Obdachlose Frau in Gerlingen Nachbarn der krebskranken Frau bedauern Zwangsumzug – „Er weint nur noch“

, aktualisiert am 15.09.2025 - 14:25 Uhr
Kerstin Hertfelder muss aus dem Gebäude in der Siemensstraße ausziehen. Foto: Simon Granville

Nachdem die Stadt Gerlingen den Umzug von Kerstin Hertfelder in eine andere Obdachlosenunterkunft verfügt hat, macht sich nun ein kleiner Verein für den Verbleib der Frau stark.

Ludwigsburg: Franziska Kleiner (fk)

Svenja Regel, Vorsitzende eines Tierschutzvereins in Gerlingen, und Kerstin Hertfelder aus der Obdachlosenunterkunft kennen sich – weil Svenja Regel beim Gassigehen mit ihrem Hund immer wieder auch an der Obdachlosenunterkunft vorbei kommt. Hertfelder habe sie eines Tages angesprochen, erzählt sie. So kamen sie miteinander ins Gespräch.

 

„Frau Hertfelder gehört zu jenen Menschen, die nicht wegschauen und Hilfe suchen für andere, die Hilfe brauchen“, sagt Svenja Regel. Dass Hertfelder aus der städtischen Unterkunft in der Siemensstraße ausziehen soll und damit aus ihrem kleinen sozialen Umfeld herausgerissen wird, will sie nicht einfach hinnehmen. Sie hat sich daher schriftlich an die Stadt gewandt. In ihrer Mail heißt es: „Uns ist bewusst, dass es Gründe für eine Umsiedlung geben wird. Dennoch möchten wir zu bedenken geben, dass Frau Hertfelder sich in ihrer derzeitigen Unterkunft wohlfühlt und ein Umzug in ihrem Zustand eine erhebliche Belastung darstellen würde.“ Und weiter: „Es wäre wünschenswert, wenn geprüft werden könnte, ob ein Verbleib möglich ist.“

Obdachlos und schwerkrank: Wie sie den Umzug leisten soll?

Mitte August hatte die Stadt Gerlingen verfügt, dass Kerstin Hertfelder ab dem 1. Oktober „zur Verhinderung der Obdachlosigkeit“ in eine andere Obdachlosenunterkunft „eingewiesen wird“, wie es amtlich heißt. In der Verfügung heißt es: „Aus organisatorischen Gründen wurde ihr Umzug nun notwendig.“ Die Stadt verweist darauf, dass die Unterbringung stets widerruflich erfolgt sei, immer auch mit der Verpflichtung verbunden, „dass Sie sich dauernd und intensiv um eine Wohnung bemühen“. Kerstin Hertfelder weiß das, sie würde auch gerne ausziehen. Doch „wie soll ich das bezahlen“, fragt sie mit Verweis auf ihre Hartz-IV-Bezüge und die sich später anschließende Erwerbsminderungsrente.

Selbstkritischer Blick der Obdachlosen auf die Vergangenheit

Hertfelder hat Krebs, jetzt habe sie sich auch noch eine Rippenfellentzüdung zugezogen. Die 57-Jährige lebt seit vielen Jahren in einer städtischen Unterkunft. Wie sie nun den Umzug leisten soll, weiß sie nicht. An einem Tag will ein Bekannter kommen, um ihre Schlafcouch abzubauen.

Die Ausbildung hatte sie einst abgebrochen, dann geriet sie nach eigenen Worten an die falschen Freunde, so kam eines zum anderen. Selbstkritisch blickt sie auf ihre Vergangenheit. Nun muss sie damit umgehen, das weiß sie wohl. Und doch hat sie ihren Stolz nicht verloren. „Ich lasse mich nicht rumschubsen.“ Die Vorsitzende des Tierschutzvereins formuliert es anders, sie wirbt für ein respektvolles Miteinander: „Sie ist doch kein schlechter Mensch, nur weil sie irgendwann im Leben den falschen Weg gewählt hat“, sagt Svenja Regel. Sie erlebe Hertfelder regelmäßig bei den Spaziergängen als freundliche, hilfsbereite Person. „Es wäre sehr schade, wenn sie in ihrer Situation zusätzlich mit einem Umzug belastet würde.“ Auf ihr Schreiben an die Stadt habe sie bis auf eine Eingangsbestätigung keine Reaktion erhalten, sagt Regel.

Den Verein, dem sie vorsitzt, gibt es seit 2021. Svenja Regel hat die „Hilfe für Streunerpfoten“ gegründet mit dem Ziel, das Tierleid in Rumänien verringern. Sie hatte selbst einen Hund aus Rumänien und wollte sich später selbst ein Bild von der Situation machen. Sie reiste nach Rumänien – daraus entstand das Engagement für eine Auffangstation und ein Tierheim.

Emotionale Verbindung der Obdachlosen zu einem Kater

Kerstin Hertfelder erzählt, sie habe früher selbst eine Hündin gehabt. Einen Rottweiler. Das Tier starb, kurz darauf wurde bei ihr Krebs diagnostiziert. Umso mehr hängt sie jetzt an einem Kater, einem Streuner, der immer wieder ins Haus kommt. „Es tut mir im Herz so weh, ich würde ihn am liebsten mitnehmen“, sagt Hertfelder, wohl wissend, dass dies nicht möglich ist. Für den Kater habe die 57-Jährige immer wieder Hilfe im Verein erfragt, erzählt Rebel, sie habe auch Hilfe geholt für eine andere verletzte Katze. „Sie unterstützt mit den wenigen Möglichkeiten, die sie hat.“

Kerstin Hertfelder spricht darüber wenig, wichtiger ist ihr im Gespräch mit unserer Zeitung die wiederholte Entschuldigung, nicht gleich ans Telefon gegangen zu sein. Sie sei bei ihrem Nachbarn gewesen, ihn trösten ob ihres nahenden Wegzugs. „Er weint nur noch.“

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