Obere Neckarvororte Fußgänger fordern attraktive Wege ein
Sperrungen, Umwege, Engstellen, Stolperfallen: Der Fußverkehrscheck in den Neckarvororten zeigt die Schwachstellen auf. Es gibt zahlreiche Verbesserungsvorschläge.
Sperrungen, Umwege, Engstellen, Stolperfallen: Der Fußverkehrscheck in den Neckarvororten zeigt die Schwachstellen auf. Es gibt zahlreiche Verbesserungsvorschläge.
Wangen - Autos par ken Gehwege und Kreuzungsbereiche zu, Werbeaufsteller, Parkscheinautomaten, provisorische Verkehrsschilder und Baustellenzäune stehen im Weg, Gaststätten schränken mit ihrer Bestuhlung den Raum ein, zwischendurch schlängeln sich noch die Radfahrer. Als Fußgänger hat man es nicht leicht in den Oberen Neckarvororten. Die Orte sind historisch gewachsen und da durch häufig recht eng bebaut, Konflikte zwischen den verschiedenen Verkehrsteilnehmern sind da programmiert.
Das Ziel des Fußverkehrschecks ist, den täglichen Hindernisparcours abzubauen und die Wege für Passanten attraktiver, barrierefrei und sicher zu machen. Die Oberen Neckarvororte beteiligen sich an der diesjährigen Aktion des Landesverkehrsministeriums. Dabei bewerten Bürger, Politik und Verwaltung gemeinsam die Situation des Fußverkehrs vor Ort. Begleitet wird das Projekt vom Büro Planersocietät. Erste Verbesserungsvorschläge wurden jüngst bei einem Workshop in der Wangener Kelter zusammengetragen, bei einer Begehung von Untertürkheim nach Wangen vor wenigen Tagen wurden markante Stellen in Augenschein genommen. Daran teil nahmen Geh- und Sehbehinderte, Vertreter des Vereins Fuß, die beiden Bezirksvorsteherinnen Dagmar Wenzel und Beate Dietrich sowie Robin Hillebrecht und Jonas Schmid vom Planungsbüro.
Gleich zum Start der Tour im Bereich Ötztaler/Oberstdorfer Straße wurde ein Problem angesprochen, das es an vielen Stellen gibt, etwa auch in der Geislinger Straße und in der Ulmer Straße: Es fehlt ein Zebrastreifen, der vor allem Kindern das Queren der Straßen erleichtert. Auch die zahlreichen Baustellen – etwa in der Arlbergstraße, auf dem Karl-Benz-Platz oder in der Laupheimer Straße – ärgern Fußgänger: „Überall ist der Durchgang verboten und die Umleitungsstrecken bedeuten für uns riesige Umwege“, klagte der Wangener Bezirksbeirat Niels Clasen. Generell würden die Belange der Fußgänger bei der Baustellenplanung zu wenig berücksichtigt, findet er.
Dringenden Verbesserungsbedarf sieht man auch zwischen dem Karl-Benz-Platz und dem Knotenpunkt Inselstraße/Wasenstraße. Hier teilen sich Fußgänger und Radfahrer den schmalen Gehweg, „das ist nicht tragbar“, meint Peter Erben von Fuß e.V. und schlägt deshalb vor, zumindest auf der Inselbrücke eine Fahrspur zugunsten eines Radweges abzuteilen. Zudem sollte für Fußgänger eine Querungsmöglichkeit geschaffen werden – auf der stark frequentierten Wegeverbindung zwischen Untertürkheim und Wangen gibt es eine solche auf mehreren hundert Metern nicht. Zudem ist die Unterführung beim Inselbad für Rollstuhlfahrer zu steil, hat ein spontaner Test gezeigt.
Fußgängerfreundliche Kommunen zeichnen sich durch durchgängige Wegenetze und eine gute Wegweisung aus. Wichtig sind ebenso Straßenräume, die so attraktiv sind, dass sie sich auch als Treffpunkte eignen. In der Arlbergstraße wäre laut Hillebrecht Shared Space denkbar, ein solcher Gemeinschaftsbereich für alle stößt aber bei Sehbehinderten auf Ablehnung. Sie wünschen sich klare Strukturen zur Orientierung. In der Ulmer Straße fehlt es an Sitzbänken, wurde bei der Begehung festgestellt. Kritisiert wurden ebenso zu kurze Grünphasen an Fußgängerampeln. Für Motorräder, Fahrräder und E-Scooter sollten eigene Stellplätze im Straßenraum ausgewiesen werden, damit diese nicht mehr auf Gehwegen abgestellt werden, lautete ein weiterer Verbesserungsvorschlag, den Hillebrecht notierte.
Die vom Land finanzierte Erhebung ist nur der erste Schritt, die Stadt Stuttgart müsste die städtebaulichen Veränderungen selbst umsetzen. Die Hoffnung ruhen nun auf den Gemeinderatsfraktionen, die einige der Vorschläge aus dem Fußverkehrscheck im Doppelhaushalt 2022/2023 aufgr eifen könnten.
Die zweite Begehung von Obertürkheim nach Hedelfingen findet am Donnerstag, 30. September, statt. Start ist um 17 Uhr an der Augsburger Straße 672. Der Abschlussworkshop des Fußverkehrschecks ist am Dienstag, 9. November, von 18 bis 20 Uhr in der Wangener Kelter geplant.