OB-Wahl in Stuttgart Wenig Lust auf Zweckbündnisse
Die OB-Wahlen in Stuttgart sind oft erst im zweiten Durchgang entschieden worden. Der Egoismus von SPD und Grünen half der CDU oft über die Ziellinie.
Die OB-Wahlen in Stuttgart sind oft erst im zweiten Durchgang entschieden worden. Der Egoismus von SPD und Grünen half der CDU oft über die Ziellinie.
Stuttgart - Nach bisherigen Erkenntnissen hat die Oberbürgermeisterwahl am Sonntag den Charakter des Trainings bei einem Formel-1-Rennen – es geht noch nicht um den Sieg, weil kein Kandidat die absolute Mehrheit erreichen dürfte, sondern um eine gute Ausgangsposition für das entscheidende Rennen am 29. November. Diese sichert man sich durch ein gutes Ergebnis oder durch Absprachen mit Bewerbern, die ihre Kandidatur zurückziehen. In der Geschichte der Stuttgarter OB-Wahlen nach dem Krieg hat der Sieger im ersten Durchgang auch in der zweiten Runde vorne gelegen – ein Start-Ziel-Sieg also.
Den Anfang machte der parteilose Arnulf Klett 1948, er holte gegen Josef Hirn die absolute Mehrheit im ersten Wahlgang, marschierte 1954 mit 80 Prozent durch und ließ 1966 den FDP-Bewerber Manfred Nopper, Vater des CDU-Kandidaten Frank Nopper, trotz diverser Skandale hinter sich. Damals brauchte er zwei Durchgänge. Die absolute Mehrheit war ihm zwar sofort sicher, nicht aber mindestens ein Drittel aller stimmberechtigten Bürger.
1974 begann die Ära von Manfred Rommel, der die Neuwahl benötigte, um gegen den SPD-Kandidaten Peter Conradi zu gewinnen. 1982 hielt er Ulrich Maurer (SPD) klar auf Distanz. 1990 war Rezzo Schlauch chancenlos. Sechs Jahre später – Rommel musste wegen des Erreichens der Altersgrenze vorzeitig abtreten– wurde der Grüne dem CDU-Bewerber Wolfgang Schuster (35,2 Prozent) gefährlich. In der ersten Runde lag er nicht einmal fünf Punkte hinter Rommels Ziehsohn. Der machte das Rennen, weil der Drittplatzierte, SPD-Kandidat Rainer Brechtken, auf ein grün-rotes Bündnis pfiff und trotz erheblichem Abstand im aussichtslosen Rennen geblieben war. Mit dem Pforzheimer Oberbürgermeister Joachim Becker trat zudem ein weiterer Genosse bei – und blamierte sich und seine Unterstützer aus der Halbhöhenlage mit desaströsen 3,4 Prozent. Schuster rettete sich mit hauchdünnem Vorsprung von 3,8 Prozentpunkten vor Rezzo Schlauch ins Ziel.
2004 lief Schuster Gefahr, abgewählt zu werden. 43,5 Prozent ließen seine Parteifreunde an einer Fortsetzung der Rathauskarriere zweifeln, weil er es nicht geschafft hatte, das bürgerliche Wählerpotenzial auszureizen. Mit der SPD-Bundestagsabgeordneten Ute Kumpf hatte Schuster eine starke Gegnerin (32,8 Prozent). Womöglich hätte sie ihn gestürzt, hätte sich der dritte Kandidat, der damalige Landtagsabgeordnete und heutige Tübinger OB Boris Palmer (21,5 Prozent), gegen seine Überzeugung für Kumpf entschieden. Sein Rückzug war die logische Konsequenz aus seinem enttäuschenden Abschneiden, sodass man annehmen durfte, Grüne und SPD würden nicht wie 1996 die Chance auf einen Wechsel an der Stadtspitze verspielen.
Tatsächlich verknüpfte Palmer aber seinen Abgang mit einer in diplomatische Floskeln verkleideten Wahlempfehlung für den Amtsinhaber und rächte so die Grünen für die SPD-Aktion acht Jahre zuvor. Die Zusage Schusters, einen Bürgerentscheid über Stuttgart 21 zu prüfen, war ein Muster ohne Wert. Groß profitiert hat Schuster aber nicht: Nur jeder achte Palmer-Wähler wechselte ins CDU-Lager. Aber jede Stimme zählte.
2012 wurde erstmals ein von der Union nominierter Oberbürgermeister erfolgreich verhindert, auch, weil Bettina Wilhelm (SPD) und Hannes Rockenbauch (SÖS) in einem auf Sebastian Turner und Fritz Kuhn (Grüne) zugespitzten Wahlkampf wegen des deutlichen Abstands zum Spitzenduo aufgaben. Tatsächlich unterstützten dann bei der Neuwahl 88 Prozent der Rockenbauch-Anhänger Kuhn, von den Wilhelm-Fans wanderten 55 Prozent zum heutigen Oberbürgermeister.