OB-Wahl in Stuttgart Das Ego in der Politik

Der Ton im Stuttgarter OB-Wahlkampf wird rauer. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

In der Schlussphase des Oberbürgermeister-Wahlkampfs treten die Profile der Kandidaten scharf hervor. Das kann der Entscheidungsfindung dienen, findet Jan Sellner, Leiter der Lokalredaktion.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Stuttgart - Ganz schön lang, so ein Wahlkampf! Manche finden sogar: quälend lang. Seit Anfang September werben die Kandidaten auf die Nachfolge von Fritz Kuhn um die Gunst der Stuttgarter Wählerinnen und Wähler. Im Hintergrund einige schon sehr viel länger. Das hinterlässt Spuren, wie bei der Podiumsdiskussion unserer Zeitung in dieser Woche zu erleben war. Vorbei sind die Zeiten, als sich die Bewerber gegenseitig Beifall spendeten, wenn sie vorgestellt wurden. Es ist kühler geworden – nicht nur draußen, sondern vor allem im Umgang miteinander.

 

Das spiegelt sich auch in den Themen, über die jetzt diskutiert wird – nämlich nicht mehr nur über die Schwerpunkte Wohnen, Verkehr oder Klimaschutz. Neuerdings geht’s auch um die Wahlkampffinanzierung. So sieht sich Marian Schreier, der junge Einzelbewerber, auf der Zielgeraden des Kandidatenrennens mit – unbewiesenen – Vorhaltungen konfrontiert, ihm fließe Unterstützung von einer Schweizer Organisation zu. Interessanterweise ist er der OB-Kandidat mit den am weitesten gehenden Transparenzregeln. Frank Nopper (CDU) und Hannes Rockenbauch (SÖS) sind in dem Punkt weniger durchsichtig. Die Auseinandersetzung darüber hat Enttäuschungen hinterlassen. Es geht um Fragen der Fairness, um Glaubwürdigkeit und Integrität.

Durchsetzungsfähigkeit gehört zum politischen Wettbewerb

Auch der Egoismus ist ein Wahlkampfthema geworden – spätestens seit die Begriffe „Egoshooter“ und „Karrierist“ ins Feld geführt worden sind. Sie sind ebenfalls gegen Schreier gerichtet, weil er nach der ersten Runde keine Anstalten gemacht hatte, die eigenen Ambitionen zurückzustellen und seine Kandidatur zugunsten der Grünen-Kandidatin Veronika Kienzle zurückzuziehen.

Es ist berechtigt, Egoismus zu geißeln. Damit verwandt ist allerdings auch die Durchsetzungsfähigkeit. Sie ist im politischen Wettbewerb unverzichtbar – und allen drei verbliebenen aussichtsreichen OB-Kandidaten nicht fremd. Vereinfacht gesagt: Wer sich zurücknimmt, wird kein Kandidat und erst recht kein Oberbürgermeister. Ein starkes Ego und damit Durchsetzungsfähigkeit ist eine notwendige, wenn auch keine hinreichende Bedingung, um in der Politik erfolgreich zu sein. Das ist in der Kommunalpolitik nicht anders als in der Landes- oder Bundespolitik. Hinzu kommen müssen das Gespür für Situationen, kluges Handeln, Tatendrang – und im Fall des Oberbürgermeisters ganz wichtig: Bürgernähe.

Ein Blick auf die Eigenschaften und Potenziale der Bewerber

Gut, dass vor der Abstimmung am 29. November darüber gesprochen wird, im weitesten Sinne also über das persönliche Profil der Kandidaten. Nopper, Schreier und Rockenbauch müssen sich diesen Fragen stellen, um zu zeigen, dass sie OB-tauglich sind. Acht Jahre sind eine lange (Amts-)Zeit. Bis 2029 kann Stuttgart als Stadt vieles verpassen oder vieles erreichen. Der OB alleine entscheidet das nicht, entscheidend für die Entwicklung der Stadt ist jedoch, dass er zukunftweisende Akzente setzt und die Fähigkeit zum Zusammenspiel mit Gemeinderat, Verwaltung und Stadtgesellschaft besitzt.

Der Vorstellungsrunden waren in dieser Hinsicht aufschlussreich. Sie haben Hinweise auf die Eigenschaften und Potenziale der Bewerber geliefert. Gerade auch in jüngster Zeit. So ausgedehnt der Stuttgarter OB-Wahlkampf auch erscheinen mag: In diesem Fall liegt die Würze nicht in der Kürze, sondern in der Länge.

jan.sellner@stzn.de

Weitere Themen