OB-Wechsel in Leonberg Ein Kaltstart für den neuen Oberbürgermeister Degode

Er ist von Anfang an gefordert: Tobias Degode Foto: Simon Granville

Tobias Degode hat im Wahlkampf die Erwartungen hochgeschraubt. Die Aufgaben sind von Anfang an groß, meint unser Leonberger Redaktionsleiter Thomas K. Slotwinski.

Leonberg: Thomas K. Slotwinski (slo)

Viel ist in den vergangenen Monaten gerade in der Region Leonberg über den Oberbürgermeister zu lesen. Doch welche Aufgaben, welche Rechte und Pflichten hat er überhaupt? Die Gemeindeordnung in Baden-Württemberg verleiht dem Oberbürgermeister eine besonders starke Stellung, vielleicht eine der stärksten in ganz Deutschland. Er ist stimmberechtigter Vorsitzender des Gemeinderats, Chef der gesamten Verwaltung und höchster Repräsentant der Stadt.

 

Tobias Degode war erfolgreich mit dem Neustart-Slogan

Wie mächtig die Position eines OB sein kann, das konnte anhand der Vorgänge in Leonberg sehr genau verfolgt werden. Der jetzt aus dem Amt scheidende Martin Georg Cohn konnte im Alleingang seine Stellvertreterin Josefa von Hohenzollern mit einem Dienstverbot belegen. Er musste sich hierfür weder die Zustimmung der Kommunalaufsicht noch die des Gemeinderats holen.

Sehr viel Verantwortung und, ja, Macht in einer Hand. Umso größer sind die charakterlichen Anforderungen an den Amtsinhaber. In Leonberg ist dies jetzt Tobias Degode. Der 38-jährige Finanzfachmann hat mit dem Slogan des Neustarts für sich geworben und damit Erfolg gehabt. Schon im ersten Anlauf knackte er die 50-Prozent-Marke und ist nun Chef einer Verwaltung mit rund 1000 Köpfen in einer Stadt mit knapp 50 000 Einwohnern.

Wie geht es mit Josefa von Hohenzollern weiter?

Je größer die Stadt, desto größer die Probleme, lautet eine alte Regel in der Kommunalpolitik. Angesichts der schwierigen Aufgaben könnte Leonberg locker doppelt so groß sein. Denn neben den gängigen Themen Finanzen,Verkehr oder Wohnungsnot hat die Stadt am Engelberg noch einige Alleinstellungsmerkmale im negativen Sinne.

Gibt es eine Zusammenarbeit mit Josefa von Hohenzollern? Foto: Simon Granville

Allen voran die ungeklärte Frage an der Verwaltungsspitze. Die Erste Bürgermeisterin ist auf Geheiß des nun ausscheidenden Chefs seit mehr als zwei Jahren im bezahlten Zwangsurlaub. Josefa von Hohenzollern will unbedingt wieder arbeiten. Der neue OB hat sich intern zumindest offen für eine Rückkehr der resoluten Juristin gezeigt. Doch Degode bekommt schon jetzt politischen Druck, obwohl er noch gar nicht im Amt ist.

Die SPD will lieber einen weiteren Bürgermeister wählen, ehe sie von Hohenzollern wichtige Dezernate überlässt. Und auch die CDU, die Degode im Wahlkampf massiv unterstützt hat, stellt sich einen Neustart am liebsten ohne der von Cohn kaltgestellten Bürgermeisterin vor. Die andere Fraktion, auf die Degode im Wahlkampf bauen konnte, ist da deutlich zurückhaltender. Die Freien Wähler halten nichts davon, schon im Vorfeld personelle Forderungen öffentlich zu stellen. Der neue OB wird sich direkt nach seinem Dienstantritt mit der sensiblen Personalie auseinandersetzen müssen.

Viele Mitarbeiter in Leonbergs Verwaltung sind frustriert

Das ist bei Weitem nicht die einige harte Nuss, die der Rheinländer knacken muss. Das Trauerspiel an der Stadtspitze hat sich negativ auf die ganze Verwaltung ausgewirkt. Das Stimmungsbarometer bei vielen Mitarbeitern schwankt zwischen frustriert und desillusioniert. Der neue Chef muss das in Teilen brach liegende Potenzial der Belegschaft möglichst schnell freilegen, im Idealfall eine Aufbruchstimmung erzeugen.

Im Tagesgeschäft hat Degode einen Kaltstart. Schon in der kommenden Woche tagen wichtige Fachausschüsse, die Etatberatungen sind in den letzten Zügen. Der Haushalt wird noch vor Weihnachten verabschiedet. Auch wenn er in wesentlichen Punkten noch von seinem Vorgänger geprägt ist, muss Degode am Ende den Kopf hinhalten.

Der von ihm selbst postulierte Neuanfang ist also alles andere als leicht. Insofern ist dem neuen Oberbürgermeister eine gute Hand, die nötige Gelassenheit, Überzeugungskraft, Nervenstärke und auch das nötige Quäntchen Glück zu wünschen.

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