Oboist Lajos Lencsés Der heimliche Popstar

Von Susanne Benda 

Fast vier Jahrzehnte war er Solo-Oboist des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart. Jetzt hat Lajos Lencsés seine Memoiren veröffentlicht: ein Blick zurück in Liebe.

Lajos Lencsés (re.) beim Sinfonieorchester des Süddeutschen Rundfunks Mitte der 80er Jahre mit dem Chefdirigenten Sir Neville Marriner Foto: Lencsés
Lajos Lencsés (re.) beim Sinfonieorchester des Süddeutschen Rundfunks Mitte der 80er Jahre mit dem Chefdirigenten Sir Neville Marriner Foto: Lencsés

Stuttgart - Er spielt mit den Händen. Er schreibt mit der Hand. Seine Kommunikation findet mit Vorliebe live statt. Er liebt analoge Konzerte. Und bei einem Treffen draußen vor einem Café bestellt er keine Latte macchiato, sondern, wie früher: ein Kännchen Kaffee. Lajos Lencés, der Mann mit dem wehenden weißen Haar, gehört zu Stuttgart wie der Fernsehturm. Hier ist der Marktstand, an dem er einkauft – und sich dort auch mal von einer Marktfrau erzählen ließ, sie habe Musik von Helmut Lachenmannim Radio gehört, das sei zwar „anders als Mozart“, aber interessant, „der Mann muss sich viele Gedanken gemacht haben“. Hier schwitzt er in der Sauna. Dort lässt er sich im Opernhaus von Wagners „Tristan und Isolde“ oder von Francis Poulencs „Dialogues des Carmélites“ tief berühren. Da sitzt er in der Stiftskirche, fast jeden Freitag, bei der „Stunde der Kirchenmusik“, und „so viel Wunderbares“ hat er dort schon entdeckt! Vor allem aber ist der heute 76-jährige Lajos Lencsés 37 Jahre lang nicht nur Solo-Oboist im Radio-Sinfonieorchester Stuttgart gewesen, sondern eines von dessen Markenzeichen. „Ich bin treu“, sagt Lencsés, „ich hätte nie bei den Berlinern gespielt. Ich hätte ja gar nicht gewusst, wie ich da spielen muss.“

Jetzt sitzt der Musiker in der Frühlingssonne vor seiner Kaffeetasse und zieht glücklich ein Buch aus der Tasche: „Mein ganzes Leben“, sagt er lachend, „war mir die Musik am allerwichtigsten. Jetzt bin ich mir selbst mal wichtig.“

„Das denkende Schilfrohr“ ist, in Anlehnung an einen Gedanken von Blaise Pascal, der Lebensrückblick übertitelt, dem der Chef des CD-Labels Bayer Records, Rudolf Bayer, zum Leben verhalf. Zehn Jahre lang hat Lajos Lencsés seine Erinnerungen zusammengetragen, hat, wie er es formuliert, „mit Tinte“ geschrieben, durchgestrichen, immer wieder neu begonnen, und man ahnt, wie viel Arbeit auch die Übertragung des Handgeschrieben bereitet haben muss. Freunde haben sie für den Musiker erledigt – einige der zahlreichen Menschen, die er mit seiner Herzenswärme und seiner Offenheit gewonnen hat.

Als 23-Jähriger hat Lencsés Ungarn verlassen, weil er „intensiv und frei“ leben wollte

Lencsés ist einer, der das Leben anlächelt und der in allem und allen immer zuerst das Gute und Mögliche sieht. Auch dieser Blick auf die Welt dürfte ihm bei der Bewältigung jenes Traumas geholfen haben, das er sich selbst zufügte, zufügen musste: dem Abtrennen seiner Wurzeln. Ja, er hat nach einer Kindheit in einem Bergbauerndorf und seinem Studium in Budapest freiwillig als 23-Jähriger Ungarn in Richtung Frankreich verlassen, um dort so zu leben, wie er es sich erträumte: „intensiv und frei“. Und ja, er hat bei seinem Weg von Paris über die von ungarischen Flüchtlingen gegründete Philharmonia Hungarica bis hin nach Stuttgart neue Freunde gefunden – und zwei Orte, an denen er sich zu Hause fühlt: eine Bleibe am Bopser, ein Haus in der Provence.

