Stuttgart - Stuttgart hat gewählt, aber nicht entschieden. Keiner der 14 Kandidatinnen und Kandidaten hat am Sonntag die absolute Mehrheit der Stimmen erreicht, die erforderlich gewesen wäre, um auf Anhieb zum neuen Oberbürgermeister gewählt zu werden. Auch wenn es noch keinen Sieger gibt, so gibt es jedoch einen klar Führenden. Frank Nopper, der Backnanger OB, hat sich mit 31,8 Prozent der Stimmen einsam an die Spitze gesetzt. Dabei kommt ihm die Unterstützung durch die CDU zugute, die sich insgesamt im Aufwind sieht. Nopper hat erfolgreich die CDU-Basis mobilisiert und nicht nur das: auch in den grün geprägten Innenstadtbezirken findet er Zuspruch. Der 59-Jährige geht damit aussichtsreich in den entscheidenden zweiten Wahlgang am 29. November. Er wird allerdings mehr anbieten müssen, als seine 18-jährige OB-Erfahrung in Backnang, die er im Wahlkampf herausgestellt hat. Routine alleine bringt Stuttgart nicht voran. Die Landeshauptstadt braucht ganz wesentlich auch Tatkraft und neue Ideen.
Grünen-Wähler verteilen sich
Für die Grünen-Kandidatin Veronika Kienzle, die angetreten ist, erste Oberbürgermeisterin Stuttgarts zu werden, endete der Wahlabend mit einer bitteren Niederlage. Ihr ist es nicht gelungen, das große grüne Wählerpotenzial in Stuttgart auch nur annähernd auszuschöpfen. So wichtig der Blick fürs Detail ist, den Kienzle als Bezirksvorsteherin pflegt, so sehr scheint es ihr aus Wählersicht doch an Durchschlagskraft zu fehlen. Mit 17,2 Prozent hat sie im ersten Wahlgang jedenfalls deutlich „underperformed“, um einen Begriff aus der allgegenwärtigen US-Wahl zu verwenden, ist also deutlich unter den grünen Möglichkeiten geblieben. Ein Teil der Grünen-Wähler gibt offensichtlich dem von SÖS, Linken, Piraten und der Tierschutzpartei unterstützten Hannes Rockenbauch mit seinem dezidiert öko-sozialen Profil den Vorzug. Jedenfalls verteilt sich das Stimmenpotential der Stuttgarter Grünen, die Amtsinhaber Fritz Kuhn vor acht Jahren im zweiten Wahlgang den Sieg ermöglicht haben.
Körners Rückzug ist konsequent
Davon profitiert auch Marian Schreier, neben Nopper der Sieger des Abends. In einem professionell geführten Wahlkampf hat sich der 30-jährige Bürgermeister aus Tengen in der Landeshauptstadt als politisches Talent einen Namen gemacht. Platz drei mit 15 Prozent hinter Nopper und Kienzle bedeutet für den Jüngsten der Bewerber einen Riesenerfolg. Für Schreier ist die Reise deshalb auch noch nicht automatisch zu Ende. Für Martin Körner hingegen schon. Mit seinen Themen Bildung, Wirtschaft, Wohnen ist der SPD-Fraktionschef auf seltsame Weise nicht durchgedrungen, obwohl er sich gut präsentiert hat. Sein Rückzug ist konsequent. Angesichts von 9,8 Prozent erübrigen sich alle OB-Ambitionen. Das gilt auch für den Rest des Bewerberfeldes. Sebastian Reutter, Michael Ballweg und die anderen Einzelbewerber kommen über einstellige Ergebnisse nicht hinaus. Damit sind sie faktisch aus dem Rennen. Das gilt auch für Malte Kaufmann von der AfD.
Wer verzichtet für wen?
Zufriedenstellend ist die Wahlbeteiligung, die ursprünglichste Form der Bürgerbeteiligung: 49 Prozent der 450 000 Wahlberechtigten haben ihre Stimme abgegeben – knapp drei Prozentpunkte mehr als vor acht Jahren, und das trotz Corona. Das spricht für das Interesse der Menschen an ihrer Stadt. Und es geht ja um viel: eine Großstadt mit großen Möglichkeiten. Deshalb bekommt man das OB-Amt auch nicht geschenkt, sondern muss es sich verdienen. Drei Wochen haben die Aspiranten dafür noch Zeit. Spannend wird sein, in welcher Konstellation. Ziehen weder Rockenbauch noch Schreier noch Kienzle zurück, wird Nopper der OB-Sessel nicht mehr streitig zu machen sein. Wer verzichtet also für wen? Wie bei einer TV-Serie gilt: Bleiben Sie dran!