OB-Wahl in Nürtingen Eine Auszeichnung als Deckmäntelchen

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Die offenen politischen Verwerfungen, die in der Folge durch weitere umstrittene Projekte verstärkt werden, sind beispiellos in der jüngeren Geschichte Nürtingens, für die vor allem Alfred Bachofer steht. Er leitete von 1979 bis 2004 die Geschicke der 40000 Einwohner zählenden Stadt am Neckar. Unter seiner Regie wurde Nürtingen im Jahr 1999 von der Bertelsmann-Stiftung als bürgerorientierte Kommune ausgezeichnet. Auch sein Nachfolger Heirich nutzt die Ehrung gerne als werbewirksames Instrument. Seine Kritiker wenden jedoch ein, die Stadt beziehe die Bürger viel zu wenig ein, die Auszeichnung sei im Grunde nur ein Deckmäntelchen.

Aus Sicht der Heirich-Unterstützer ist die Bilanz viel besser. Unter dem 60-Jährigen sei in den letzten acht Jahren viel in die Bildung investiert worden, heißt es. Zudem hätten gerade die CDU und auch die Freien Wähler bei Reizthemen häufig die Beschlüsse mitgetragen. Tatsächlich haben beide Fraktionen bei der Kommunalwahl 2009 die Quittung erhalten.

Die meisten Prügel bezieht aber der Oberbürgermeister, der für viele nach und nach zum Oberbuhmann wird. Bei der Kreistagswahl 2004 ist er dank seiner positiven Ausstrahlung mit 12.000 Stimmen noch der Wählerliebling. Fünf Jahre später stürzt er mit 4000 Stimmen regelrecht ab.

Grau genießt einen exzellenten Ruf

Große Erwartungen knüpfen sich an Claudia Grau. Inzwischen beschränkt sich die Internetgemeinde nicht mehr auf digitalen Wahlkampf. Flyer in Papierform werden an Haushalte verteilt. In der Stadt genießt Claudia Grau einen exzellenten Ruf. Sie gilt als kompetent, und ihr wird attestiert, gut mit Menschen umgehen zu können.

Unverbraucht ist sie zudem, politische "Grausamkeiten" musste sie bisher nicht begehen. Dass die parteilose Bürgermeisterin als Projektionsfläche all der unerfüllten Wünsche und Sehnsüchte dient, mag auch an dem eher durchschnittlichen Bewerberfeld der OB-Wahl liegen. Sebastian Kurz, der mit 25,5Prozent Heirich am dichtesten auf den Fersen ist, disqualifiziert sich selbst.

Der 25-Jährige soll für seinen Wahlkampf massiv bei anderen abgeschrieben haben und musste außerdem zugeben, dass er vor sechs Jahren mit der Tankkarte seines Arbeitgebers seine private Benzinrechnung bezahlte. Das kratzt am Image.

"Ich fühle mich der Stadt Nürtingen verpflichtet"

Claudia Grau ist der Rummel um ihre Person etwas unheimlich. Sie betont immer wieder, dass sie nicht gegen ihren Chef antreten werde und nichts mit der Kampagne zu tun habe. Auf der anderen Seite traut sich die Senkrechtstarterin, die bis Mai 2011 das Amt für Kreisschulen und Immobilien im Landratsamt Esslingen geleitet hat, den OB-Job durchaus zu.

"Ich fühle mich der Stadt Nürtingen verpflichtet, bei einem Rückzug von Herrn Oberbürgermeister Heirich meine Fachkompetenz auch als mögliche Oberbürgermeisterin zur Verfügung zu stellen", erklärte sie jüngst. Das lässt Platz für vielfältige Spekulationen, befeuert die Internetinitiative - und macht vieles möglich.

Der Experte Hans-Georg Wehling sieht Claudia Grau dabei zurzeit in einer durchaus "bequemen Position". Schaffe sie es nicht, die Mehrheit der Stimmen zu bekommen, könne sie mit ihrem jetzigen Chef "relativ friedlich leben". Sie hat ja nicht offiziell kandidiert. Was aber, wenn die Sensation perfekt wird und auf den meisten Stimmzetteln der Name Claudia Grau steht? "Das ist auch okay, denn das ist dann eindeutig der Wählerwille", sagt der Wissenschaftler.

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