US-Präsident am Ground Zero Obama sucht leisere Töne

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Washington - Bescheidener lässt sich der Schlussakt nach vielen Jahren bitteren Wartens kaum zelebrieren. Kaum hat Barack Obama zusammen mit einem Offizier einen Kranz am Ground Zero niedergelegt, versinkt er ernst und mit zerfurcht wirkendem Gesicht in einem stillen Gebet. Hier hat mit dem Tod von 3000 Menschen am 11. September 2001 ein Kapitel der amerikanischen Geschichte begonnen, das sich mit dem Tod des obersten Drahtziehers Osama bin Laden vielleicht endlich schließen lässt. Von Triumph ist keine Spur. Der US-Präsident grüßt eine Frau und drei Mädchen, die offensichtlich im World Trade Center ihren Vater verloren haben. Er wird lange mit den Opfern reden. Von Helden redet Obama nicht mehr, wie er es eineinhalb Stunden vorher in einem Feuerwehrhaus in Manhattan getan hat.

Auch das Weiße Haus ist anfangs der Versuchung erlegen, aus dem Tod Osama bin Ladens ein Heldenepos zu stricken. Das Duell Gut gegen Böse war angeblich ein Kampf Mann gegen Mann – anders, als die Kämpfe ohne Fronten, in welche die USA in Afghanistan verstrickt sind. Zunächst hatte man irrtümlich behauptet, Bin Laden habe sich mit der Waffe in der Hand gewehrt und seine Ehefrau als menschliches Schutzschild genommen, dies war überzogeneSchwarz-Weiß-Malerei. Am Donnerstag wurde bekannt, dass der Terroristenchef und seine Helfer kaum Widerstand leisteten. „Die neuen Details legen nahe, dass der Angriff, obwohl chaotisch und blutig, extrem einseitig verlaufen ist“, schreibt die „New York Times“. Nur ein Mann in Bin Ladens Umgebung habe ganz am Anfang kurz geschossen. Das erinnert an frühere Schilderungen des Militärs wie die Befreiung der Soldatin Jessica Lynch im Irakkrieg, die sich später anders darstellten als in den ersten Berichten.

Die Männer, die bin Laden töteten, haben kein Gesicht

Als moralisch geläutert zeigen sich die USA nicht. Ehemalige Mitarbeiter der Bush-Regierung versuchten den Erfolg sogar als Rechtfertigung für die Folterpraktiken auf Guantánamo zu nutzen, die angeblich entscheidende Hinweise erbracht hätten. „Wenn wir tatsächlich 2003 durch ,Waterboarding‘ heiße Erkenntnisse gehabt hätten, dann hätten wir Osama bin Laden doch 2003 erledigt“, sagt Tommy Vietor, Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats. Und noch etwas geht unter: In Wahrheit trifft Amerika Terroristen nur selten im direkten Kampf. Wichtigstes Instrument sind unbemannte Flugzeuge, die sogenannten Drohnen. Sie werden von einem Tausende Kilometer entfernten, sicheren Bunker im Herzen der USA aus gesteuert. Doch die „Washington Post“ kennt das Profil des neuen amerikanischen Helden: „Er hat einen starken Oberkörper, schmale Taille, flachen Bauch“. Zwischen 26 und 33 Jahren alt sei er, also jung genug, um körperlich fit zu sein, aber als Persönlichkeit schon gereift, schreibt das Blatt über das typische Mitglied der Elitetruppe Navy Seals.

Selbst unter den insgesamt rund 2400 Angehörigen der Seals, die sich von den US-Militärtauchern des Zweiten Weltkrieges herleiten, gehören die Soldaten der Einheit, welche Osama bin Laden attackierte, zu den Härtesten. Die Männer, die bin Laden töteten, haben allerdings kein Gesicht. „Ich mache weder meine Arbeit öffentlich, noch suche ich Anerkennung für das, was ich getan habe“, heißt es im Ehrenkodex der Elitetruppe. Noch nicht einmal in der Stadt Virginia Beach, wo der Stützpunkt liegt, aus dem das Einsatzkommando stammt, weiß man viel über die verschwiegenen Nachbarn. „Ich würde sie ja gerne in der Stadt feiern lassen“, sagt Bürgermeister Will Sessoms: „Aber das ist eine Herausforderung.“ Dass auch die schweigsamen Krieger nicht gegen eine Prise Eitelkeit gefeit sind, zeigt die Tatsache, dass in wenigen Tagen eine Autobiografie eines ehemaligen Elitekämpfers in den Buchhandel kommt – und nun reißenden Absatz finden wird. Ansonsten bleiben Anekdoten und Legenden.

"Patriotismus und unvergleichlicher Mut"

Jeder Seal muss die angeblich härteste Militärausbildung der Welt überstehen. Der Name ist eine Abkürzung für „Sea, Air, Land“ – also den Kampf zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Der Schlusspunkt ist die sogenannte Höllenwoche, ein sechs Tage und Nächte währender Marathon der Torturen, bei dem von 200 schon vorher hart gesiebten Bewerbern am Ende meist nur noch zwei oder drei Dutzend übrig bleiben. Sie sind nun Idole einer Gesellschaft, in der harte Männlichkeit und Waffengewalt weniger tabu sind als in Deutschland. In den USA ist das harte Auswahlverfahren für die Eliterekruten sogar Unterhaltungsstoff fürs Kabelfernsehen. Im Geschichtskanal „History Channel“ oder dem 24-Stunden-Fernsehprogramm „Military Channel“ sieht man regelmäßig Männer mit tarnfarbenen Gesichtern, die eiskalte Flüsse durchwaten, sich von Hubschraubern abseilen oder mit Nachtsichtgeräten den Feind ausspähen. „Sie verkörpern die Professionalität, den Patriotismus und den unvergleichlichen Mut derer, die unserem Land dienen“, sagt Obama.

In der Euphorie über den gelungenen Angriff auf bin Laden rückt jedoch in den Hintergrund, wie kontraproduktiv solche Einsätze sein können. 2010 töteten Navy Seals bei einer Befreiungsaktion in Afghanistan versehentlich eine britische Geisel. Der Soldat, der die tödliche Granate in Richtung der Gefangenen warf, log anschließend über den Ablauf des Geschehens. Zwei Jahre vorher war ein Angriff im pakistanischen Grenzgebiet schiefgegangen. Anstatt hochrangige Taliban zu töten, traf das US-Kommando ausschließlich Zivilisten, was zu einer tiefen Krise mit Pakistan führte. In Somalia endete 1993 ein Angriff von Elitesoldaten auf einen Kriegsherren im Desaster. 18 US-Soldaten, aber wohl auch weit mehr als 1000 Somalier starben, darunter viele Zivilisten. Doch all das ist nun vergessen. „Die coolsten Typen der Welt“, so lautet eine Überschrift des Nachrichtenmagazins „Newsweek“. Und das liberale Internetportal Daily Beast präsentiert eine große Bildergalerie mit jungen Eliterekruten im knappen T-Shirt. Dass dies eine Weile unter dem Banner für eine große Serie mit dem Titel „Eine Nation mit Sex“ stand, ist sicher ein Versehen – aber auf gewisse Weise für den Testosteronüberschuss, der seit Sonntag die USA durchflutet, auch wieder bezeichnend.