OB-Wahl in Rottweil Der Mann, der Großprojekte möglich macht

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Erst das Großgefängnis, dann der Riesenturm, jetzt die Hängebrücke: in Rottweil reiht sich ein Projekt an das andere. Anderswo gibt das Ärger. Trotzdem kann Oberbürgermeister Ralf Broß der Wahl am Sonntag ganz gelassen entgegen sehen. Wie macht er das bloß?

Bald soll sich Europas längste Fußgänger-Hängebrücke über das Rottweiler Neckartal spannen. Grafik: KTS Innovations
Bald soll sich Europas längste Fußgänger-Hängebrücke über das Rottweiler Neckartal spannen. Grafik: KTS Innovations

Rottweil - Rottweil ist dieser Tage wieder mit Plakaten zugekleistert. Die Jazztage beginnen, der Handels- und Gewerbeverein veranstaltet eine Modeshow. Nur das Gesicht von Oberbürgermeister Ralf Broß sucht man vergeblich. Dabei muss er sich am Sonntag zur Wiederwahl stellen.

Doch das Rennen ist gelaufen – schon seit Mitte März. Da gingen die Rottweiler schon einmal an die Urnen. Die Abstimmung über den Bau einer 600 Meter langen Fußgängerhängebrücke über das Neckartal wurde zu einer beeindruckenden Bestätigung für den Kurs des parteilosen OB. Mehr als 70 Prozent gaben dem Projekt ihren Segen – und entmutigten den einzigen Gegenkandidaten. Wenige Tage später zog er seine Bewerbung zurück.

Der Spaten ist allzeit griffbereit

Ralf Broß – hohe Stirn, modische Brille, sportliche Figur – sitzt in seinem Büro im Alten Rathaus und lächelt befreit. An der Wand hängt eine große Schaufel, allzeit griffbereit für den nächsten Spatenstich. Es ist vieles gut gelaufen in den vergangenen acht Jahren, in denen er die älteste Stadt Baden-Württembergs regiert. Früher galt Rottweil als verschlafenes Beamtennest zwischen Alb und Schwarzwald mit reicher Tradition und kaum Industrie. Broß, der zuvor als regionaler Wirtschaftsförderer in Bruchsal arbeitete und im Konstanzer Bauamt den Neubau des Lago-Shopping-Centers verantwortete, hat sie nachhaltig von diesem Image befreit. Obendrein widerlegte er ein Vorurteil, das selbst die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schon im Munde führte: dass Großprojekte in Deutschland wegen kritischer Bürger kaum noch zu realisieren seien.

Broß hat die Hängebrücke durchgesetzt, zuvor schon den 246 Meter hohen Aufzugstestturm der Firma Thyssen-Krupp und natürlich den Neubau einer Justizvollzugsanstalt (JVA). „So etwas will eigentlich keiner vor seiner Haustüre“, sagt Broß. Trotzdem kann das Land als Bauherr nun einen Architekturwettbewerb starten, während Broß zum gefragten Experten für gelungene Bürgerbeteiligung geworden ist. Regelmäßig erhält er Anfragen von Amtskollegen, neulich war er sogar zu Gast bei einer Veranstaltung mit der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). „Man muss die Bedenken der Bürger ernst nehmen und darf nicht den Eindruck erwecken, alles sei schon entschieden“, beschreibt Broß sein Rezept.

Veilchen statt Rose

Allerdings musste auch er dies erst lernen. Als er 2009 als Kandidat von CDU und SPD mit einem Sieg im ersten Wahlgang den Amtsinhaber Thomas Engeser (Freie Wähler) hinwegfegte, war die Diskussion um die JVA komplett verfahren. Der Stadtteil, in dem das Gefängnis angesiedelt werden sollte, lief Sturm. „Es war hochemotional.“ Das Land orientierte sich um. Doch dann bekam Rottweil eine neue Chance, und Broß ergriff sie. Ein neuer Standort wurde ausgewählt und mit breiter Bürgerbeteiligung das Für und Wider abgewogen. In einem Bürgerentscheid fand sich schließlich eine breite Mehrheit.

Seine eigene Positionen verschweigt Broß keineswegs und er ist sich auch nicht zu fein, seine Machtmittel zu nutzen. Zum Bürgerentscheid über die Hängebrücke ließ er mit städtischen Geld 1500 Plakate drucken. Dass er für seine Politik von der grünen Staatsrätin Gisela Erler mit der Rose für direkte Demokratie ausgezeichnet wurde, schmeckt deshalb nicht jedem. „Ein Veilchen hätte es auch getan“, sagt Winfried Hecht säuerlich. Der pensionierte Stadtarchivar und SPD-Kreisrat ist einer der letzten Opponenten. Bei allen Projekten, die Rottweil angeblich nach vorne brächten, stelle sich doch die Frage, was das überhaupt für ein Fortschritt sei. Andererseits: sein Geschäft verstehe Broß nicht schlecht, räumt Hecht ein. Und er könne mit den Menschen umgehen. Kurz vor Weihnachten sei der OB mit dem Auto an ihm vorbeigefahren, habe dann aber angehalten und ein frohes Fest gewünscht. „Da hat er sogar bei mir gepunktet.“