OB-Wahl in Stuttgart Wie Stuttgarts Nachkriegs-Oberbürgermeister die Stadt geprägt haben

Von Thomas Braun 

Spätestens Ende November steht fest, wer im Stuttgarter Rathaus künftig auf dem Chefsessel sitzt. Das neue Stadtoberhaupt wird wie seine Amtsvorgänger Akzente setzen und Spuren in der Stadt hinterlassen. Wir haben die wichtigsten Wegmarken der bisherigen Stuttgarter Oberbürgermeister zusammengestellt.

Arnulf Klett, Manfred Rommel und Wolfgang Schuster (von links nach rechts) haben als Oberbürgermeister ihren Platz in den Chroniken der Stadt gefunden.  Foto: Fotos: dpa 2 Bilder
Arnulf Klett, Manfred Rommel und Wolfgang Schuster (von links nach rechts) haben als Oberbürgermeister ihren Platz in den Chroniken der Stadt gefunden. Foto: Fotos: dpa

Stuttgart - Bisherige Stuttgarter Oberbürgermeister der Nachkriegszeit haben – jeder auf seine Weise – das Image und Erscheinungsbild der Landeshauptstadt geprägt: Arnulf Klett, Manfred Rommel, Wolfgang Schuster und Fritz Kuhn. Wir geben einen Überblick über das Wirken der bisherigen Rathauschefs.

Arnulf Klett

Der parteilose Klett, geboren 1905, galt schon während des Zweiten Weltkrieges als Kritiker des NS-Regimes. 1933 war er für zwei Monate im KZ Heuberg inhaftiert. Im April 1945 wurde er von der französischen Militärverwaltung als Bürgermeister der Stadt Stuttgart eingesetzt. Am 7. März 1948 gewann er die ersten freien Bürgermeisterwahlen in Stuttgart mit deutlicher Mehrheit 1954 und 1966 wurde er ebenso deutlich im Amt bestätigt. In seiner Amtszeit machte sich Klett vor allem für die deutsch-französische Aussöhnung stark, begründete gemeinsam mit seinem französischen Amtskollegen Pierre Pflimlin die Städtepartnerschaft zwischen Stuttgart und Straßburg. Neben dem Wiederaufbau der Stadt galt Kletts Augenmerk insbesondere dem Aufbau des öffentlichen Nahverkehrs, große Teile des heutigen Stadtbahnnetzes entstanden unter seiner Ägide. Die Bodenseewasserversorgung, der Bau der gigantischen Leitung vom Bodensee nach Stuttgart, war sein herausragendes Projekt. Andererseits wurden unter OB Klett zahlreiche im Krieg beschädigte Gebäude gegen breiten Widerstand der Bevölkerung abgerissen, etwa das Kronprinzenpalais, an dessen Stelle heute das Stuttgarter Kunstmuseum steht. Der passionierte Porschefahrer legte mit dem Bau zahlreicher Durchgangsstraßen auch den Grundstein für die heute viel kritisierte autogerechte Stadt. Klett amtierte bis zu seinem Tode 1974.

Manfred Rommel

Fast wäre Manfred Rommel, Jahrgang 1928, schon zur OB-Wahl 1966 gegen den populären Arnulf Klett angetreten. Die CDU wollte den jungen Regierungsdirektor im Innenministerium ins Rennen schicken, doch Rommel lehnte ab. Acht Jahre später, nach Kletts Tod, konnte sich der Sohn des Generalfeldmarschalls Erwin Rommel dem Drängen seiner Partei nicht mehr entziehen. Im zweiten Wahlgang gab’s für ihn 58,9 Prozent – ein klarer Erfolg. Auch seine Wiederwahlen 1982 (69,8 Prozent) und 1990 (71,7) waren ein klarer Vertrauensbeweis der Bürgerschaft für den liberalen Christdemokraten. Seine 22-jährige Amtszeit war geprägt vom Terror der RAF in den späten Siebzigern und der kommunalen Finanzkrise in den Neunzigern. Rommel baute den öffentlichen Nahverkehr weiter aus, auch der Flughafenausbau in den Achtzigern ging auf sein Konto. Auch den Bau des Stuttgart-21-Tiefbahnhofs befürwortete und initiierte er mit. Die deutsch-französischen Beziehungen waren ihm so wichtig wie seinem Vorgänger. Seine Amtszeit zeichnete sich aber vor allem durch seine in Erinnerung gebliebenen schwäbisch knitzen, mitunter philosophischen Reden und Aphorismen aus. Rommel war nie Parteisoldat, er verstand es, auch in sensiblen Momenten der Stadtgeschichte – etwa bei der Bluttat auf der Gaisburger Brücke 1989, als ein dunkelhäutiger Asylbewerber mit einem Bajonett zwei Polizisten ermordete und anschließend selbst getötet wurde – die richtigen Worte zu finden. „Es hätte auch ein Schwabe sein können“, so Rommel damals über den Täter. 1996 verließ Rommel, bei dem Mitte der Neunziger Parkinson diagnostiziert worden war, das Rathaus – hoch geschätzt über die Parteigrenzen hinweg. Er verstarb 2013.

