Michael Becker, 50 Jahre alt, sieht mit seinem langen, grauen Bart, dem Harley Davidson-Shirt und dem selbstbewussten Blick aus wie ein Alt-Rocker. Und gewissermaßen gehörte ihm die Straße auch Zeit seines Lebens irgendwie – aber nicht, weil er mit dem Motorrad durch sein Revier streifte.
Obdachlosigkeit als großes Abenteuer?
Michael Becker lebte rund 30 Jahre lang draußen, während dieser Zeit tingelte er durch halb Europa. Zuletzt kehrte er in seine alte Heimat Ludwigsburg zurück, machte einige Wochen Platte an der Friedenskirche, bevor er eine Bleibe fand. Heute wohnt er in einer Unterkunft der Wohnungslosenhilfe in Hoheneck, in seinem eigenen kleinen 15-Quadratmeter-Reich mit Fernseher, Kochecke und Blick auf den Neckar. An seiner Wand hängt ein Sinnspruch: „Negative Gedanken werden mit sofortigem Rausschmiss bestraft.“ Die Aussicht sei schön, sagt Michael Becker. „Aber mich juckt es immer wieder in den Füßen.“
Wer Michael Becker zuhört, kann leicht den Eindruck bekommen, dass Obdachlosigkeit ein großes Abenteuer ist. Dass sein Werdegang selbstbestimmt ist und war, das ist ihm wichtig. „Freiheit“, das Wort fällt immer wieder, darüber definiert er seinen Lebensentwurf.
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Im Landkreis gelten derzeit einige Hundert Menschen als obdachlos, die meisten davon in der Stadt Ludwigsburg selbst, sagt Heinrich Knodel von der Wohnungslosenhilfe im Kreis Ludwigsburg. So richtig beziffern lässt sich das ohnehin nicht, das liegt in der Natur von Obdachlosigkeit, aber auch daran, dass die Menschen teilweise von der Wohnungslosenhilfe betreut und erfasst werden, teilweise aber von den Kommunen. Die meisten Obdachlosen sind ja irgendwie irgendwo untergebracht, wie Knodel betont. In Wohnheimen, Interimsunterkünften, Wohngemeinschaften. Grundsätzlich gilt: Der Staat muss dafür sorgen, dass jeder ein Dach über dem Kopf haben kann. Und wirklich draußen, unter Brücken und auf Bänken, schläft im Landkreis dann auch nur eine kleine Zahl der als obdachlos geltenden Menschen.
Mit dem Begriff der „freiwilligen Obdachlosigkeit“ hat Knodel dennoch so seine Probleme. Er spricht lieber vom Schlagwort der „Freiwilligen Unfreiwilligkeit“. Oft gebe es eine Zäsur im Leben, eine Trennung, Job- und Wohnungsverlust und danach sei es dann schwer, richtig an das alte Leben anzuknüpfen. Und auch, um überhaupt irgendwo irgendwie unterzukommen, gebe es Hürden, man müsse sich (mit)kümmern, zuweilen mauerten Behörden, wo sie es nicht dürften. Die Energie, das Recht auf ein Dach über dem Kopf einzufordern, gar wieder eine echte eigene Wohnung zu finden, die habe nicht jeder.
Wegen Corona wieder eine Unterkunft gesucht
Für Michel Becker begann seine lange Reise bereits, als er gerade erwachsen war. Bis zwölf lebte er in Ludwigsburg, danach in Waiblingen, sodann zog er in die Ferne. Nach einiger Zeit auf deutschen Straßen ging es nach Griechenland. 15 Jahre lebte er in Thessaloniki, später in Clermont in Frankreich. Zwischenzeitlich hatte Becker eine Clique mit 20 obdachlosen Menschen „aus aller Herren Länder“. Wenn genug Geld durch Betteln zusammenkam, ging es für alle ins Restaurant. „Ich bin immer dort gewesen, wo es schön war“, sagt er. War es denn immer schön? Becker runzelt die Stirn. Nein, immer nicht, sagt er dann. Er hat Freunde verloren, die auf der Straße starben, durch Alkohol, Gewalt. Manchmal, da sei auch er verbal angegangen worden von intoleranten Menschen.
Dass er zurück nach Ludwigsburg kam, sich eine Unterkunft zuweisen ließ, hing allerdings mit einer Ahnung ähnlich Corona zusammen. Vor zwei, drei Jahren war das. „Ich habe gespürt, da ist etwas im Anflug, da bin ich erst einmal weg von der Straße.“ Ob er nach der Pandemie wieder loszieht? Er schließt es nicht aus, wenn die Gesundheit mitmache. Bis dahin erlaubt sich Michael Becker, der von sich sagt, dass er gut allein sein kann, einen kleinen Traum von Bürgerlichkeit. Er musiziert gern und gut – er trommelt. „Ich würde gerne bei einer Talentshow im Fernsehen damit auftreten“, sagt er. Eine Wohnung muss es nicht sein. Aber ein Studio? „Das wäre doch mal was“, sagt Michael Becker.