OB-Wahl in Stuttgart „Der Junge“ kann zufrieden sein
Marian Schreier hat bei der OB-Wahl in Stuttgart die Sensation verpasst. Der 30-Jährige darf sich trotzdem als ein Gewinner fühlen.
Marian Schreier hat bei der OB-Wahl in Stuttgart die Sensation verpasst. Der 30-Jährige darf sich trotzdem als ein Gewinner fühlen.
Stuttgart - Es ist ziemlich genau ein Jahr her, da saß Marian Schreier in der Caféteria des Pressehauses in Stuttgart und sponn große Pläne. Der junge Besucher kündigte an, im November 2020 Oberbürgermeister der Landeshauptstadt werden zu wollen. Allen Ernstes.
Wie hieß er nochmal? Schreier, Marian. 30 Jahre jung und noch jünger aussehend – trotz Anzugs, den er konsequent mit weißen Sneakers kombiniert. Ein gebürtiger Stuttgarter, aufgewachsen im Kräherwald. Die Eltern Musiker, der Vater früher Kantor in der Stuttgarter Stiftskirche, die Mutter Opernsängerin. Er selbst studierter Politik- und Verwaltungswissenschaftler mit Auslandserfahrung (Oxford). Seit 2015 ist er Bürgermeister des 4700-Einwohner-Ortes Tengen an der Grenze zur Schweiz.
Als Schreier sein Interesse ankündigte, gingen noch alle davon aus, dass OB Fritz Kuhn für eine zweite Amtszeit antreten würde. Es war eine Wortmeldung aus dem Nichts. Man hätte den jungen Mann für einen Träumer halten können, wären da nicht ein paar Dinge gewesen, die von Anfang an aufhorchen ließen. Nach seinem Wahlsieg in Tengen 2015 war er der jüngste Bürgermeister Baden-Württembergs. Bemerkenswert auch: Schreier hatte die Abstimmung überraschend klar gewonnen – mit mehr als 70 Prozent im ersten Wahlgang gegen den katholischen Platzhirsch von der CDU. Für jeden politisch denkenden Kopf war das ein Ausrufezeichen. Egal wie klein Tengen ist. Schreier musste etwas Besonderes haben.
Das hatte schon Peer Steinbrück erkannt. Der frühere Bundesfinanzminister und SPD-Kanzlerkandidat beschäftigte Schreier als Mitarbeiter in seinem Berliner Büro. Schreier recherchierte für Steinbrück, schrieb Reden und erwarb sich dessen Respekt. Als er Steinbrück eröffnete, im fernen Tengen Bürgermeister werden zu wollen, sagte der nur: „Du spinnst!“ Wenig später hatte der Junge aus Stuttgart die Wahl auf dem Land gewonnen. Bis heute halten die beiden Kontakt. Steinbrück unterstützte Schreier im Wahlkampf und sagte ihm einen „wahnsinnigen Achtungserfolg voraus“. Damit behielt der 73-Jährige Recht. Mit Hartnäckigkeit und einer von der Schweizer Agentur Rod geplanten professionellen Wahlkampagne hat Schreier die Grünen in ihrer Hochburg Stuttgart in Bedrängnis gebracht und der CDU mit ihrem Kandidaten Frank Nopper viel abverlangt. Und das als Einzelbewerber. Nach diesem Wahlkampf stehen ihm viele Türen offen. Schreier ist trotz der Niederlage ein Gewinner. Das zeigt sich auch in der Souveränität, mit der er am Wahlabend Nopper zum Sieg gratulierte: „Er wird Stuttgart in den nächsten Jahren sicher gut führen.“
Dass der junge Springinsfeld mit SPD-Parteibuch kein Spaßkandidat sein würde, wie anfangs gewitzelt wurde, zeigte sich im Kräftemessen mit den Stuttgarter Genossen. Schreier wollte für die SPD antreten. Nachdem klar war, dass sie sich bereits auf SPD-Fraktionschef Martin Körner festgelegt hatte, machte Schreier sein eigenes Ding. Das angedrohte Parteiausschlussverfahren beeindruckte ihn nicht. So etwas würde im Sande verlaufen, prognostizierte Schreier bei seinem Besuch im Pressehaus. Er lag richtig. Die Stuttgarter SPD, heute ein Scherbenhaufen, lag falsch.
