Lange galt Amtsinhaber Hartmut Holzwarth in Winnenden als gesetzt – doch nun tritt ein parteiloser Kritiker auf den Plan. Was steckt hinter der späten Bewerbung?
Die Bewerbungsfrist ist fast abgelaufen, als doch noch ein zweiter Name auf dem Wahlzettel zur Oberbürgermeisterwahl in Winnenden auftaucht. Neben Amtsinhaber Hartmut Holzwarth (CDU) will sich nun auch Hans-Martin Fischer zur Wahl stellen. Die Stadtverwaltung bestätigt, dass beide Bewerbungen fristgerecht eingegangen und vom Wahlausschuss zugelassen worden sind.
Holzwarth, seit 16 Jahren im Amt, galt lange als gesetzt. Dass nun mit Fischer ein parteiloser Mitbewerber antritt, ist eine Überraschung.
„Nachträgliches Weihnachtsgeschenk“: Fischer inszeniert Kandidatur
Fischer, 60 Jahre alt, gelernter Bankkaufmann, jetzt „Medienunternehmer“ und seit knapp zwei Jahren Stadtrat für die Gruppierung „Bürgerstimme Winnenden (BWin)“, reichte seine Unterlagen laut eigener Darstellung in einem roten Paket ein – als „nachträgliches Weihnachtsgeschenk“ für die Stadt. Die Szene hatte er offenbar bewusst für die Lokalzeitung in Szene gesetzt.
Der Auftritt passt zum Stil Fischers, der in den vergangenen Monaten immer wieder öffentlich Zweifel an der Amtsführung Holzwarths geäußert hatte. Schon in seiner Haushaltsrede sprach er von einem „Neustart“, den sich viele Bürger wünschten. Als sich jedoch kein externer Kandidat fand, entschied er sich eigenen Angaben zufolge kurzfristig, selbst zu kandidieren, um den Bürgern eine echte Wahl zu bieten.
Fischer fordert Ende der Schuldenspirale und mehr Bürgerbeteiligung
Inhaltlich grenzt sich Fischer scharf vom Amtsinhaber ab: Er will ein Ende der städtischen „Schuldenspirale“, lehnt neue Steuern und Abgaben ab, spricht sich gegen den Windpark Hörnle, an dem sich die Stadt Winnenden beteiligen möchte, und gegen ein geplantes Flüchtlingsheim aus. Stattdessen wirbt er für mehr Bürgerbeteiligung und Verwaltungsumbau.
Konkrete Projekte, Finanzierungskonzepte oder strategische Leitlinien nennt er bislang nur vage. Auch eine klare Abgrenzung zu seiner eigenen Fraktion der „Bürgerstimme“, die im Gemeinderat durch provokative Rhetorik aufgefallen ist, bleibt aus. Zwar betont Fischer seine Unabhängigkeit und bezeichnet sich selbst als „politisch neutral“, doch Äußerungen zur Corona-Politik, zur Energiefrage und zur Stadtentwicklung ähneln in Ton und Inhalt häufig jenen der Bürgerstimme – und stoßen im Rathaus wie in Teilen des Gemeinderats regelmäßig auf Kritik.
Holzwarth setzt auf Klimaschutz und Bildung trotz Schulden
Amtsinhaber Holzwarth setzt derweil auf Verlässlichkeit. Der 56-jährige Verwaltungsprofi wirbt mit den Themen Klimaschutz, Digitalisierung, Wohnraum und Bildung. Seine Verwaltung soll bis 2035 klimaneutral arbeiten, Investitionen in Schulen und soziale Infrastruktur will er fortsetzen – trotz angespannter Haushaltslage.
Sein Ziel: Eine Stadt, die trotz Schulden handlungsfähig bleibt. Holzwarth tritt mit dem Selbstverständnis an, die nötige Erfahrung mitzubringen, um genau in schwierigen Zeiten die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dass er auch ohne Gegenkandidaten Wahlkampf gemacht hätte, gehört für ihn zur demokratischen Verantwortung. Einen politischen Wettbewerb begrüßt er ausdrücklich.
Kandidatenvorstellung am 15. Januar: Wer überzeugt die Wähler?
Wie belastbar die Ideen des Herausforderers sind und ob es überhaupt gelingt, Wähler zu mobilisieren, wird sich bei der offiziellen Kandidatenvorstellung am 15. Januar zeigen. Dort haben beide Kandidaten 15 Minuten Redezeit, anschließend dürfen Bürgerinnen und Bürger Fragen stellen.
Vieles spricht für eine klare Entscheidung zugunsten des Amtsinhabers. Dennoch sorgt Fischers Kandidatur zumindest für ein Mindestmaß an demokratischer Auswahl – und für einen spannenderen Wahlabend als beim letzten Mal, als Holzwarth ohne Konkurrenz antrat und nur ein Viertel der Bevölkerung überhaupt wählen ging.
Am 25. Januar 2026 haben die Bürgerinnen und Bürger in Winnenden die Wahl. Eine Wahl, die vor allem eins zeigt: Demokratie lebt vom Mitmachen – und manchmal auch vom Widerspruch. Ob dieser ausreicht, um ein Amt zu kippen, steht auf einem anderen Blatt.