Die Zeit der Großprojekte in Stuttgart geht langsam aber sicher zu Ende. Der Nachfolger von OB Wolfgang Schuster wird sich um Wohnungsbau und Verkehrsberuhigung kümmern müssen.

Stuttgart - Dass der amtierende Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) gerne Bagger fährt, ist kein Geheimnis. Wo immer es galt, symbolisch einen Neubau auf den Weg zu bringen, war der Rathauschef zur Stelle – zur Not tat es auch ein normaler Spaten. Und in der Tat hat die Stuttgarter Innenstadt unter seiner Ägide einen wahren Bauboom erlebt. Besonders die Immobilienbranche wird Schusters Abgang deshalb bedauern.

Etwa seit Mitte der 90er Jahre – Schuster war 1996 erstmals ins Amt gewählt worden – klopfen Investoren und Baumogule im Stuttgarter Rathaus an. Beflügelt von der guten wirtschaftlichen Lage im Land suchten sie das Gespräch mit der Rathausspitze und trafen dabei meist auf offene Ohren. Heraus gekommen sind dabei etwa der Technologiepark in Wangen, das runderneuerte Bosch-Areal im Stuttgarter Westen und die Schwabengalerie in Vaihingen, aber auch architektonische Unikate wie die Museen von Daimler und Porsche und diskussionswürdige Objekte wie das Carl-Benz-Center beim Stadion und die Bankenpaläste beim Hauptbahnhof.

Die OB-Denkmäler sind bereits gebaut

Derlei Gestaltungschancen bieten sich dem neuen Oberbürgermeister vorerst nicht. Mit Steuergeldern zu realisierende Denkmäler wie das Kunstmuseum am Kleinen Schlossplatz, die neue Stadtbibliothek hinter dem Hauptbahnhof, aber auch die Messe auf den Fildern und die Revitalisierung des alten Messegeländes auf dem Killesberg mit dem Mix aus Studios für Kreative, Handel, Dienstleistungen und Wohnungen sind bereits gebaut. Dem Schuster-Nachfolge bieten sich unabhängig davon Möglichkeiten, die Stadt bürgerfreundlich weiterzuentwickeln: Er oder sie kann versuchen, Bad Cannstatt näher an den Neckar zu bringen, und es gilt, die Stadt vom überbordenden Durchgangs-, Ziel- und Quellverkehr zu befreien, um die Schadstoffwerte in der Luft zu senken. Handlungsmöglichkeiten eröffnen sich etwa an der „Kulturmeile“ und in den Innenstadtbezirken mit einem flächendeckenden Anwohnerparken. Der Rosensteintunnel zwischen Löwentor und B 10 wird – abhängig vom Wahlausgang – zur Disposition gestellt oder eben gebaut.

Mitunter wollte der OB zu hoch hinaus, um den Standort im Wettbewerb zu positionieren. Erinnert sei an den Trump-Tower, der über das Planungsstadium nie hinauskam. Die City-Prag ist seitdem weithin bekannt, um die Entwicklung der Brache muss sich aber der nächste OB kümmern.

Der Neckarpark muss entwickelt werden.

Die gescheiterte Bewerbung Stuttgarts um die Olympischen Spiele 2012 bleibt zwar ein Makel, hat der Stadtplanung aber zugleich auf dem ehemaligen Areal des Cannstatter Güterbahnhofs im Neckarpark neue Chancen eröffnet. Das Beispiel unterstreicht die politische Ausrichtung in Sachen Wohnungsbau: Die Wiederbelebung innerstädtischer Flächen hat Priorität, auf die Versiegelung der grünen Wiese am Stadtrand wird ebenso verzichtet wie auf das Zubetonieren der Hänge. Im Neckarpark stehen große Investitionen bevor: Daimler erweitert seine Mercedes-Welt, und Porsche erwägt den Bau eines Science-Centers. Und der VfB Stuttgart denkt an eine Modernisierung seiner Vereinsbauten. Seine Heimstätte, die Mercedes-Benz-Arena, ist bereits umgebaut. Nun muss die Sportinfrastruktur auf der Waldau optimiert werden: Der Umbau des Stadions und die Neuordnung des Sportgebiets werden eine Herkulesaufgabe. Auf dem Plan steht zudem der Bau eines Sportbades.

Das neue Stadtoberhaupt braucht sich keine Gedanken über mögliche Standorte für zentrumsnahe Einkaufszentren machen – ihm obliegt es, sich über die Konsequenzen ihrer Existenz für die Einzelhandels-Konkurrenz in der City Gedanken zu machen. Die Frage, wie viel Baumasse und wie viel Konsumangebot die Stadt verträgt, bleibt in Anbetracht der Bauwut natürlich auf der Tagesordnung.

Das Rosensteinviertel bietet Chancen und Risiken

Im Bau oder in Planung sind das „Gerber“, das einst als Da-Vinci-Projekt angetretene „Dorotheen-Quartier“ in der Stadtmitte und das Shopping Center „Milaneo“ an der Wolframstraße: Nur mühsam gelang es, die ursprünglichen Pläne des vom Hamburger Kaufhausspross Alexander Otto geführten Investors ECE von 40 000 Quadratmeter auf nunmehr noch 24 000 Quadratmeter Handelsfläche abzuspecken und die Zahl der Tiefgaragenparkplätze zu reduzieren. Ob die City ein Projekt dieser Dimension verträgt, ist fraglich.

Die größte städtebaulichen Entwicklungschance der Stadt birgt auch das größte Risiko: die Überbauung des alten Gleisgeländes, das nach der Verlegung des Stuttgarter Hauptbahnhofs unter die Erde irgendwann Ende des nächsten Jahrzehnts entwicklungsreif sein soll. Die Stuttgart-21-Gegner befürchten eine ähnlich menschenfeindliche Architektur wie rund um den Mailänder Platz und bezeichnen das Bahnhofsprojekt als reines Immobilienprojekt. Die Mehrheit des Gemeinderats sieht im Rosensteinviertel ein Modell für die Stadtentwicklung des 21. Jahrhunderts, um das Stuttgart beneidet werde. Ein ökologisch mustergültiges Quartier soll dort unter Mitwirkung der Bürger in Planungswerkstätten und Workshops entstehen.