Wolfgang Schuster

Der gebürtige Ulmer, geboren 1949, galt als Rommels Ziehsohn und wurde 1997 sein Nachfolger im Rathaus. Zuvor war der Christdemokrat acht Jahre OB in Schwäbisch Gmünd, danach zunächst Kulturbürgermeister in Stuttgart. Schuster setzte den unter Rommel eingeschlagenen Weg der Haushaltskonsolidierung fort, hinterließ der Stadt aber auch diverse Kulturprojekte wie das Kunstmuseum, die neue Stadtbibliothek oder das Stadtmuseum und legte ein Programm für mehr Kinderfreundlichkeit in der Stadt auf. Er setzte die liberale Integrations- und Migrantenpolitik seines Vorgängers fort. Darüber hinaus blickte er über die Stadtgrenzen hinaus und versuchte, Stuttgart im Kontext der Metropolen der Welt zu platzieren, scheute dabei vor Vergleichen mit Paris, Sydney oder New York nicht zurück. Dementensprechend entpuppte sich manches Projekt als Luftnummer, so etwa der geplante Bau des sogenannten Trump-Towers auf dem Pragsattel. 2004 wurde er im Amt bestätigt. Schuster war wie Rommel ein begeisterter Fan des umstrittenen Bahnprojekts Stuttgart 21 und tat sich schwer, mit den Projektkritikern adäquat umzugehen. In seine Amtszeit fällt auch der Schwarze Donnerstag: Am 30. September 2010 eskalierte ein Polizeieinsatz zur Räumung des Schlossgartens von S-21-Gegnern, dabei wurden hunderte Demonstranten und dutzende Polizisten verletzt. Schuster und die gesamte Stadtverwaltung waren über den Einsatz, der sich später als rechtswidrig herausstellte, nicht informiert. Am Abend des Einsatzes kritisierte er die harte Linie seines Parteifreundes und Ministerpräsidenten Stefan Mappus und bedauerte die Eskalation. 2012 erklärte er seinen Verzicht auf eine dritte Amtszeit.

Fritz Kuhn

Noch ist es zu früh, die Amtsperiode des ersten grünen OB einer deutschen Landeshauptstadt abschließend zu beurteilen. 2012 setze sich der vormalige Landes- und Bundespolitiker Kuhn (Jahrgang 1955) gegen den von der CDU, den Freien Wählern und der FDP unterstützten parteilosen Medienunternehmer Sebastian Turner im zweiten Wahlgang klar durch. Kuhn versprach den Bürgern, die durch Feinstaub belastete Luft im Talkessel besser zu machen und den Autoverkehr in der City um 20 Prozent zu reduzieren. Ersteres ist ihm auch durch die Einführung des Feinstaubalarms und der Reduzierung des Tempolimits von 50 auf 40 Stundenkilometer gelungen. Trotz der von ihm propagierten Einführung des sogenannten Jobtickets für den Nahverkehr nahm der Verkehr allerdings lediglich um circa sieben Prozent ab. In seiner Amtszeit wurde das Radwegenetz massiv ausgebaut, als erster OB legte er ein 200 Millionen Euro schweres Paket für Maßnahmen gegen den Klimawandel auf. Auch in der Kultur setze er Wegmarken mit dem Neubau des John-Cranko-Ballettinternats und der Sanierung des Kulturzentrums Wagenhallen. Seine wohl spektakulärste Amtshandlung war 2013 die Schließung des Fernsehturms aus Brandschutzgründen, was ihm viel Kritik eingebracht hat. Die von ihm ebenfalls vorangetriebene Sanierung der Staatsoper nebst Bau einer Interimsspielstätte für Oper und Ballett wird nun wohl seinen Nachfolger oder seine Nachfolgerin weitere beschäftigen: Im Januar verkündete Fritz Kuhn völlig überraschend seinen Verzicht auf eine weitere Amtszeit.




Unsere Empfehlung für Sie