Trotz alledem fühlt sich Lajos Lencsés bis heute als Emigrant. Die Worte aus Herta Müllers „Atemschaukel“, die er im Café zitiert, kann so jedenfalls nur einer sagen, dem sich das Gefühl der Heimatlosigkeit tief ins Herz gegraben hat: „An einen Ort kommen, der mich nicht kennt“, sagt Lencsés. Dann schweigt er kurz. Herta Müllers Worte mitsamt der Pause danach sind so stark, dass sie im Hintergrund weiterklingen, wenn man im Buch von der Kindheit des Musikers liest. Vom dörflichen Großereignis des Schweineschlachtens über seine Anfänge als – neunjähriger! – Klarinettist in einer Bergmannskapelle, über seine „Umschulung“ zum Oboisten zwei Jahre später (skurrilerweise durch einen Trompeter, der mit ihm zusammen Grifftabellen studierte). Und über seinen musikalisch hoch begabten Vater, der seine Träume nie ausleben konnte. „Ich lebe“, schreibt Lencsés, „mein Leben auch als Erfüllung dessen, was mein Vater von seinem Leben erwartet hat.“

Neugier ist Antrieb und Überlebensstrategie vieler Heimatloser. Neugier hat Lencsés zur Einspielung zahlreicher unbekannter Oboenwerke gebracht – „Unter den Oboisten“, schreibt er, „bin ich der Weltmeister, was Plattenaufnahmen betrifft – ich bin ein heimlicher Popstar.“ Und Neugier hat ihn zu offenen Begegnungen mit zahlreichen Dirigenten und Komponisten geführt. Intensiv widmet sich sein Buch Sergiu Celibidache, dem väterlichen Freund. Roger Norrington, der „Bio-Dirigent“ („Er hat alles naturbelassen in der Musik und keine Geschmacksverstärker benutzt“), lobte Lencsés überschwänglich: „You’re a Rolls-Royce!“ Carlos Kleiber schließlich sei gewesen „wie eine lebendige Bombe, die jederzeit explodieren kann“.

Beethoven als „erster Komponist des Atomzeitalters in der Musik“

Am Ende gibt es noch eine sehr eigen erzählte „Miniatur-Musikgeschichte“, die unter anderem Beethoven als „ersten Komponisten des Atomzeitalters in der Musik“ beschreibt: Das markante erste Thema der fünften Sinfonie, strahlend, klein wie ein Atom und kaum noch teilbar, erscheine in der Konfrontation mit anderen ständig in neuem Licht, „das ist musikalische Kernspaltung“.

Es gehört unbedingt zum Freigeist Lajos Lencsés dazu, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt. Er kann schwärmen – ebenso aber auch den Finger in Wunden legen. Teodor Currentzis: klasse; die Fusion der SWR-Orchester: Zerstörung, eine Sünde! Karl Böhm: „Selten habe ich etwas so Niederträchtiges erlebt.“ Und zur einstigen „heimlichen Kulturhauptstadt der Republik“: „Ach, Stuttgart, einst wunderschön, heute die Ruinenstadt des Turbokapitalismus. Überall klaffen riesige Löcher in ihrem Körper . . . Man fühlt in seinem Nacken den heißen Atem der geldgeilen Investoren, die durch die Stadt hecheln, um aus dem letzten Quadratmeter Boden noch Profit zu schlagen.“

Dennoch hat der Holzbläser aus Ungarn in Stuttgart Wurzeln geschlagen. Und ziert sein Buch nicht nur mit einer DVD, sondern auch mit eigenen Fotos von Bäumen. Sie stehen für das Holz, aus dem sein Instrument gemacht ist, für die Wurzeln, nach denen er sich zurücksehnt, und für schöne, oft gar skurrile Auswüchse der Fantasie. Lajos Lencsés wird weiterblasen. Hier und dort live und gewiss auch weiter auf CD. „Ich hänge ständig in der Luft“, sagt der Musiker zum Abschied vor dem Café, „aber ich möchte mit niemandem tauschen.“

An diesem Freitag, 5. April, stellt Lajos Lencsés um 18 Uhr in der Musikhochschule seine Memoiren in einem Konzert vor