OB-Wahlkampf in Leonberg Die Gesundheit treibt die Menschen um
Die Sorge um die medizinische Versorgung ist das Topthema im Kampf um die Macht im Rathaus. Das Rennen ist offen, meint Leonbergs Redaktionsleiter Thomas K. Slotwinski.
Die Sorge um die medizinische Versorgung ist das Topthema im Kampf um die Macht im Rathaus. Das Rennen ist offen, meint Leonbergs Redaktionsleiter Thomas K. Slotwinski.
Das Interesse der Menschen an der OB-Wahl in Leonberg ist überwältigend. Der Andrang beim Talk unserer Zeitung hat die optimistischsten Erwartungen unserer Redaktion weit übertroffen. Dass nicht alle, die gekommen sind, die spannende Diskussion mitverfolgen konnten, bedauern wir ausdrücklich. Die Stadtverwaltung, die tags drauf ihre offizielle Kandidatenpräsentation veranstaltet hat, zog die richtigen Schlüsse aus der gewaltigen Resonanz beim Zeitungstalk und erweiterte die Sitzkapazitäten.
Das Rennen um die Nachfolge Martin Georg Cohns, so viel lässt sich nach den beiden Runden sagen, ist nach wie vor offen. Die drei aussichtsreichsten Bewerber haben beim Zeitungstalk sachlich diskutiert. Dort, wie auch bei der offiziellen Kandidatenvorstellung der Stadt, hat sich herauskristallisiert, dass die Gesundheitsversorgung und das Leonberger Krankenhaus die Menschen umtreibt – keineswegs nur ältere.
Hier haben Marion Beck, Tobias Degode und Josefa von Hohenzollern eine ähnliche Position, die natürlich nur lauten kann, das medizinische Angebot im Raum Leonberg zu verbessern. Angesichts der Fokussierung des Klinikverbundes auf den beinahe milliardenschweren Neubau der Flugfeldklinik ist das eine echte Herausforderung.
Um den Status Quo des Krankenhauses in Leonberg zu retten, wird letztlich nur politischer Druck helfen. Ein lautes Nachdenken über einen Wechsel in der Trägerschaft erscheint da durchaus legitim, haben sich doch der Kreis Böblingen und der Klinikverbund mit ihren Wunschvorstellungen einer Uni-Klinik in eine babylonische Gefangenschaft der Finanzzwänge begeben, in der es keine Handlungsspielräume mehr gibt.
Ob ein medizinisches Versorgungszentrum, um dessen Sinnhaftigkeit sich Tobias Degode und Josefa von Hohenzollern streiten, ein Erfolgsgarant ist, lässt sich seriös kaum beantworten. Dass niedergelassene Ärzte in Bürokratie ertrinken und Gemeinschaftsverwaltungen Entlastung bringen können, liegt nahe. Klar ist aber, dass ein Versorgungszentrum kein adäquater Ersatz für ein Krankenhaus ist. Hier gilt: Das eine tun heißt nicht, das andere zu lassen.
Das zweite offensiv diskutierte Wahlkampfthema dürfte für viele Menschen schwer greifbar sein: eine Neuaufstellung der Stadtverwaltung. Hier legt sich Tobias Degode besonders ins Zeug. Ohne ihn beim Namen zu nennen, hat der Verwaltungschef des Düsseldorfer Kulturamtes bei der städtischen Kandidatenpräsentation den amtierenden OB scharf attackiert, von „Vertrauensverlust“ gesprochen und eine „Führung, die ins Handeln kommt“ gefordert. Indirekt dürfte er damit auch seine Mitbewerberin Josefa von Hohenzollern gemeint haben. Als Erste Bürgermeisterin ist sie die Stellvertreterin des OB – aber seit mehr als zwei Jahren im operativen Geschäft nicht tätig, weil ihr Chef sie mit einem Dienstverbot belegt hat.
Was Degode und von Hohenzollern eint: Beide haben den Verwaltungsberuf von der Pike auf gelernt. Marion Beck kommt hingegen aus dem Handel und ist vor neun Jahren in den öffentlichen Dienst gewechselt. Seit vier Jahren leitet sie bei der Stadt Herrenberg das Amt für Wirtschaftsförderung und Kultur, das laut Stellenplan über gut 50 Vollzeitstellen verfügt.
Und was sagt der Amtsinhaber zu alldem? Im Sommergespräch zeigt sich Martin Georg Cohn zurückhaltend bis versöhnlich, bedenkt auch seine scharfen Kritiker nur mit verhaltenen Rügen. Dass der selbstbewusste Verwaltungschef nach wie vor das meiste für richtig hält, was er in den vergangenen acht Jahren gemacht hat, passt zu seiner Persönlichkeitsstruktur. Gleichwohl ist erkennbar: Hier ist einer an einem möglichst einvernehmlichen Abschied interessiert.