Wichtige Kunden der Firma Lutz aus Oßweil sind zurückhaltender geworden. Schlecht geht es dem Betrieb deswegen aber nicht. Foto: Peter Mann
Auf einer Sommertour zu drei Ludwigsburger Betrieben schwärmt Oberbürgermeister Matthias Knecht von der Innovationskraft in der Stadt. Die Transformation der Autoindustrie treffe den Standort Ludwigsburg zwar hart, ins Wanken gerate dieser aber nicht.
Vor rund zwei Jahren hat das Schweizer Pharmaunternehmen Roche in Ludwigsburg einen großen Campus für 500 Mitarbeiter eröffnet. Damit hat das Milliarden schwere Unternehmen die drei früheren Standorte Aldingen, Kornwestheim und Waiblingen zusammengelegt. „Die Infrastruktur und die Voraussetzungen in Ludwigsburg waren und sind ideal“, sagte Andreas Pech, Leiter des Standortservices, während des Besuchs des Oberbürgermeisters am Freitag. Ein aufschlussreiches Detail über den neuen Standort: Da, wo jetzt Geräte für die Analyse von Blutproben hergestellt werden, lagerten früher unzählige Glühkerzen für Verbrennermotoren.
Die Wirtschaft in Ludwigsburg ist immer noch abhängig von der Autoindustrie, gleichzeitig aber auch anpassungsfähig und innovativ. Diese Botschaft hat Oberbürgermeister Matthias Knecht während seiner Sommertour am Freitagvormittag ausgesendet. Beim Besuch von drei Unternehmen im Stadtgebiet wurden die Wirtschaftsprobleme angesprochen – aber auch die Gründe, warum der Standort Ludwigsburg weiterhin erfolgreich sein wird.
Untergangsstimmung, wohin man schaut
Wirtschaftsinstitute werden nicht müde, es zu betonen: Die Stimmung in deutschen Chefetagen ist schlecht. Täglich machen neue Hiobsbotschaft über die angebliche Deindustrialisierung des Landes die Runde. Mehr als die Hälfte der großen Industrieunternehmen plant, die Produktion einzuschränken oder ins Ausland zu verlagern, meldete beispielsweise die Industrie- und Handelskammer. Auch für den Großraum Stuttgart zeichnen die Arbeitgeber ein düsteres Bild. „Die Produktion wird verstärkt abwandern, die Exporte werden zurückgehen“, prognostizierte Hanno Höhn Anfang Juni, er ist Geschäftsführer von Mann+Hummel und Vorstand von Südwestmetall im Bezirk Ludwigsburg.
„Es stehen schwierige Zeiten an“, sagte auch Matthias Knecht bei seiner Sommertour am Freitagvormittag. „Es gibt die Sorge, dass der Standortvorteil Deutschland eingebüßt wird. Hier ist es teuer und kompliziert.“ Zudem stelle die Transformation der Automobilindustrie den Wirtschaftsstandort Ludwigsburg vor große Herausforderungen. „Die Stadtverwaltung wird nicht ihre Augen vor den Herausforderungen verschließen.“
Von den Auswirkungen des Abschwungs berichtete Ulrich Harsch, Geschäftsführer der Karl Lutz Nachf. GmbH in Oßweil. Die rund 30 Zaunbauer und Schlosser des Betriebs leben zu einem großen Teil von Aufträgen der Unternehmen der Region. „Die Delle ist gerade auf jeden Fall zu spüren, es waren schon mal mehr Aufträge da“, sagt Harsch. Besonders die Kunden aus der Automobilindustrie seien zurückhaltend.
Ulrich Harsch und Matthias Knecht während des Betriebsbesuchs. /Peter Mann
Meckern könne er aber nicht, sagt Harsch. „Ich habe einen Kollegen aus Bremerhaven, der ist immer sehr begeistert, wie viele Möglichkeiten wir hier haben.“ Im Speckgürtel von Stuttgart gebe es für Unternehmen wie seines vergleichsweise viel zu tun, während die Automobilindustrie gerade unruhige Zeiten erlebt, gebe es andere Wirtschaftsbereiche in der Region, die aufblühen.
Ein Beispiel dafür ist die Beratungsbranche. Seit zehn Jahren unterstützt das Ludwigsburger Unternehmen FMT Consulting erfolgreich Großkunden wie Mercedes und die Deutsche Bahn im Bereich Arbeitssicherheit. Gerade während der Pandemie sei ihr Rat gefragt gewesen, sagt Geschäftsführer Julian Diel. Um die Zukunft mache er sich wenig Sorgen, tatsächlich erweitert FMT Consulting aktuell ihr Portfolio. „Gerade ist auch viel deutscher Pessimismus im Spiel“, kommentiert Diel die Horrornachrichten über die Wirtschaftslage.
Ähnlich sieht das Oberbürgermeister Matthias Knecht: „Trotz der Herausforderungen habe ich einen festen Glauben an den Standort Ludwigsburg. Gerade in den vergangenen Jahren sehe ich, wie in allen Ecken der Stadt etwas passiert.“ Weltmarktführer wie Roche kommen nach Ludwigsburg, heimische Unternehmen wie Goetze Armaturen und Lapp Kabel erweitern ihre Standorte. Weitere bekannte Unternehmen, die er nicht nennen dürfe, hätten in letzter Zeit nach Flächen angefragt, sagt Knecht. Die Stadt sei in der komfortablen Situation, sich neue Unternehmensansiedlungen genau anzuschauen und auszuwählen, wer wirklich zur Zukunft des Wirtschaftsstandorts passt.
Schmerzhafte Zeiten, die aber nicht das Ende bedeuten
Zudem gebe es viele erfolgreiche Handwerksunternehmen, einen erfolgreichen Mittelstand und interessante Start-Ups, „die uns immer wieder begeistern“, sagt Knecht. „Wir haben einen tollen Gewerbemix, hoch innovativ und hoch digitalisiert.“ Wenn es einer durch diese Krise schafft, dann der Wirtschaftsstandort Ludwigsburg, so die Botschaft des Rathauschefs.
Dass sich die Wirtschaft in und um Ludwigsburg schmerzhaft verändern wird, ist Unternehmern, Wirtschaftsverbänden und Behörden klar. Unter den Automobilzulieferern steht ein Ausleseprozess bevor, den nicht alle überstehen werden. Veränderung bedeutet jedoch nicht unbedingt Verschlechterungen, scheint das Motto für die Zukunft. Dann werden in Ludwigsburg eben Diagnostikgeräte produziert und nicht mehr Glühkerzen für Verbrennermotoren.
Weiter Frust wegen Stihl-Entscheidung
Stihl Obwohl Oberbürgermeister Matthias Knecht optimistisch in die Zukunft des Wirtschaftsstandortes blickt, wurmt ihn immer noch sichtlich der Fall Stihl. Die Stadt und das Kettensägenunternehmen haben lange an einem Neubau der Produktionsstätte in der Weststadt gearbeitet, dann machte Stihl jedoch einen Rückzieher. Die Produktion wandert womöglich ins Ausland ab.
Hoffnung An der Stadt Ludwigsburg habe es nicht gelegen, dass Stihl Alternativen sucht, beteuert Matthias Knecht. Er gibt die Hoffnung nicht auf: „Stihl hat die Fläche immer noch nicht verkauft, das macht mir Hoffnung, dass das neue Werk vielleicht doch noch in Betrieb geht.“