, das stets treu zu ihm stand, vergrätzt? Antworten findet man auf Knechts Wahlparty im Stadtmuseum. Bis spät in die Nacht wird gefeiert und diskutiert, und die meisten sind sich einig: Der Kleinkrieg um die Stadtbahn mit Landrat Rainer Haas war der Knackpunkt. Der denkwürdige Auftritt von Spec im Bauausschuss am 29. November, als er auf offener Bühne die Fassung verlor, mit dem Landrats-Dezernenten Heiner Pfrommer um Protokollnotizen stritt und gar Widerspruch gegen eine Ratsentscheidung einlegen wollte. „Das war das Ende seiner Oberbürgermeisterschaft“, sagt ein CDU-Mann.

Spec wollte nie eine Stadtbahn, er wollte gegen alle Widerstände seine Schnellbusse durchsetzen, sein Lieblingsprojekt. Weil er damit nicht durchkam, wechselte er in einen Zickzackkurs, machte Zugeständnisse, nahm sie wieder zurück. Bis ihn alle Ratsfraktionen zu einem Kompromiss mit Haas zwangen, der auch eine Niederlage für Spec war.

Der Stadtbahnstreit als Knackpunkt

Denn im Kern ging es in diesem Kompromiss um den Bau der Stadtbahn, die Busse wurden zu einer Nebensache degradiert. Wahrhaben wollte Spec das nicht. Kurz vor dem Wahltag versuchte er wieder, die Stadtbahn infrage zu stellen. Spätestens da wurde wohl auch seinen hartnäckigsten Anhängern klar, dass mit Spec der Streit nie aufhören wird. Dass nichts mehr voran geht, weil die Konflikte alles überlagern. Die Entfremdung von der CDU allerdings begann viel früher. Lange hatte Klaus Herrmann, der CDU-Fraktionschef, die Volten des Rathauschefs toleriert. Vorbei war es mit der Toleranz, als Spec ankündigte, er werde für die Freien Wähler bei der Kreistagswahl kandidieren – eine Wahl, die zum Fingerzeig für die Oberbürgermeisterwahl wurde. Spec holte weniger Stimmen als sein Baubürgermeister Michael Ilk oder dessen Amtsvorgänger Hans Schmid. Für einen prominenten Kandidaten kein gutes Ergebnis.

Die Kreistagswahl war ein Fingerzeig

Die OB-Wahl wurde dann endgültig zum Desaster, 78 Prozent holte Spec 2011, jetzt sind es nur noch 29,4 Prozent. Wohl auch wegen der extremen Hitze am Sonntag gingen nur 36,5 Prozent der Wahlberechtigten zur Urne. Hat die geringe Wahlbeteiligung Spec geschadet? „Das glaube ich nicht, die Bürger hatten einfach genug“, sagt der CDU-Fraktionschef Klaus Herrmann. Es gibt Indizien, dass an dieser These etwas dran ist. Auf den Wahlkampf-Veranstaltungen von Spec in den Stadtteilen verloren sich nur halb so viele Zuhörer wie bei Knecht. Zu Beginn stand der Amtsinhaber fast alleine an seinen Wahl-Infoständen, während Knecht sich auf das Engagement seiner Unterstützer verlassen konnte. So entstand im Wahlkampf ein ungewöhnliches Bündnis gegen Spec. CDU, Grüne und SPD in einer „Kenia-Koalition“ vereint, wie man diese politische Konstellation auch nennt.

Die Freien Wähler suchen nach Gründen für das Debakel

Am Ende blieben Spec nur seine Freien Wähler, die nun ratlos vor dem Debakel stehen. „Wer die Wende wollte, ist zur Wahl gegangen“, sagt der Stadtrat Andreas Rothacker, was indes nicht erklärt, warum die Spec-Anhänger zu Hause blieben. Sein Fraktionskollege Florian Lutz fügt hinzu: „Das Ergebnis spiegelt nicht die tollen Verdienste von Werner Spec wieder.“

Was also bedeutet der Wahlausgang nun für das politische Klima in der Stadt, das zuletzt ziemlich vergiftet war? CDU, SPD und Grüne sind optimistisch, dass sich etwas ändert, dass es friedlicher wird. „Es ist etwas an Gemeinsamkeit entstanden, das auch nach der Wahl bleibt“, sagt die SPD-Fraktionschefin Margit Liepins. Der CDU-Sprecher Klaus Herrmann sieht das zwar auch so, dämpft aber die Erwartungen: „Wir werden unsere Standpunkte schon beibehalten.“ Der grüne Fraktionschef Michael Vierling hofft sogar auf eine neue „Konsenskultur“.

Und Rainer Haas, der Lieblingsgegner von Spec? Gibt am Montag eine Stellungnahme ab, die diplomatisch klingt, aber an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Er sei überzeugt, dass die Ludwigsburger mit Herrn Knecht „eine sehr gute Wahl getroffen haben“, sagt der Landrat. Er sei nicht überrascht, die Wechselstimmung sei deutlich spürbar gewesen. „Für die Stadt Ludwigsburg, die Nachbarkommunen und den ganzen Landkreis ist das jetzt die ganz große Chance, die großen Herausforderungen zu bewältigen.“