Zu den Dingen, die bei Schreier frühzeitig aufhorchen ließen, gehören auch seine rhetorischen Fähigkeiten. Von allen 14 Kandidatinnen und Kandidaten, die zur OB-Wahl antraten, war er neben seinem linken Mitbewerber Hannes Rockenbauch der beste Redner. Nur um einiges prägnanter. Seine achtminütige freie Rede bei der Kandidatenvorstellung in der Schleyerhalle ließ auch altgediente Grüne wie Rezzo Schlauch aufhorchen. „Der Junge“, wie er sich auf seinen Wahlplakaten nennt, kann das. Auf jeden Fall kann er reden und blitzsauber argumentieren. Man hört Schreier an, dass er durch die Jugend-debattiert-Schule des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums gegangen. Für den Sieg im Bundesfinale reichte es nicht, sein ehemaliger Lehrer Hans Merkle schwärmt aber heute noch von dem Redetalent. Dieser starke Eindruck mag auch damit zu tun haben, dass Schreiers Argumente nicht austauschbar wirken. Was er sagt, wirkt durchdacht. Es hat Substanz.
Im Eberhard-Ludwigs-Gymnasium traf Schreier auch seine Jugendliebe: Amelie Stegmüller. 2015 heirateten, leben inzwischen aber getrennt. Sie wollte weg aus Tengen nach Berlin. Der Stadt und ihrer eigenen Pläne wegen. In einem Interview mit Stuggi-TV spricht die junge Frau voller Anerkennung über Marian Schreier: „Ein großzügiger, liebevoller Mensch“, sei er. Kein „Egoshooter“, wie im Wahlkampf behauptet worden sei, und auch kein „Karrierist“. Schreier habe Ambitionen, sei politisch höchst kreativ und wolle seine Pläne umsetzen. Was ist daran schlecht?
Schreiers Schwächen: „Er kann kein Schwäbisch“, sagt Amelie Stegmüller. Und sonst? Die Robustheit, die er ausstrahle, verdecke, dass er eigentlich ein verletzlicher Typ sei. Er kompensiere das durch sein Auftreten. Etwas von dieser Art schimmerte durch, als Schreiers Auto nach dem ersten Wahlgang mit Parolen beschmiert wurde – mutmaßlich eine Reaktion darauf, dass er nicht bereit gewesen war, zugunsten der zweit- aber schlechtplatzierten Grünen-Kandidatin Veronika Kienzle zurückzuziehen. Schreier war getroffen. Aber nicht eingeschüchtert.
So eloquent und geschliffen er sich auf der politischen Bühne bewegt, so suchend wirkt er, wenn er auf persönliche Dinge angesprochen wird. Das zeigt ein Video-Interview mit unserer Zeitung. Wovor fürchtet er sich? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Er weiß nicht so recht . . . Da wirkt „der Junge“ dann plötzlich tatsächlich wie ein Junge.
Umso größer der Kontrast zum Homo Politicus Schreier. „Ein leidenschaftlicher Kommunalpolitiker“ sei er, sagt Amelie Stegmüller. Charakteristisch sei auch seine „Verhandlungshärte“. Dieser Zug zeigte sich in den Gesprächen mit Kienzle und Rockenbauch über einen möglichen gemeinsamen Kandidaten. Und zuvor im Umgang mit der SPD. Es ist klar: Der Junge knickt nicht so leicht ein. Er hat Stehvermögen. „Tritt er jetzt für die Landtagswahl im Frühjahr an?“, wird Schreier am Sonntagabend gefragt. „Auf keinen Fall“, sagt er. „Ich freue mich wieder auf die Arbeit in Tengen.“ Und das nimmt man ihm fürs Erste sogar ab,
Dass in Stuttgart in den vergangenen Wochen etwas Ungewöhnliches passiert ist, blieb nicht verborgen. Schreier machte zuletzt bundesweit Schlagzeilen. Das größte Lob kam vom politischen Gegner. Günther Oettinger der frühere CDU-Ministerpräsident und Förderer Noppers sagte anerkennend: „Der Junge hat in diesem Wahlkampf seinen Meisterbrief gemacht.“ Auch wenn es am Ende kein Oberbürgermeisterbrief geworden ist.