Auf diesen Wiesen und Feldern am Rand von Oberaichen sollen Wohnhäuser gebaut werden. Foto: Natalie Kanter
Als sie die Entwürfe für das neue Wohngebiet am südlichen Rand von Oberaichen gesehen hätten, sei ihnen die Kinnlade heruntergefallen, sagen Anlieger. Sie empfinden das Vorhaben als zu dicht, zu hoch und zu urban. Und wollen Mitsprache.
Frühlingsgras reckt seine Halme in den Himmel. Schafe grasen im Schutz von Obstbäumen. Feldwege bieten sich für einen Spaziergang an: Auf den Wiesen am südlichen Rand von Oberaichen kann man prima auf andere Gedanken kommen, durchatmen, Frischluft tanken. Jedenfalls noch. Denn um die Wohnungsnot zu lindern, hat sich die Stadt Leinfelden-Echterdingen vorgenommen, das Wohngebiet Bergäcker zu erweitern. Auf rund zwei Hektar Land soll ein neues Quartier entstehen, das preisgedämpften Wohnraum bietet. Auch Streuobstwiesen sollen dafür weichen. Mittlerweile gehören der Kommune auch die Grundstücke, die dafür nötig sind, und es gibt Pläne, wie das neue Stück Stadt einmal aussehen könnte.
Vier Büros hatten sich zu dem Gebiet Gedanken gemacht. Das Konzept „Stäffele Bergäcker“ war als Sieger aus der Mehrfachbeauftragung hervorgegangen. Robust und zeilenartig soll die Bebauung dem Verlauf der Höhenlinien demnach folgen, zwei- bis viergeschossig sollen die Neubauten werden und Ein- bis Fünf-Zimmer-Wohnungen bieten, informiert die Stadt dazu auf ihrer Homepage. Insgesamt sind dort 160 Wohneinheiten geplant.
Die Entwürfe waren bis Ende März im Foyer des Echterdinger Rathauses ausgestellt. Viele Oberaichener, darunter auch die Inhaber eines Leinfelder Architekturbüros, haben die Gelegenheit genutzt, sich die Pläne anzuschauen. „Uns ist die Kinnlade heruntergefallen“, sagen sie in einem Gespräch mit unserer Zeitung. Und: „Das Projekt ist an dieser Stelle grundsätzlich falsch.“ Dafür gebe es viel besser geeignete Flächen in der Stadt. Die Unruhe in dem Flecken ist groß. 30 Leute waren bei einer Informationsveranstaltung des Architekturbüros.
Die Anrainer sind nicht generell gegen die Bebauung des Gebietes. Die nun angedachte Bebauung empfinden sie allerdings als zu dicht, zu hoch, zu urban für den Rand ihres gewachsenen, bisher eher kleinteiligen Wohngebietes. Sie fühlen sich nicht gehört und dadurch übergangen. Sie wollen sich schnellstmöglichst einbringen, haben die Bürgerinitiative Bergäcker gegründet. „Der Charakter von Oberaichen wird durch das Vorhaben immens entfremdet“, sagt Christian Wolf. „Das Vorhaben ignoriert die bestehende Siedlungsinfrastruktur“, steht auf einem Informationsschreiben der Bürgerinitiative. Christian Wolf und Hagen Kruse haben eine Unterschriftenaktion initiiert und dafür unter anderem Listen in dem einzigen Obst- und Gemüseladen ausgelegt, den es in dem Wohngebiet gibt.
Anders ausgelobt, als angekündigt?
Kritisiert wird auch, dass das Gebiet offenbar „extrem anders ausgelobt worden ist, als zunächst angekündigt“. „Es handelt sich hierbei um eine durchschnittliche Dichte für Wohnbauflächen im Ballungsraum“, schreibt der Bürgermeister Benjamin Dihm unserer Zeitung dazu auf Nachfrage. Zu Beginn der Planungen sei zwar von 96 Wohneinheiten die Rede gewesen. Diese Angabe sei auf Basis erster grober Konzepte erfolgt, die von einer rechnerischen Standardgröße der Wohneinheiten ausgegangen waren. Mittlerweile sei das genauer ausformuliert worden. Die bauliche Dichte variiere derweil nur gering. Dihm spricht von einem „zeitgemäßen städtebaulichen Entwurf für die Bergäcker“. „Ein attraktives, bedarfsgerechtes und bezahlbares Wohnungsangebot für alle Bevölkerungsschichten“ solle dort entstehen.
Noch grasen Schafe in den Bergäckern unter Streuobstbäumen. Foto: Natalie Kanter
195 Menschen haben sich bisher an der Unterschriftenaktion beteiligt. Sie fordern, die aktuellen Pläne zu überarbeiten – an das Gesamtbild von Oberaichen anzupassen. Insbesondere das vorgesehene viergeschossige Quartiers-Parkhaus sollte nicht verwirklicht werden. Ein Verkehrskollaps wird zudem befürchtet. Denn die Zufahrtsstraßen zu dem neuen Gebiet seien schmale, oft zugeparkte Verkehrswege, die jetzt schon überlastet seien.
Auf die Kritik angesprochen, schreibt Bürgermeister Dihm: „Auf Grund der bestehenden Bodenpreise ist davon auszugehen, dass in gewissem Maß in die Höhe gebaut werden muss, damit die anschließend entstehende Wohnbebauung bezahlbar wird.“ Der Siegerentwurf biete aber die Möglichkeit der Variation. Es sei also möglich, die Anzahl der Wohneinheiten zumindest fein zu justieren. Die Pläne des Büros werden zurzeit auf ihre Realisierbarkeit überprüft. In den Blick werden hierbei die Wirtschaftlichkeit, die bauliche Dichte und der Verkehr genommen. Überprüft wird auch, ob die Streuobstwiesen der Bergäcker in Bauland umgewandelt werden können. Hierzu stimmt sich die Stadt mit der Naturschutzbehörde ab. Als nächster Schritt soll der Entwurf mit den Informationen aus der Prüfung ergänzt und dann in den städtischen Gremien vorgestellt werden.
Erhalt der Streuobstwiesen
Beteiligung Der Unmut der Anwohner hat auch die Kommunalpolitik erreicht. Stadträte unterschiedlicher Fraktionen, genauso wie die Stadtverwaltung, haben Schreiben erhalten, in welchen die Pläne für das Neubaugebiet kritisiert werden. „Wir nehmen das sehr ernst“, betonte Benjamin Irschik in der jüngsten Sitzung des Technischen Ausschusses. Er ist der Abteilungsleiter für Stadt- und Bauleitplanung auf dem Rathaus. Der Entwurf sei noch nicht der Weisheit letzter Schluss, betonte er. Im Herbst soll es eine Bürgerbeteiligung geben, in der die Fragen und Bedenken diskutiert werden.
Streuobstwiesen Die Stadt möchte die Streuobstwiesenbestände in den Bergäckern in Bauland umwandeln. Inwiefern dies möglich ist, ist im Paragraf 33a des Landesnaturschutzgesetzes geregelt. Diese Norm ist laut Bürgermeister Benjamin Dihm erst nachdem die Stadt die Bergäcker als Wohnbaufläche aufgekauft hat, in das Gesetz aufgenommen worden. Sie sieht vor, dass Streuobstwiesen mit einer Genehmigung umgewandelt werden können. Dies muss aber durch eine Neupflanzung ausgeglichen werden. Die Genehmigung wird nicht erteilt, wenn der Erhalt der Wiesen im öffentlichen Interesse liegt oder auch für den Erhalt der Artenvielfalt von wesentlicher Bedeutung ist.