OB-Wahl Stuttgart Von Wählerwanderungen und einer „Herkulesaufgabe“

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Es wird spannend: Fritz Kuhn und Sebastian Turner liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, Bettina Wilhelm tritt nicht erneut an. Wahlforscher analysieren nun, was bis zum zweiten Wahlgang geschehen kann.

Die Prognosen der Wahlforscher haben sich größtenteils erfüllt. Foto: Michael Steinert 36 Bilder
Die Prognosen der Wahlforscher haben sich größtenteils erfüllt. Foto: Michael Steinert

Stuttgart - Eine große Überraschung hat es für Frank Brettschneider am Sonntagabend bei der OB-Wahl in Stuttgart nicht gegeben. Seit Wochen verfolgt der Kommunikations- und Wahlforscher von der Universität Hohenheim den Wahlkampf intensiv und hat mit eigenen repräsentativen Umfragen Stimmungsbilder erhoben.

Dabei hat sich das Kopf-an-Kopf-Rennen des Grünen Fritz Kuhn mit dem CDU-Kandidaten Sebastian Turner ebenso abgezeichnet wie der Umstand, dass der SPD-Bewerberin Bettina Wilhelm und dem SÖS-Mann Hannes Rockenbauch nur die hinteren Plätze bleiben würden. Und eines steht für den Professor auch ganz klar fest: „Alle Vorteile liegen nun bei Fritz Kuhn.“

Wählerwanderung nach dem ersten Wahlgang

Dies zumal die Bürgermeisterin aus Schwäbisch Hall noch am Montag ihren Rückzug angekündigt hat und ein ähnlicher Schritt im Laufe der Woche auch von Rockenbauch erwartet wird. Aus seinen bisherigen Studien weiß Brettschneider, dass die Wähler des Stuttgart-21-Gegners sich im zweiten Durchgang in vierzehn Tagen gegebenenfalls aufsplitten werden – in einen Teil, der zu den Grünen wandert; und in einen anderen Teil, der zu Hause bleiben wird. Das sind jene Bürgerinnen und Bürger, die den Tiefbahnhof zutiefst ablehnen und sich von der Ökopartei nicht mehr vertreten sehen.

Jene, die am Sonntag bei Bettina Wilhelm ihr Kreuz gemacht haben, werden sich nach Ansicht des Wissenschaftlers in drei Lager spalten: einige werden nicht mehr zur Wahl gehen, eine kleinere Gruppe wird zu Turner abwandern und die größte Fraktion wird wohl Kuhn die Stimme geben. Brettschneider hält es nicht für ausgeschlossen, dass für bestimmte Wählerkreise es gar einen Reiz ausmachen könnte, mit dem 57-jährigen Bundestagsabgeordneten den ersten Grünen-Politiker auf den Chefsessel des Rathauses einer Landeshauptstadt zu hieven – und, ähnlich wie bei der Landtagswahl, eine jahrzehntelange CDU-Herrschaft zu beenden.

Turner steht vor Herkulesaufgabe

Dabei profitiere Kuhn unter anderem vom „Grünen-Flaggschiff“ Winfried Kretschmann, dem Ministerpräsidenten, der das Gegenteil eines „Bürgerschrecks“ sei – so wie Kuhn auch. Zudem seien die Grünen im großstädtischen Milieu mittlerweile so tief verwurzelt wie einst die CDU. „Und es wäre ein Irrtum zu glauben, dass dieser Trend sich mit einem Fingerschnipp umkehren lässt“, so Brettschneider.

Dies bedeutet im Ergebnis, dass der von Christdemokraten, Freien Wählern und Liberalen unterstützte Turner vor einer „Herkulesaufgabe“ steht, wie der Hohenheimer Wahlexperte befindet. Die einzige Möglichkeit, das Ruder noch herum zu reißen, bestehe darin, im Teich der bisherigen Nichtwähler zu fischen. Und da könnte manches zu holen sein, schließlich haben am Sonntag lediglich 46,7 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. Dann aber müsste es dem bürgerlichen Kandidaten gelingen, entsprechende thematische Akzente zu setzen. Und eine Voraussetzung wäre auch, dass es Turner und den Seinen gelingt, eine Geschlossenheit herzustellen – mit dem einenden Ziel, die Regentschaft im Rathaus nicht auch noch den Grünen zu überlassen, nachdem der Regierungssitz der Villa Reitzenstein sich bereits in deren Hand befindet. Unter dem Strich aber bleibt, dass Kuhn aus Sicht der Demoskopen als „klarer Favorit“ in den Endspurt geht, so auch das Urteil von Jürgen Hofrichter von Infratest/dimap, der in einer von Stuttgarter Zeitung und SWR in Auftrag gegebenen Umfrage vor der Wahl Vorteile für Kuhn vorhergesagt hatte.

SPD auf historischem Tiefpunkt

Als „Debakel“ bewerten die Meinungsforscher das Abschneiden der SPD, die mit 15,1 Prozent auf einen historischen Tiefpunkt gefallen ist. Der Kandidatin Bettina Wilhelm sei dies am allerwenigsten anzulasten, sagt Brettschneider. Den Sozialdemokraten sei schlicht ihr einst klassisches Klientel der Arbeiter und Gewerkschaftsfunktionäre abhanden bekommen.